Rezension

Terrorismus: Wie Islam-Extremisten Europa spalten wollen

Jörg Armbruster23. September 2016
Der Islamwissenschaftler Gilles Kepel ist einer der führenden französischen Intellektuellen. Er betont die starke religiöse Komponente des Terrors in Frankreich. Hauptursache aber seien die Banlieues, die vernachlässigten Pariser Vorstädte.
Terror in Frankreich
Der Islamwissenschaftler Gilles Kepel ist der Ansicht, dass Islamisten in Europa einen Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen anzetteln wollen

Zweifellos zielten die Anschläge von Nizza, Paris, Brüssel, Würzburg oder Ansbach auf das westliche Lebensverständnis, das hiesigen Vorstellung nach offen, modern, tolerant, vielleicht auch freizügig sein sollte, für Islam-Extremisten sind solche Ideen aber nichts als eine unerträgliche Gotteslästerung. Ob Besucher von Rockkonzerten, Flaneure am Strand oder Reisende in Flughäfen oder Zügen, den islamistischen Terroristen ist jedes Mittel und jedes Ziel recht, Hauptsache sie können Angst und Schrecken in Europa verbreiten.

Dennoch erleben wir im Augenblick, so der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel, keinen Kampf der Kulturen, keinen Krieg der islamischen Welt gegen den Westen. Auch dort seien die Terroristen eine isolierte Minderheit, der es allerdings darum ginge, in Europa eine Revolte der Muslime gegen die Nicht-Muslime anzuzetteln, um zu erreichen, dass sich die europäischen Gesellschaften so selber zerstören.

Die Banlieues: ein hausgemachtes Problem

„Teile der schlecht integrierten und rebellierenden muslimischen Jugend mit Migrationshintergrund sollen ihn nach gründlicher Indoktrination und militärischer Ausbildung auf einem nahen Kriegsschauplatz entfesseln“, schreibt der vielleicht bedeutendste Islamwissenschaftler Frankreichs in seinem jüngst erschienenen Buch „Terror in Frankreich – Der neue Dschihad in Europa“. Bürgerkrieg in Europa, jeder gegen jeden, ein Aufruhr angefacht von Kriminellen, die sich auf den Islam berufen. Eine Horrorvision also, die Kepel in seinem Buch andeutet.

Dabei ist er alles andere als ein Schwarzmaler, der mit seiner Untersuchung selber Angst und Schrecken verbreiten will. Seine detailreiche und präzise Analyse arbeitet überzeugend heraus, dass der Terror in Frankreich ein hausgemachter ist entstanden in den verwahrlosten Vororten französischer Städte, den Banlieues. Dort leben in erster Linie muslimische Einwanderern aus den Maghrebstaaten, die Jugend, die dort aufwächst, ist ohne Zukunftsperspektive, ohne Jobs, ausgegrenzt aus der französischen Gesellschaft, daher empfänglich für die Hasspredigten radikaler Imame. Diese Banlieues also sind die ideale Brutstätte für Terrorismus, besonders dann wenn es auch noch einen Leitwolf gibt, der das Terrorrudel anführt.

Vernachlässigter Umgang mit Islamisten

Auch den kann Kepel benennen: Abu Mussab al-Suri, geboren in Syrien, gelernter Ingenieur und enger Vertrauter Osama bin Ladens. Er ist Chefideologe der dritten Terrorgeneration in Frankreich und Urheber der Bürgerkriegsphantasie, die er schon im Jahr 2005 in seinem 1600 Seiten langen „Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand“ verbreitet hatte, im Internet für jedermann abrufbar. In diesem Pamphlet forderte er vor elf Jahren die Muslime auf, Europa zum Schlachtfeld des globalen Djihad zu machen.

Von französischen Politikern und Sicherheitsexperten allerdings wurde dieser Vordenker des Terrors nur wenig beachtet. Man fühlte sich sicher und verließ sich auf Polizei und Geheimdienste, die in den neunziger Jahren tatsächlich Anschläge hatten verhindern können. Von den jüngsten Terrorangriffen waren sie aber völlig überrascht worden.  Ohnehin wirft der renommierte Islamwissenschaftler den französischen Politikern Versagen und Blindheit auf ganzer Linie vor.

Religiöse Komponente des Terrors ist stark

Die gescheiterte Integration der französischen Muslime in den Banlieues sei, so Kepel, eine der Hauptursachen für den Terror in Frankreich. Der zweite Brandbeschleuniger: die Umbrüche in den arabischen Gesellschaften seit 2011 mit ihren Schlachtfeldern in Syrien, dem Irak und Libyen. Diese Kampfzonen seien ideale Übungsplätze für die Djihadisten aus Frankreich, um den Umgang mit Waffen und Sprengstoff zu lernen.

Wie viel Religion steckt nun in diesem Banlieue-Terrorismus? Hat sich der Islam radikalisiert? Oder haben sich die ohnehin Radikalen den Islam als ideologischen Kopfputz aufgesetzt? Kepel ist eindeutig in seinem Buch. Er glaubt eine starke religiöse Komponente in dieser Gewalt zu erkennen. So seien etwa die Vorstadtkrawalle von 2005 erst explodiert, als die Polizei in den Eingang einer Moschee eine Tränengasgranate geworfen hatte.

Bedrohung für Deutschland?

Was bedeutet nun diese faktenreiche und gut geschriebene Analyse der französischen Verhältnisse für Deutschland mit seiner muslimisch-türkischen Bevölkerung und den über einer Million zumeist muslimischen Flüchtlingen, die darauf warten in die bundesdeutsche Gesellschaft integriert zu werden? Ganz zweifellos gibt es so etwas wie ein Netzwerk des globalen Djihad, das auch Deutschland zunehmend bedroht.

Offensichtlich ist es ferngesteuert vom Islamischen Staat. Durch die vielen Flüchtlinge sei, so Kepel, Deutschland sicherlich anfälliger geworden für Djihadisten-Anschläge. Allerdings fehle, so der französische Analyst, in Deutschland ein wesentlicher Faktor, nämlich die koloniale Vergangenheit, die in Frankreich als Motivationsmotor der Extremisten eine wesentliche Rolle spiele.

Gilles Kepel, Terror in Frankreich. Der Neue Dschihad in Europa, Kunstmann-Verlag, München 2016, 304 Seiten, ISBN 978-3-95614-129-4, 24,00 Euro.

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