Tag des Grundgesetzes

Warum Schwarz-Rot-Gold nicht den Rechten überlassen werden darf

Kai Doering23. Mai 2021
Enrico Brissa will die Nationalflagge nicht den Rechten überlassen. In seinem Buch „Flagge zeigen!“ erklärt der Protokollchef des Bundestags, warum Schwarz-Rot-Gold ein Symbol für die Demokratie ist – und fordert die Aufnahme der Nationalhymne ins Grundgesetz.
Flagge zeigen: „Ein Stück Stoff kann sicher dazu beitragen, unsere nationale Identität und unseren Zusammenhalt zu fördern“, meint Autor Enrico Brissa.
Flagge zeigen: „Ein Stück Stoff kann sicher dazu beitragen, unsere nationale Identität und unseren Zusammenhalt zu fördern“, meint Autor Enrico Brissa.

Für viele ist die schwarz-rot-goldene Fahne ein rotes Tuch. Das musste Enrico Brissa am 13. Oktober 2018 am eigenen Leib erfahren. Mit seiner Familie nahm er an der #unteilbar-Demo „für eine offene und freie Gesellschaft“ in Berlin teil. Mit dabei hatten sie Deutschland- und Europa-Fahnen. Schon auf der Hinfahrt gab es abfällige Kommentare. Auf der Demo selbst wurde ihnen schließlich eine schwarz-rot-goldene Fahne entrissen. Es gab zwar auch positive Reaktionen. „Erstaunlich oft mussten wir jedoch regelrecht aufklären, wofür Schwarz-Rot-Gold steht. Und wofür eben nicht.“

Schleichende Umdeutung der Nationalfarben

So schreibt es Enrico Brissa in seinem Buch „Flagge zeigen!“. „Warum wir gerade jetzt Schwarz-Rot-Gold brauchen“ lautet nicht nur der Untertitel, sondern die auch Botschaft des gesamten knapp 300 Seiten starken Werks. „Wir dürfen unsere Symbole nicht verlieren, denn wir haben keine anderen“, lautet Brissas Appell, der Protokollchef des Deutschen Bundestags ist. „Unsere politische Ordnung des Grundgesetzes kann aber nur funktionieren, wenn sich eine überragende Mehrheit zur ihr bekennt und sich klar von denjenigen distanziert, die unsere durch den Verfassungsstaat garantierte freie und offene Gesellschaft bekämpfen.“

Und dafür gehört für Brissa eben auch ein klares Bekenntnis zur Nationalflagge. Dass diese von vielen als „rechts“ betrachtet wird, betrübt den Autor. Vor allem, weil sie von den Nationalsozialisten verboten und durch das Hakenkreuz ersetzt wurde. Und auch bei rechten Aufmärschen nach dem Zweiten Weltkrieg sei Schwarz-Rot-Gold lange verpönt gewesen. „Im Herbst 2014 nahm dann eine schleichende Umdeutung unserer Nationalfarben ihren Anfang“, hat Enrico Brissa festgestellt. Hätten Fans bei der Fußball-Weltmeisterschaft noch begeistert schwarz-rot-goldene Fahnen in Party-Stimmung geschwenkt, tauchten sie wenige Monate später bei den ersten Pegida-Demos auf. „Seither wurde Schwarz-Rot-Gold zu einem ständigen und überall sichtbar gemachten Begleiter rechter ‚Anti-System‘-Proteste.“

Patriotismus als Voraussetzung für die Stabilität des Staates

Das will Brissa ändern, den Rechten die deutsche Fahne gleichsam wieder entreißen. Dafür hat er sein Buch geschrieben. „Gerade heute brauchen wir Schwarz-Rot-Gold“, ist er überzeugt. „Daher sollten wir uns allen entgegenstellen, die uns diese Farben streitig machen oder sie umzudeuten versuchen.“ Warum aber ist die schwarz-rot-goldene Fahne so wichtig? Für Enrico Brissa ist die Antwort klar. „Patriotische Gesinnung und Loyalität der staatstragenden Mehrheit sind eine essenzielle Voraussetzung für die Stabilität des Staates und somit auch für das Wohl des Einzelnen“, schreibt er. Wie wichtig die Schutzfunktion des Staates sei, „wird in Zeiten der Corona-Pandemie besonders deutlich“. Und für die Stabilität sollten sich schließlich alle verantwortlich fühlen.

