Rezension Joseph Stiglitz: "Reich und arm"

Reich und arm: Vom Schicksal der Marie Antoinette

Matthias Dohmen18. Februar 2016
Die Kluft zwischen denen da oben und jenen da unten vergrößert sich. Und das sei politisch gewollt, erklärt der US-amerikanische Ökonom Joseph Stiglitz in seinem neuen Buch „Reich und arm“. Diese Entwicklung sei gefährlich für unsere Gesellschaft.
Siedler Verlag

Stiglitz ist kein Schreihals, sondern ein nüchterner Analytiker. Und in seiner unaufgeregten Art erklärt der 1943 Geborene, dass die Finanzkrise von 2007/2008 kein Ereignis höherer Gewalt gewesen sei. Keine Naturkatastrophe, sondern „etwas, für das wir selbst gesorgt haben; wie übermäßige Ungleichheit war auch sie das Ergebnis politischer Weichenstellungen“. Das Problem sei die „ungezügelte Macht“, die Geld in unserem politischen System besitze.

Lehren seien aus der Finanzmarktkrise nicht gezogen worden. Im Gegenteil: Die USA sponserten noch dieselben Banken und großen Versicherungen, denen wir den letzten Kladderadatsch verdanken. Nach mäßigem Stühlerücken kassierten die Boni weiterhin jene Leute, die „ihre Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht haben“.

Den Durchschnittsbürgern geht es schlechter als früher

Den Kern des neuen Buches von Stiglitz bilden seine Artikel für die „New York Times“ und das Gesellschaftsmagazin „Vanity Fair“. Scharf setzt er sich mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Robert Lucas oder dem Erfolgsautor und Unternehmer Edward Conard auseinander, deren These lautet: Es genüge, den volkswirtschaftlichen Kuchen insgesamt zu vergrößern, damit die weniger Bemittelten nicht leer ausgingen. Die Realität hat diese These längst eingeholt, wie Stiglitz deutlich macht: Der typischen US-amerikanischen Familie gehe es heute materiell schlechter als vor 25 Jahren.

Stiglitz, der ehemaligen Weltbank-Chefökonom, warnt eindringlich vor den Folgen eines „Weiter so“. Er sieht sich als Stichwortgeber für die Kampagnen von Occupy und vertritt dabei eine sozialdemokratische Variante der Wirtschaftspolitik: Dem Klassenkampf schwört er ab, will im Gegenteil, „den sozialen Zusammenhalt stärken“.

Stiglitz berichtet davon, wie er kürzlich in eine Abendgesellschaft von Plutokraten und führenden Milliardären geraten sei. Die hätten sich gegenseitig an die Risiken erinnert hätten, die mit ungehemmter Beschleunigung sozialer Ungleichheit verbunden seien. Das Schicksal der Marie Antoinette als Menetekel: „Denkt an die Guillotine“ sei „ zum Leitmotiv des Abends“ geworden. Also Obacht!

Joseph Stiglitz: „Reich und arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft“, Siedler Verlag, München 2015, 512 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-8275-0068-7

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