Georg Klöpper ist aus Detmold angereist. Mit sechs Jahren sei er den Falken beigetreten, berichtet der 89-Jährige stolz. „Das war 1930!“ Über eine Großbildleinwand hat er den feierlichen Festakt zum 150. SPD-Jubiläum im Leipziger Gewandhaus verfolgt.
Dort führten zwei Schauspieler durch die bewegte Parteigeschichte. Iris Berben und David Kross schlüpften in die Rollen berühmter Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Kross wurde zum Gründervater Ferdinand Lassalle und Berben zitierte aus der Rede der Frauenrechtlerin und AWO-Gründerin Marie Juchacz.
Musikalisch umrahmte das Leipziger Symphonieorchester die Feierstunde unter anderem mit einem Medley von Parteiliedern. Die Breakdance-Gruppe „Flying Steps“ und die A-capella-Band „Naturally 7“ führten – künstlerisch – das Geburtstagsfest in die Moderne.
In der ersten Reihe des Leipziger Gewandhauses, zwischen Staatschefs und Parteigrößen, saßen die wohl langjährigsten SPD-Mitglieder. Unter ihnen Luise Nordhold aus Ritterhude, die seit 82 Jahren SPD-Mitglied ist. „Solche treuen Mitglieder wie Euch kann keine andere Partei in Deutschland vorweisen“, spricht Gabriel die Gäste direkt an. Und: „Schön, dass Ihr heute hier seid!“
Im Zweifel für die kleinen Leute
Auf die Frage, was ihm am meisten am Festakt gefallen habe, erklärt Georg Klöpper schmunzelnd: „Der Versprecher von Gabriel, als dieser Angela Merkel mit Frau Bundespräsidentin begrüßt habe. Und wie der SPD-Chef den Fehler kommentiert habe mit dem Satz: „Ich bin der Zeit voraus.“
Den Blick zurück und in die Zukunft werfen an diesem sonnigen Nachmittag auch prominente Künstler und Politiker, die beim Bürgerfest der SPD auf dem Leipziger Augustusplatz die Bühne betreten. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck erzählt die Geschichte seines Großvaters, der zu keiner Zeit aufgehört habe, Sozialdemokrat zu sein, weder während der Nazi-Herrschaft noch unter dem SED-Regime der DDR. Diese Standhaftigkeit habe ihn geprägt, sagt Platzeck. Für die Zukunft möchte er einen Gedanken stets im Mittelpunkt sozialdemokratischen Handels wissen: „Im Zweifelsfall immer für die kleinen Leute da sein, denn dann sind wir immer gut.“
Parteivize Manuela Schwesig äußert den Wunsch, noch mehr junge Frauen und Männer als Mitstreiter zu gewinnen, „im Kampf gegen Rechtsextremismus, Kinderarmut und für mehr Gleichstellung zwischen den Geschlechtern“.
Gesche Joost, das neue Gesicht im Kompetenzteam um Peer Steinbrück, zeigt sich begeistert vom Gemeinschaftsgedanken. „Wir alle können etwas bewegen“, ruft sie den Besucherinnen und Besuchern zu. Politisch viel bewegen will auch Sebastian Krumbiegel, Frontmann der Leipziger Band „Die Prinzen“, die zum Abschluss des Festes noch die Menschenmenge rockt. SPD-Mitglied sei er nicht, sagt Krumbiegel, das hindere ihn aber nicht, politisch aktiv zu sein.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der wie viele andere Genossen der SPD 1972 anlässlich des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt beitrat, wünscht sich „endlich auch einen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten für Sachsen.“
Zufrieden mit ihrer Ministerpräsidentin sind dagegen die Genossinnen und Genossen vom Stadtverband Marl in Nordrhein-Westfalen. „Wir haben die Hannelore und die wollen wir auch bei uns behalten“, betont Sylvia Sorkowski vom Ortsverein Hüls-Süd.
Was sich die Genossen aus Marl wünschen? „150 Jahre warten auf den Mindestlohn ist lang genug“, sagt Axel Großer. „Obwohl 8,50 nicht reichen, um eine vernünftige Rente zu bekommen“, wirft der Genosse zu seiner Rechten ein.
Talk mit Roland Kaiser
Anders als beim Festakt am Vormittag geht es auf dem Augustusplatz volksnah zu. Bands wie „Orinoko“, „Brass Combo“, „Triple Trouble“ und „Naturally 7“ sorgen für musikalische Stimmung zwischen den Talks. Die Besucher sitzen an Biertischen oder schlendern herum.
Großer Andrang herrscht beim Anschnitt eines riesigen Geburtstagskuchens durch Sigmar Gabriel, Barbara Hendricks und Peer Steinbrück. Fleißig werden Tortenstücke verteilt, kurz darauf talkt der Kanzlerkandidat gemeinsam mit dem Sänger Roland Kaiser, der Schauspielerin Kristin Meyer und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung auf der Bühne. Für Meyer und Kaiser spielt soziales Engagement eine große Rolle in ihrem Leben, betonen beide. Kaiser ist seit 2002 SPD-Mitglied. Es schade nicht, auch als Künstler Farbe zu bekennen, sagt er. Und Kristin Meyer erntet viel Applaus, als sie die Medien auffordert, endlich mit dem Erregungsjournalismus aufzuhören und zu schreiben, was gesagt wird: „Ich möchte über Inhalte informiert werden und nicht über Weinflaschen.“
Für Burkhard Jung ist es wichtig, aktiv auf junge Menschen zuzugehen. „Sie haben die Sehnsucht, die Welt zu verbessern“, sagt Leipzigs OB und möchte, dass sie „bei uns mitmischen können, auch ohne Mitglied zu sein“. Und Peer Steinbrück? Er berichtet, dass er der SPD beigetreten sei, weil ihn die bürgerlichen Vorurteile gegenüber Willy Brandt sehr geärgert hätten. Als Kanzlerkandidat wünscht er sich vor allem eines: „dass wir die Bundestagswahl gewinnen“.
hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.