Geschichte der Jusos

„Wessen Welt ist die Welt?“: Schon August Bebel war ein Juso

Jonas Jordan27. September 2019
In ihrem 2013 veröffentlichten Buch „Wessen Welt ist die Welt?“ ergründen Thilo Scholle und Jan Schwarz die mehr als 100-jährige Geschichte der Jusos. Zum 50. Jubiläum der Linkswende in diesem Jahr ist eine aktualisierte Version erschienen, die unter anderem auch die No-GroKo-Kampagne von Kevin Kühnert in den Fokus nimmt.
In ihrem Buch „Wessen Welt ist die Welt?“ beschäftigen sich Thilo Scholle und Jan Schwarz mit der Geschichte der Jusos.
In ihrem Buch „Wessen Welt ist die Welt?“ beschäftigen sich Thilo Scholle und Jan Schwarz mit der Geschichte der Jusos.

29 Jahre alt war die große sozialdemokratische Ikone August Bebel, als er 1869 zusammen mit Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gründete. Insofern ist die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie auch die Geschichte der Jusos. Obwohl der Jugendverband als solcher in seinen Anfängen erst seit dem 20. Jahrhundert existiert.

Es dauerte bis 1904, ehe sich auch in Deutschland eigene Jugendorganisationen in der Arbeiterbewegung bildeten. Auslöser war der Suizid eines 15-jährigen Schlosserlehrlings. 16 bis 18 Stunden Arbeit am Tag waren damals bei Lehrlingen häufig üblich. Die Jugendorganisationen kämpften für vernünftige Arbeitsbedingungen. 115 Jahre später setzen sich die Jusos für eine anständige Mindestausbildungsvergütung ein.

Ab 1914 Jungsozialisten

Bis heute definiert sich der jungsozialistische Verband als kapitalismuskritisch, feministisch und internationalistisch. Den Begriff „Jungsozialisten“ verwendete erstmals 1914 Felix Fechenbach, der spätere Sekretär des ersten bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. International organisierten sich die Jungsozialisten ab 1923 in der „International of the Socialist Youth“, deren erster Sekretär der spätere SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer wurde.

Offiziell gegründet wurden die Jungsozialisten auf dem SPD-Parteitag in Kassel 1920, um elf Jahre später in Leipzig wieder aufgelöst zu werden. Der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg und die Organisation der Jusos in heutiger Form begann im Mai 1946. Der erste Nachkriegsparteitag in Hannover beschloss damals, „in allen Ortsvereinen unserer Partei die Mitglieder zwischen 18 und 35 Jahren zu besonderen Jungsozialistischen Arbeitsgemeinschaften zusammenzufassen“.

Mit Max Schmeling und Miss Schleswig-Holstein

Im Hinblick auf die Nachkriegszeit beschreiben Scholle und Schwarz unter anderem kreative Wahlkampfaktionen der Jusos. Im Bundestagswahlkampf 1957 etwa waren 30 Juso-Kabarettgruppen unterwegs. Bei Veranstaltungen traten der ehemalige Box-Weltmeister Max Schmeling und Miss Schleswig-Holstein auf.

Einen weiteren Schritt zur Eigenständigkeit machten die Jusos zwei Jahre später bei ihrem ersten Bundeskongress in Karlsruhe, auf dem mit Hans-Jürgen Wischnewski der erste Bundesvorsitzende gewählt wurde. Einen klaren inhaltlichen Wandel vollzogen die Jungsozialisten zehn Jahre später auf dem Linkswendekongress in München. Auch in Folge der Studierendenbewegung Ende der 60er-Jahre positionierten sich die Jusos stärker als eigenständiger Richtungsverband.

Mit Doppelstrategie zu 350.000 Mitgliedern

In Folge dessen wuchsen sie mit zeitweise 350.000 Mitgliedern zur damals größten politischen Jugendorganisation in Deutschland. Entscheidend dafür war auch die seit 1970 und bis heute gültige Doppelstrategie, mit der die Jusos bis heute sowohl innerhalb der SPD als auch an der Seite von zivilgesellschaftlichen Organisationen für politische Veränderungen streiten.

Scholle und Schwarz widmen sich ausführlich den Auseinandersetzungen der 70er- und 80er-Jahre innerhalb der Jusos, aber auch zwischen dem Jugendverband und der Partei. Diese gipfelten darin, dass der damalige Juso-Bundesvorsitzende Klaus-Uwe Benneter 1977 aus der SPD ausgeschlossen und allen Jusos, die Benneter zu Veranstaltungen einluden, ebenfalls mit Parteiausschluss gedroht wurde. Erst sechs Jahre später durfte Benneter der Partei wieder beitreten.

Gegen indirekte Freistöße

Dass es in all den Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Strömungen der Jusos nicht immer nur bierernst zuging, zeigt eine Anekdote vom Bundeskongress 1976. In einem Antrag mit dem Titel „Kampf gegen den bürgerlichen Fußball“ forderten die Jusos unter anderem die Abschaffung aller indirekten Freistöße, die freie Wahl der Schiedsrichter durch das „bewaffnete Spielervolk“ und den freien Zugang zum gegnerischen Tor. Parallelen zum Juso-Bundeskongress 2015 drängen sich auf, als die Jusos Sachsen-Anhalt einen „Demo-Sold“ in Höhe von 45 Euro pro Stunde forderten.

Insgesamt gibt das 296 Seiten umfassende Buch von Thilo Scholle und Jan Schwarz einen ausführlichen Überblick über die wechselhafte Geschichte der jungsozialistischen Bewegung in Deutschland. Trotz einiger Längen ist es nicht nur, aber auch für alle Jungsozialistinnen und Jungsozialisten eine empfehlenswerte Lektüre.

Thilo Scholle/Jan Schwarz: „Wessen Welt ist die Welt? – Geschichte der Jusos“, 296 Seiten, 22 Euro.

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Kommentare

Damals

Als die JuSos groß und stark waren, da war auch die SPD groß und stark (z.B.: Orientierungsrahmen 85). Unter der Regierung Schmidt wurden wichtige Forderungen der JuSos ignoriert und so entstanden die Grünen (mittlerweile noch heruntergekommener als die SPD). Erinnert ihr Euch noch an den linksradikalen Schröder ? Dem Olaf Scholz war das Berliner Programm zu rechts, und wer war nochmal Andrea Nahles ? Niels Annen ? Damals waren wir trotz alledem verankert in der Anti-AKW Bewegung, in der Friedensbewegung, in der Mieterbewegung und bei den Umweltgruppen. Karrieristen haben in Tateinheit mit einer neoliberalen kapitalfreundlichen Politik die Glaubwürdigkeit engagierter Sozialdemokraten untergraben. Allenfalls als integre Einzelperson wird man im Umfeld der emmanzipatorischen Bewegungen noch ernst genommen. Da gilt es wieder Raum gutzumachen.
Wir sind es die darauf achten müssen daß FFF nicht von den falschen Freunden umarmt und zu Tode gedrückt wird, wir müssen klassenkämpferisches Bewußtsein zu FFF bringen, die friedens- und Abrüstungsinitiativen wieder stärken etc. etc. Das ist schwer vor dem Hintergrund des GroKo-Versagens, aber WER ?, wenn nicht WIR !!!