Christoph Butterwegge: Die zerrissene Republik

Wie die wachsende Ungleichheit Deutschland verändert

Michael Dauderstädt21. November 2019
Christoph Butterwegge ist einer der profiliertesten Armutsforscher Deutschlands. In seinem neuen Buch „Die zerrissene Republik“ analysiert er die zunehmende wirtschaftliche und soziale Ungleichheit hierzulande. Leider ist es zu einer Kampfschrift geraten.
Deutschland zwischen oben und unten: Das beschreibt Christoph Butterwegge in seinem neuen Buch „Die zerrissen Republik“.
Deutschland zwischen oben und unten: Das beschreibt Christoph Butterwegge in seinem neuen Buch „Die zerrissen Republik“.

„Die zerrissen Republik“. Der Titel dieses Buches spricht Leserinnen und Leser an, die die Spaltung der Gesellschaft Deutschland mit Sorge erfüllt: Da ist einerseits die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit und andererseits die neue politische Spannung angesichts des Aufstiegs der AfD. Dabei darf man wohl konstatieren, dass Ungleichheit zwar sicher die Gesellschaft spaltet, aber kaum die Republik zerreißt – im Gegensatz zur Auseinandersetzung zwischen recht(sextrem)en und etablierten Parteien.

Unter den bei Umfragen erhobenen Ängsten der deutschen Bevölkerung findet man die wirtschaftliche Ungleichheit bestenfalls in Form der Besorgnis um teure Wohnungen oder um bezahlbare gute Pflege im Alter. Ansonsten dominiert die Flüchtlingskrise, die in Butterwegges Buch nur am Rande erwähnt wird. Von den im Untertitel genannten drei Ungleichheiten wird die politische ohnehin nur stiefmütterlich auf knapp 20 der über 400 Seiten behandelt.

Wirtschaftliche und soziale Ungleichheit im Zentrum

Im Zentrum des Buches steht somit die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit. Der Autor behandelt in der ersten Hälfte des Buches die Entwicklung der Ungleichheit in (West-)Deutschland seit 1945, zunächst als Revue makrosoziologischer Analysen von Schelsky über Dahrendorf, die kritische Linke, Ulrichs Becks „Risikogesellschaft“ bis zu neueren Arbeiten z.B. von Nachtwey. Danach folgt er der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung von Währungsreform und Wirtschaftswunder über die Krisen der 1970er Jahre bis zu jüngsten Debatten, die vielleicht eine zu große Aufmerksamkeit bekommen, da sie nach kurzem Hype in den Medien (zum Zeitpunkt der Niederschrift des Buches?) heute schon wieder fast vergessen sind (wer erinnert sich noch Jens Spahns „Tafel“-Interview oder die Debatte um das Rezo-Video?). 

Butterwegges methodischer Zugang im gesamten Buch besteht in der kommentierenden Resümierung zahlloser Publikationen zu dem jeweiligen Thema. Etwas zugespitzt kann man sagen: er behandelt nicht den Gegenstand (= die Ungleichheit) selbst, sondern nur die Metaebene seiner ökonomischen, soziologischen, politologischen oder philosophischen Aufarbeitung durch Hunderte von Fachleuten sowie durch Politik und Medien. In der Kommentierung der jeweiligen Analyse wird immer wieder seine persönliche Sichtweise deutlich. Er sympathisiert mit einer systemischen Analyse der Ungleichheit, die diese als notwendige Folge eines politisch immer weniger gezügelten Kapitalismus sieht, wovon anderen kritisch vorgestellten Theorien bei allen partiellen Einsichten und Verdiensten im Grunde nur verschleiernd ablenken.

Kritischer Überblick über Theorien, Analysen und Diskurse

Der herausragende Nutzen dieses Werkes liegt in diesem kritischen Überblick über Theorien, Analysen und Diskurse, der potenziell viel eigene Lesearbeit erspart, aber nur einen indirekten Blick auf die reale Ungleichheit gewährt. So mag es schon überraschen, dass man im gesamten Buch keine Tabelle findet, die etwa die Entwicklung eines der Standardindikatoren der Einkommensverteilung (z.B. Gini) seit 1945 oder wenigstens seit 1990 zeigen würde. Den einzigen etwas ausführlicheren statistischen Überblick gibt es auf S. 212f., wo die Armutsrisikoquoten von 2005-2017 aufgeführt sind, um eine Behauptung der CDU zu widerlegen.

