Rezension: Dan Diner, „Rituelle Distanz“

Schuld und Schulden

Matthias Dohmen24. September 2015
Ein beklemmendes Buch. Dan Diner, Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem und langjähriger Direktor des Simon-Dubnow-Instituts an der Universität Leipzig, rekonstruiert feinfühlig, sprachlich sensibel und sowohl juristisch als auch theologisch hoch versiert das deutsch-israelische Luxemburger Abkommen zur „Wiedergutmachung“ gegenüber Israel, dessen Vorgeschichte und seine lang andauernden Nachwirkungen.
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Man schwieg sich an im luxemburgischen Cercle Municipal, als am 10. September 1952 Vertreter des jüdischen Volkes und der Bundesrepublik Deutschland zusammenkamen. Vertragssprache war Englisch, es gab keine Begrüßungszeremonie, kein Wort wurde gewechselt. Stumm unterzeichneten die Außenminister Moshe Sharett und Konrad Adenauer, der in Personalunion auch Bundeskanzler war, sowie der Präsident der Claims Conference, Nahum Goldmann, die vorbereiteten Dokumente.

Auf Deutschland lag noch ein Bann, ein „herem“. Vier Jahre zuvor hatte der World Jewish Congress ein 1950 noch einmal verschärftes „Verbot“ für Juden ausgesprochen, sich in Deutschland, dem „verfluchten Land“, niederzulassen.

Schicksalsjahr 1952

Es war ein Schicksalsjahr des Staates Israel, an dessen Beginn eine denkwürdige Debatte der Knesset stand. „Die Abscheu vor der Zumutung, vom ‚Land der Mörder’ Restitution zu erwirken, war allgegenwärtig“, schreibt Diner. Bittere Worte fand der spätere Ministerpräsident Menachem Begin, als er Israel als einen „kollektiven Handelsjuden“ schmähte: „Das deutsche Geld wird verausgabt werden, verschwinden, vergehen, und die Schmach wird bleiben!“

Der Bann blieb nicht unbefleckt: „Die als ewig erachtete auf Deutschland lastende Schuld hatte sich gleichsam unter der Hand in abzutragende Schulden verwandelt.“ Die bittere Wahrheit: Den heimatlosen Juden eine bleibende Heimat zu verschaffen, dazu brauchte man Geld oder Reparationen in materieller Gestalt. Ein Übriges tat die Eingliederung Israels in das westliche Anti-UdSSR-Bündnis – der Mythos um Ghetto und Widerstand und Rote Armee verblasste. Die Macht des Faktischen.

Bei Diners Studie handelt es sich, so heißt es in einem kurzen Nachwort, um einen „vorausgeschickten Teil“ einer größeren Untersuchung zur Geschichte der Verwandlung jüdischer Lebenswelten, auf die man sehr, sehr gespannt sein darf.

Dan Diner: „Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage“, DVA, München 2015, 172 Seiten, 19,99 Euro. ISBN 978-3-421-04683-3