„Der beste Schutz unserer Symbole liegt in ihrer entschiedenen Nutzung, nämlich im Sinne eine mutigen und unerschrockenen Flaggezeigens“, ist Brissa überzeugt. Dabei geht es ihm nicht darum, mehr Gebäude zu beflaggen, sondern darum „besser zu flaggen, das heißt mit einer entschiedenen und einheitlichen Beflaggung dazu beizutragen, das Bewusstsein für die jeweilige Flagge und den von ihr repräsentierten Staat sowie den Beflaggungsanlass zu stärken“. Brissa ist sich sicher: „Ein Stück Stoff kann sicher dazu beitragen, unsere nationale (oder regionale oder kommunale) Identität und unseren Zusammenhalt zu fördern.“

Die deutsche Hymne ins Grundgesetz

Doch er geht noch weiter. So plädiert Brissa dafür, die deutsche Hymne im Grundgesetz zu verankern. Denn während die schwarz-rot-goldene Bundesflagge 1949 als nationales Symbol der Bundesrepublik in Artikel 22 des Grundgesetzes festgeschrieben wurde, gab es keine gesetzliche Festlegung einer Nationalhymne. „Durch eine verfassungsrechtliche Verankerung würde verdeutlicht, welche Symbole unser Staat für sich beansprucht“, argumentiert Enrico Brissa. Außerdem sollte die Hymne seiner Ansicht nach häufiger im Radio und Fernsehen gespielt werden.

Er wolle „der Frage nachgehen, warum unserer Flagge solche Aggressionen auf sich zieht“, schreibt Enrico Brissa über die Motivation für sein Buch. Das gelingt ihm über weite Strecken recht gut. Gerade die historischen Erklärungen räumen mit einigen, weit verbreiteten Mythen auf. Dass Brissa seine Spurensuche mit einem klaren Appell zu mehr Bekenntnissen zu Grundgesetz und Nationalstaat verbindet, wird noch für die eine oder andere Diskussion sorgen.

Das Buch

Enrico Brissa: Flagge zeigen! Warum wir gerade jetzt Schwarz-Rot-Gold brauchen, Siedler Verlag 2019, ISBN: 978-3-8275-0133-2, 20 Euro

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Kommentare

Schwarz-Rot-Gold

Das sind die Farben der (misslungenen) demokratischen Revolution in Deutschland - die deutsche Trikolore ! Aber typisch für die deutsche Geschichtsschreibung wurden diese Farben des demokratisch-republikanischen Aufbruchs der Interpretation der politischen Rechten überlassen. Gustav Heinemann forderte 1973 (125 Jahre nach 1848) die Beschäftigung mit dieser demokratischen Tradition, aber die Hegemonie der Rechten führte gar dazu, daß die SPD sich von ihrer revolutionär-demokratischen Vergangenheit distanzierte. Die Farben des "48er Wimpels" sind nur Symbol, aber die demokratischen Traditionen sollte uns Allen viel mehr am Herzen liegen und im Bildungsauftrag der Schulen, wie der öffentlich rechtlichen einen größeren Stellenwert einnehmen. Die Fixierung auf Preußen-Deutschland ist da kontraproduktiv.

Nationalhymne 3. Strophe?

Leider wird immer nicht beachtet, dass der "Dreiklang" EINIGKEIT UND RECHT UND FREIHEIT nicht unserem Grundgesetz und auch nicht unserer Demokratie entspricht. Die mentale Einigkeit gab es nur in der DDR und im Nationalsozialismus - und sie wurde blutig erzwungen. Hoffmann von Fallersleben meinte keine allgemeine Einigkeit. In der jetzigen Form wird sie vom Staat als das höchste Glück eingefordert. Der Bürger soll mit allem einverstanden sein und kuschen. So hat sich unser Staat gegenwärtig ja auch entwickelt. Um Himmels willen darf dieser Fehlgriff NICHT INS GRUNDGESETZ: Sprachlich total undiszipliniert ist, wenn die EINIGKEIT im Grunde überall, auch in Wikipedia, auch im wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, als EINHEIT definiert wird. Zwischen beiden Begriffen ist ein fundamentaler Unterschied. Daran will man sich vorbeimogeln. Das geht nicht. Da steht EINIGKEIT - falsch! Nazistisch! Unmöglich! Lest was da steht, nicht Einigkeit mit dem GG, sondern als nationales Glück, sozusagen als Staatsraison, die zum Beispiel Fußballer mit doppeltem Pass zu singen genötigt werden, das aber mit Recht ablehnen. MfG