Wie Wilhelm Liebknecht eine der prägenden Figuren der SPD wurde
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Eine der prägenden Figuren der deutschen Sozialdemokratie und der erste Chefredakteur des „Vorwärts“: Wilhelm Liebknecht
In den ersten Julitagen des Jahres 1847 verlässt ein junger Mann Gießen, um über Mainz und Rotterdam in die USA auszuwandern. Im Gepäck hat er ein Studium der Philologie, der evangelischen Theologie und der Philosophie. Da er außerdem je eine Ausbildung zum Zimmermann und Büchsenmacher absolviert hat, fühlt er sich gewappnet, in Wisconsin eine Ackerbau-Genossenschaft zu gründen.
Lehrer in der Schweiz statt Bauer in den USA
Die Fahrt endet in Mainz-Kastel. Der junge Mann hat sich von einem Lehrer der Fröbel’schen Musterschule in Zürich überreden lassen, als Lehrer an dieses reformpädagogische Institut zu gehen. Das soll sich als Glücksfall für die deutsche Sozialdemokratie erweisen, denn der Junglehrer ist kein Geringerer als der 21-jährige Wilhelm Liebknecht.
In der Pädagogik findet er eine Berufung, die er sein Leben lang in allen Phasen seines Lebens ausüben wird. In dem biographischen Artikel „Aus meiner Schulmeisterzeit“ gesteht Wilhelm Liebknecht: „In meinem politischen Leben ist mir hundertmal gesagt worden, namentlich nach einer Rede oder einem Vortrag: ‚Du bist doch der richtige Schulmeister!‘ Es war nicht immer im Guten gemeint, ich habe es aber immer, auch wenn es ein Tadel sein sollte, als ein Lob aufgefasst und mir dabei gedacht: ‚Keiner kann doch aus seiner Haut heraus!‘“
Erste journalistische Erfahrungen als Kriegsberichterstatter
Das trifft auch auf die zweite Leidenschaft Wilhelm Liebknechts zu. Schon als Schüler in seiner Geburtsstadt Gießen hat er, beeinflusst vom französischen Frühsozialisten Henri de Saint-Simon, begonnen, Gedichte und Geschichten zu schreiben. In Zürich macht Liebknecht erste journalistische Erfahrungen als Korrespondent der „Mannheimer Abendzeitung“. So berichtet er im November 1847 über den „Sonderbundskrieg“ zwischen den liberalen und den konservativen Kantonen der Schweiz.
Den freiheitlich gesinnten Liebknecht hält es nicht lange in der Eidgenossenschaft. Im Februar 1848 nimmt er an der Seite der Aufständischen an den revolutionären Kämpfen in Paris teil. Im September des Jahres beteiligt er sich am Aufstand südbadischer Revolutionäre in Lörrach und wird nach dessen Niederschlagung verhaftet und in Freiburg inhaftiert.
Sozialistische Lehrzeit in London
Als 1849 auch die Märzrevolution in Baden scheitert, flüchtet Wilhelm Liebknecht über die Schweiz, in der er Friedrich Engels kennenlernt, und Paris nach London. Dort beginnt seine sozialistische Lehrzeit. Er tritt dem Bund der Kommunisten bei und nimmt Kontakt zu Engels und Karl Marx auf. Wie viele Flüchtlinge, muss er in das harte Brot des Exils beißen. Er unterrichtet die missratenen Sprösslinge wohlhabender Familien und betätigt sich als Korrespondent für die „Allgemeine Zeitung“ in Augsburg.
Das Verhältnis zwischen Marx und Engels auf der einen und Wilhelm Liebknecht auf der anderen Seite lässt sich bei aller Freundschaft als gespannt bezeichnen, denn trotz aller sozialistischen Studien bleibt Liebknecht ein bürgerlich revolutionärer Radikaldemokrat. Karl Marx spottet über ihn: „Liebknecht ist ebenso schriftstellerisch unbrauchbar wie er unzuverlässig und charakterschwach ist.“
Von Lassalle zu Bebel
1862 kann Wilhelm Liebknecht im Zuge einer Amnestie nach Deutschland zurückkehren und sich in Preußen ansiedeln. Im Jahr darauf wird er Mitglied in Ferdinand Lassalles „Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) und setzt seine journalistische Tätigkeit fort. Er schreibt für den „Social-Demokrat“, das Organ des ADAV, aber auch für die bürgerlich liberale „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“.
Liebknechts revolutionärer Internationalismus und Lassalles reformierter Nationalismus passen auf Dauer nicht zusammen, aber erst nach Lassalles Tod spitzen sich die Differenzen mit dem ADAV zu; 1865 wird Liebknecht ausgeschlossen. Gleichzeitig wird er aus Preußen ausgewiesen, siedelt sich in Leipzig an und lernt im dortigen „Arbeiterbildungsverein“ August Bebel kennen. Beide gründen 1866 mit Gleichgesinnten die „Sächsische Volkspartei“, deren linker Flügel zu einer Keimzelle der SPD wird.
