Ernst von Harnack: So kam die NRWSPD an die Karteikarte des Widerständlers
Peter-Paul Weiler, berlin-event-foto.de
Fast wurde die Gestapo-Kartei von Ernst von Harnack auf einer Auktion an Privatleute versteigert - nun wurde sie an das Archiv der sozialen Demokratie in Bonn übergeben.
Wenn es um das versuchte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 geht, denken die meisten an Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Stauffenberg war zwar derjenige, der das Attentat verübte, er wurde jedoch bei der Planung von einem Netzwerk an Verschwörer*innen unterstützt. Auch der sozialdemokratische Politiker Ernst von Harnack war Teil dieses Netzwerks. Nach dem Attentat wurde er verhaftet, zum Tode verurteilt und am 5. März 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Nun, mehr als 80 Jahre nach dem Attentat, wurde die Gestapo-Karteikarte von von Harnack an das Archiv der sozialen Demokratie in Bonn übergeben. Anja Kruke, die Leiterin des Archivs, erzählt im Interview mit dem „vorwärts“ von den ungewöhnlichen Umständen, die dazu führten und was die NRWSPD damit zu tun hat.
Wie kam es dazu, dass die Karteikarte zu Ernst von Harnack nun an das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben wurde?
Die Karteikarte gehörte zu dem Konvolut eines privaten Forschers, der seine über viele Jahre gesammelten Unterlagen in einem Neusser Auktionshaus versteigern lassen wollte. Hierzu regte sich internationaler Widerstand und die Auktion wurde abgesagt. Stattdessen wurden die Dokumente, die zum allergrößten Teil zu Holocaust-Opfern gehörten und über sie Auskunft gaben, durch die Stiftung Auschwitz-Birkenau mithilfe von Spenden, mit denen man eine „Patenschaft“ übernehmen konnte, gekauft.
Das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) wurde mit dem Auftrag gegründet, einen Ort der historischen Aufklärung über die deutsche Geschichte zu bilden. Dazu sammelt es insbesondere die Unterlagen zur Geschichte der Arbeiterbewegung: der Sozialdemokratie und Gewerkschaften sowie von Personen. Dazu zählt auch Ernst von Harnack, der als Sozialdemokrat und religiöser Sozialist den Mut bewies, sich gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime zu stellen, und dafür mit seinem Leben bezahlte. Die NRWSPD hatte sich entschlossen, eine solche Spende zu leisten und hat die Patenschaft für die Karte übernommen. Diese werden wir nun treuhänderisch verwahren.
Warum werden solche Unterlagen überhaupt versteigert?
In den letzten Jahren kommt es vor, dass Dokumente über NS-Opfer, insbesondere Holocaust-Opfer, auf Auktionen angeboten werden. Menschen, die auf unklare Weise an diese Unterlagen gelangt waren, versuchen, damit Geld zu verdienen. Oft sind Dokumente bereits vor vielen Jahren in private Hände gelangt und die Nachfahren wissen nicht genau wissen, was sie damit machen sollen. In solchen Fällen wird durchaus versucht, aus Nachlässen Geld zu machen. Eine eindeutige gesetzliche Regelung wäre hier hilfreich.
Weshalb ist es wichtig, dass NS-Zeitzeugnisse in Gedenkstätten und Archive gelangen?
Solche Dokumente gehören in Archive, damit sie dort beforscht und der Öffentlichkeit auch auf andere Art, zum Beispiel in Ausstellungen, zugänglich gemacht werden können. Und privateste Dinge fremder Menschen, die vom Nationalsozialismus drangsaliert und umgebracht wurden, gehören einfach nicht in fremde private Hände. Da geht es auch um die Würde der Opfer; ihre Geschichte sollte erzählt werden und nicht in privaten Sammlungen verschwinden. Die „Patenschaften“ mittels Spenden können hier nicht nur dafür sorgen, dass die Dokumente an die richtigen Orte gelangen, sondern auch für historisches Lernen eingesetzt werden.
Ist die Akte im Archiv der sozialen Demokratie öffentlich zugänglich?
Ja. Das AdsD ist als ein sogenanntes „Jedermann“-Archiv gegründet worden mit dem Anspruch, dass jeder an Geschichte interessierte Mensch zu uns kommen und Unterlagen einsehen kann. Dies gilt bis zu einem gewissen Grad, denn wo zum Beispiel persönliche Belange Dritter betroffen sind, halten wir uns natürlich an die Rechtslage.
Außerdem: Wir sammeln Unterlagen von Personen und Organisationen, die ja nicht dazu gezwungen werden können, ihre Unterlagen offenzulegen. Daher braucht es auch immer eine Verhandlung mit den abgebenden Stellen, auf welche Schutzfristen sie sich einlassen können und wollen.
Sind weitere „Patenschaften“ für NS-Zeitzeugnisse bei der FES oder der SPD in Planung?
Aktuell sind meines Wissens keine weiteren Auktionen oder Erwerbungen mit Unterlagen in Sicht, bei denen eine unmittelbare thematische Beziehung bestünde. Aber das kann sich auch schnell wieder ändern.
Was können Privatpersonen tun, wenn sie sich dafür einsetzen wollen, dass Gedenkstätten und Archive solche Zeitzeugnisse erhalten?
Da gibt es zwei Wege: Zum einen können Privatpersonen immer ein Archiv oder eine Gedenkstätte ansprechen und dann in Absprache gemeinsam klären, wohin Unterlagen gegeben werden könnten. Dies gilt sowohl für die eigenen Unterlagen wie für das, was man vielleicht auf dem Dachboden findet.
So ziemlich alle Archivar*innen kennen diese Problematik und helfen bei der Suche nach Lösungen. Zum anderen hat der Stopp der Auktion im November 2025 und der Erwerb der Unterlagen dazu geführt, dass nun andere Auktionshäuser sich bei der Stiftung Auschwitz-Birkenau melden, um der Stiftung weiteres Material zum Kauf anzubieten.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.