Aber auch in dieser überwältigenden Literaturparade vermisst man einige Autoren. So taucht im Eingangskapitel im Abschnitt 1.3 über Theoretiker der Ungleichheit zwar Marx, Weber und Geiger auf, aber weder Ricardo noch Pareto und überhaupt wenig Ökonomen (z.B. Kaldor, Kalecki, Clark). Die zentrale (neo-)liberale wirtschaftswissenschaftliche Legitimation der ungleichen Verteilung zwischen Kapital und Arbeit, die Grenzproduktivitätstheorie, taucht gar nicht auf.

Die für den Rezensenten überraschendste Lücke ist jedoch das Fehlen zweier Denker, ohne die die Agenda 2010, derentwegen Butterwegge aus der SPD austrat und die er ansonsten ausführlich behandelt, kaum zu verstehen ist: die beiden früheren Direktoren des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Fritz Scharpf und Wolfgang Streeck. Beide waren Vordenker im SPD-Umfeld, die damals (zwischen 1995 und 2002) angesichts struktureller Massenarbeitslosigkeit einen Niedriglohnsektor forderten, wenn auch mit Einkommenskompensation.

Umfänglich recherchierte Kampfschrift

Die Agendapolitik erfährt damit eine relativ einseitige Bewertung. Die massiven ökonomischen Probleme der Republik nach der Wiedervereinigung bleiben ebenso unterbelichtet wie die Frage, inwieweit die Agenda 2010 für die relativen Erfolge der deutschen Wirtschaft in den letzten zehn Jahren verantwortlich war. Eine genauere Betrachtung hätte ja nicht in eine Befürwortung der Hartz-Reformen enden müssen, sondern in einer besser begründeten und damit überzeugenderen Kritik. Gerade Streeck, der in den letzten Jahren einen radikalen kapitalismuskritischen Kurs vertreten hat, wäre ein Kronzeuge für Butterwegges Position. Als weiterer fehlender Kronzeuge wäre Peter Bofinger zu nennen, immerhin der „linke“ Vertreter Im Sachverständigenrat während der relevanten Zeit (2004 bis 2017).

Als Gesamteindruck bleibt dann doch eher der einer – sicher außerordentlich umfänglich recherchierten – Kampfschrift, die den Gegnerinnen und Gegner der Ungleichheit sicher viele gute Argumente liefert. Aber auch diese Argumente wären hilfreicher, wenn sie die Gegenposition nicht so oft vorschnell verurteilten und ökonomisch und statistisch besser belegt und begründet wären.

Christoph Butterwegge: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Beltz Juventa 2019, ISBN 978-3-7799-6114-7, 24,95 Euro

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Kommentare

Wie die wachsende Ungleichheit Deutschland verändert

Zunächst alle Achtung, dass vorwaerts.de ein Buch von Christoph Butterwegge vorstellt, wenn auch Kritik in diesem Beitrag enthalten ist.

Natürlich kann immer darauf verwiesen werden, dass die Meinung mancher Ökonomen nicht erwähnt wurde. Aber zum Einen kann der Autor seine eigene Meinung und die bestimmter Ökonomen zum Ausdruck bringen, zum Anderen würde eine größere Abhandlung mit allen Ökonomen, ob marxistisch, neoliberal oder wie auch immer, den Rahmen sprengen.

Und wenn Christoph Butterwegge die früheren Direktoren des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Fritz Scharpf und Wolfgang Streeck nicht erwähnt hat, sich aber ansonsten ausführlich mit ihnen auseinandergesetzt hat, musste er dies hier nicht wiederholen.

Auf jeden Fall ist es sehr wichtig, die immer größer werdende Ungleichheit in Deutschland zu behandeln, weil die Politik sie m.E. bisher noch zu sehr vernachlässigt hat und insbesondere die Unionsparteien auch nicht bereit sind, diese Situation zu maßgeblich zu ändern, sondern allenfalls kleine Korrekturen zulassen, um den Koalitionspartner zufrieden zu stellen. Sollte aber Merz in der Union aufsteigen, werden diese Zugeständnisse enden.

Kritik an Neoliberalen wie

Kritik an Neoliberalen wie Merz ist das eine, die sehr kostspielige Klima- und Weltenrettung das andere. Auf diesem Trip sind leider auch Sozialdemokraten, verwöhnten Wohlstandskindern kritiklos hinterherzulaufen, um die Welt zu retten! Dabei geraten Probleme wie soziale Ungleichheit zwangsläufig in den Hintergrund.