Rezension

Sammelband über Jochen Steffen: Ein Denkmal für den „roten Jochen“

Dietrich Drescher28. Dezember 2018
Jochen Steffen war Redakteur, Politiker und Kabarettist. Seinen Spitznamen trug der „rote Jochen“ nicht nur wegen seiner Haarfarbe. Ein umfangreicher Sammelband beleuchtet nun die vielen Facetten von Steffens Leben.
Journalist, Politiker, Kabarettist: Jochen Steffen hatten viele Talente.
Journalist, Politiker, Kabarettist: Jochen Steffen hatten viele Talente.

Jochen Steffen war in den 60er- und 70er-Jahren eines der prominenten Gesichter der SPD. In Schleswig-Holstein als Landesvorsitzender, Oppositionsführer und Spitzenkandidat, aber auch auf Bundesebene als Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission.

Der „rote Jochen“ – sein Spitzname bezeichnete für die einen die Ikone politischer Progressivität, für die anderen ein Feindbild der „bürgerlichen“ Gesellschaft. Dieses polarisierte Image verstellt den Blick auf eine vielschichtige Persönlichkeit. Jochen Steffen (1921-1987) war nicht nur Politiker, sondern auch Journalist, Autor, marxistischer Theoretiker, Kabarettist und Satiriker.

Steffens Facetten differenziert ausgeleuchtet

Der Historiker Uwe Danker und Jochen Steffens Sohn Jens-Peter haben jetzt einen opulenten Band herausgeben, in dem die Facetten jener legendären Persönlichkeit differenziert ausgeleuchtet werden. 16 Autorinnen und Autoren haben Texte beigesteuert, die überwiegend speziell für diesen Band geschrieben wurden.

Erinnerungen von Weggefährten zeigen, welchen Einfluss Jochen Steffen auf den damaligen Parteinachwuchs hatte. „Er teilte die typisch aufklärerische Überzeugung, dass, historisch betrachtet, die Wahrheit immer progressiv ist“, charakterisiert der frühere PEN-Generalsekretär Johano Strasser in seinem Beitrag die Haltung Jochen Steffens. Gert Börnsen, einer der Nachfolger Steffens als Fraktionsvorsitzender im Landtag von Schleswig-Holstein, beschreibt aber auch, wie der theoretische Vordenker unter dem Widerspruch zwischen Prinzipien und tatsächlicher Politik litt.

Redakteur und SPD-Politiker

Der Widerspruch zwischen den ideologischen Gewissheiten eines marxistischen Weltbildes und der pragmatischen Orientierung des Funktionärsapparates beschäftigte Jochen Steffen schon als jungen Mann. Uwe Danker arbeitet dies aus einer wissenschaftlichen Studie heraus, die Steffen Anfang der 50er-Jahre in Kiel verfasste. Leider wurde diese nie veröffentlicht. 

Eine Reihe wissenschaftlicher Beiträge widmen sich Jochen Steffens Arbeit als Redakteur, seiner Rolle als SPD-Politiker in Schleswig-Holstein und seiner Mitarbeit im Bundesvorstand der westdeutschen Partei. Schwerpunktmäßig werden politische Aspekte von Steffens Wirken in den 1960er und 70er Jahren beleuchtet, jenen etwa zehn Jahren, in denen er führende Ämter und Positionen in der SPD besetzte.

Erst Politiker, dann Kabarettist

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik begann Jochen Steffen eine Karriere als Kabarettist und Satiriker mit seinem Alter Ego „Kuddl Schnööf“. Seine „achtersinnigen Gedankens“ blieben politisch und blieben seinem aufklärerischen Anspruch verpflichtet. Das Missingsch, als Chiffre für die Sprache der kleinen Leute, wurde sein Stilmittel.

Größeren Raum nimmt eine biographische Lebensskizze ein. Sie fasst Hintergründe und Ursachen seiner politischen Positionierung zusammen und erlaubt eine Annäherung an den Menschen Jochen Steffen. Ein Bildteil rundet die Darstellung ab.

Über die Aktualität von Jochen Steffen im 21. Jahrhundert macht sich Reinhard Ueberhorst Gedanken. Aber auch in den anderen Beiträgen werden scheinen immer wieder aktuelle Bezüge auf.

725 Seiten, fast anderthalb Kilogramm, sind ein gewichtiges Werk. Geschichtsinteressierte werden eine prägende Gestalt der Sozialdemokratie besser kennenlernen. Lesen lohnt sich. Kuddl Schnööf würde sagen: „Nu komms du!“

Uwe Danker und Jens-Peter Steffen (Hrsg.): Jochen Steffen. Ein politisches Leben, Gesellschaft für Politik und Bildung Schleswig-Holstein e.V. 39,80 Euro, ISBN 978-3-933862-53-2

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