Rezension

Rassismus: Warum die deutsche Kolonialzeit bis heute für Streit sorgt

Paul Starzmann14. Juni 2017
Der Rassismus in unserer Gesellschaft wurzelt in der Gewalt der deutschen Kolonialzeit, sagen Historiker. Sie fordern deshalb eine politische Aufarbeitung der schweren Verbrechen vor über 100 Jahren. Andere halten dagegen: War alles halb so schlimm damals, sagen sie.
Kößler und Melber 2017

Der deutsche General Lothar von Trotha machte aus seinen Absichten nie einen Hehl. Nachdem er im Jahr 1904 zum Oberkommandierenden der deutschen Truppen in der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ ernannt worden war, wollte er vor allem eins: Blut sehen.

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts

„Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeiten auszuüben, war und ist meine Politik“, schrieb er damals stolz in einem Brief. Wenige Wochen zuvor hatte der General eine Order an seine Truppe ausgegeben, die als „Vernichtungsbefehl“ in die Geschichte eingehen sollte – die Anweisung zum Völkermord an den Herero, Nama und Damara. Begangen von deutschen Soldaten auf dem Gebiet des heutigen Namibia.

Inzwischen ist dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte gut erforscht. Dennoch gibt es bis heute Streit über die Bewertung der Kolonialzeit – wie jetzt auch zwei neue Bücher belegen.

Das Problem heißt Rassismus

Die Ansätze der zwei Autorenteams könnten unterschiedlicher kaum sein: Die Kolonialismus-Experten Reinhart Kößler und Henning Melber stellen schon im Titel ihres Buches die alles entscheidende Frage: „Völkermord – und was dann?“ Sie verstehen den Kolonialismus nicht als eine historisch isolierte Periode, sondern als eine Zeit, deren Spuren sich vom frühen 20. Jahrhundert über das Dritte Reich bis in die Bundesrepublik ziehen – und sich in der heutigen Gesellschaft in Form des noch immer weit verbreiteten Rassismus widerspiegeln. Ganz zu schweigen von den offenen Wunden, die der Genozid im heutigen Namibia hinterlassen hat.

Auf ganz andere Weise behandeln die Geschichtsprofessoren Horst Gründer und Hermann Hiery das Thema: In ihrem Sammelband „Die Deutschen und ihre Kolonien“ wird das Problem des Rassismus weitgehend umschifft. Stattdessen können die beiden Herausgeber der deutschen Gewaltherrschaft in Afrika sogar Positives abgewinnen: Unter der Überschrift „Versuch einer Bewertung“ zählen sie den „europäischen Fortschritt“ auf, den die Deutschen angeblich in die Kolonien brachten: „Infrastruktur, Schulen, Gesundheitsfürsorge und Krankenbehandlung“. Sie könnten genauso gut den Autobahnbau erwähnen, wenn es um die Bewertung des Dritten Reichs ginge.

Das „deutsche Herrenmenschentum“

Gegen eine Relativierung historischer Verbrechen richten sich Kößler und Melber in ihrem Buch. Dass der Kolonialismus nichts Gutes gebracht hat, zeigen sie schon im ersten Kapitel: Akribisch zeichnen sie nach, wie die Deutschen bereits Jahrzehnte vor dem Beginn der Nazi-Zeit tausende Menschen in Südwestafrika in Konzentrationslagern hungern ließen. Wie die Generäle Zwangsumsiedlungen anordneten und von der „Vernichtung des Hererovolkes“ schwärmten, nachdem sie unzählige Männer, Frauen und Kinder in der wasserlosen Omaheke-Wüste in den Tod getrieben hatten. Ihr Motiv: das „deutsche Herrenmenschentum“. Knallharter Rassismus also.

Ganz anders sieht die Analyse von Horst Gründer und Hermann Hiery aus: Sie betonen, dass doch auch einzelne Einheimische vom kolonialen System profitierten. Auch glauben sie, die deutsche Besatzung habe „das festgefügte vorkoloniale System“ in Afrika beinah zu einer „offeneren Gesellschaft“ umgeformt. So als seien damals alle einheimischen Gesellschaften von Windhoek bis Sansibar gleich „festgefügt“ gewesen. Als hätten die Menschen im globalen Süden nur auf die deutschen Besatzer gewartet. Vor über 100 Jahren mag diese Einschätzung dem kolonialen Zeitgeist entsprochen haben – im Jahr 2017 sollten es Geschichtsprofessoren wie Gründer und Hiery jedoch besser wissen.

Wieczorek-Zeul: „Dialog mit den Opfergruppen“

Umso mehr lohnt sich die Lektüre von Kößler und Melbers „Völkermord – und was dann?“ Das Buch geht weit über die Auflistung historischer Ereignisse hinaus: Es zeigt, wie schwer sich Medien, Politik und Gesellschaft bis heute mit der kolonialen Vergangenheit tun. Wie die einstigen Menschenrechtsverletzungen verschwiegen und verharmlost werden – und wie die Nachfahren der Opfer in ihrem Wunsch nach Wiedergutmachung noch immer ignoriert werden.

Im Vorwort fordert die ehemalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die sich schon in den 1990ern für eine Aufarbeitung der Kolonialzeit stark machte, den „Dialog mit den Opfergruppen“. Zu Recht. Denn ohne eine offizielle Entschuldigung für den deutschen Genozid in Afrika und eine intensive politische Aufarbeitung des Kolonialismus lässt sich auch der heutige Rassismus in unserer Gesellschaft nicht erfolgreich bekämpfen.

Neu erschienen:

Reinhart Kößler und Henning Melber: „Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung“, Brandes & Apsel Verlag, ISBN 978-3-95558-193-0, 19,90 Euro.

Horst Gründer und Hermann Hiery (Hsrg.): „Die Deutschen und ihre Kolonien“, be.bra Verlag, ISBN 978-3-89809-137-4, 24,00 Euro

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