„Kein Verschwörer von Profession, ein Soldaten der Revolution“
Der „schriftstellerisch Unbrauchbare“ mag trotz Marxens Verdikt nicht vom Journalismus lassen – und das ist gut für die deutsche Sozialdemokratie. 1868 gründet er in Leipzig die „Demokratische Woche“, die bewusst als radikales Gegenblatt zum lassalleanischen „Social-Demokrat“ angelegt ist. Nachdem 1869 der linke Flügel der „Sächsischen Volkspartei“ in der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) aufgegangen ist, übernimmt Wilhelm Liebknecht die Leitung des neuen Parteiorgans „Der Volksstaat“, den er zu einem marxistisch ausgerichteten Kampfblatt ausbaut. 1866 werden August Bebel und Wilhelm Liebknecht in den Norddeutschen Reichstag gewählt.
Liebknechts und Bebels Ablehnung des französisch-deutschen Kriegs im Jahr 1870 und die Weigerung, Kriegskrediten zuzustimmen, führt im März 1872 zum Hochverratsprozess in Leipzig. Liebknecht erklärt selbstbewusst: „Ich bin kein Verschwörer von Profession, kein fahrender Landsknecht der Konspiration. Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution.“ August Bebel und Karl Liebknecht werden zu je zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Nach Verbüßung ihrer Haftstrafen werden sie 1874 in den Reichstag des Kaiserreiches gewählt.
Mit Wilhelm Hasenclever geht es „Vorwärts“
Da mit der Reichsgründung wesentliche Differenzen zur nationalen Frage entfallen sind, nähern sich die beiden Arbeiterparteien langsam an und vereinigen sich schließlich 1875 in Gotha zur „Sozialistischen Arbeiterpartei“ (SAP). Bevor es 1876 zur Gründung des „Vorwärts“ als Organ der neuen Partei kommt, müssen beide Parteiflügel zwei Hindernisse aus dem Weg räumen: Besetzung und Sitz der Redaktion. Liebknecht möchte die Zeitung von Leipzig aus redigieren, die Lassalleaner plädieren für Berlin. Wilhelm Liebknecht setzt sich schließlich durch, muss aber nach sanftem Druck durch Ignaz Auer und August Bebel den ehemaligen Vorsitzenden des ADAV, Wilhelm Hasenclever, als gleichberechtigten Chefredakteur akzeptieren.
Das erweist sich als Glücksfall, denn Hasenclever zeigt sich als besonnener, fortschrittlich gesinnter Partner. Warum das neue Blatt den Namen „Vorwärts“ erhält, lässt sich nirgendwo nachlesen. Wahrscheinlich ist er ein Kampfbegriff gegen die rückwärts gewandte Politik des Bismarck’schen Kaiserreichs. Bis zum 27. Oktober 1878 kann der „Vorwärts“ erscheinen. Dann wird er im Zuge der „Sozialistengesetze“ mit der Begründung, Liebknecht habe im „Vorwärts“ als „Schüler und Freund von Marx gerade die kommunistische antinationale und atheistische Richtung innerhalb der Partei zur Geltung gebracht,“ verboten.
Ab 1890 allein an der Spitze des „Vorwärts“
Das Zentralorgan der Partei geht danach auf Wanderschaft und erscheint als „Der Sozialdemokrat“ zunächst bis 1887 in Zürich und danach bis zur Aufhebung der „Sozialistengesetze“ in London. Wilhelm Liebknecht bleibt als Reichstagsabgeordneter in Deutschland, prägt aber als „ständiger Mitarbeiter“ die politische Position des Blattes. Die letzte Ausgabe des „Sozialdemokrat“ erscheint nach Bismarcks Abgang am 27. September 1890 mit den Worten: „Der ‚Sozialdemokrat‘ hat seine Mission erfüllt.“ Der Hallenser Parteitag von 1890 beschert der Partei nicht nur den neuen Namen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD), sondern auch die Wiedergeburt der Parteizeitung als „Vorwärts — Berliner Volksblatt“.
Nach beträchtlichem Druck durch August Bebel und Friedrich Engels entschließt der „Soldat“ Wilhelm Liebknecht zähneknirschend allein die Chefredaktion des Blattes zu übernehmen und nach Berlin umzuziehen. Als Internationalist bekämpft der „Vorwärts“ unter seiner Leitung den wilhelminischen Militarismus, das sinnlose Prestigeprojekt des Flottenausbaus und den grassierenden Kolonialismus. Hellsichtig warnt er vor den Gefahren eines imperialistischen Weltkrieges.
Sein politisches Credo hat nichts an Aktualität verloren
Bis zum Schluss bleibt Wilhelm Liebknecht als mitreißender Redner und pointierter Pamphletist aktiv und geißelt jegliche reformistischen Bestrebungen. Der „Revolutionär und Realpolitiker“ (Ignaz Auer) stirbt am 7. August 1900 im damaligen Charlottenburg. Sein politisches Credo hat auch an seinem 200. Geburtstag nichts von seiner Aktualität verloren: „Weil wir die Untrennbarkeit der Demokratie und des Sozialismus begriffen haben, nennen wir uns Sozialdemokraten.“
Gedenkveranstaltung
Zu Wilhelm Liebknechts 200. Geburtstag findet am 29. März um 11 Uhr eine Gedenkveranstaltung an seinem Grab in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde statt.