Buchvorstellung

„Ostfrauen verändern die Republik“: Was der Westen vom Osten noch lernen kann

Tamara Rösch10. April 2019
Frauen aus Ostdeutschland haben mehr Selbstvertrauen und landen deshalb öfter in Spitzenpositionen als Westfrauen. Dennoch blieb bei der Rollenverteilung die Hausarbeit auch in der DDR an der Frau hängen. Ein neues Buch stellt dar, welche Ansichten Ostfrauen in die Republik gebracht haben.
Buchcover

„Bei der Bundestagswahl im Jahr 2017 gab es drei Spitzenkandidatinnen aus Ostdeutschland. Sie haben ein anderes Selbstbewusstsein entwickelt, sodass sie vermehrt in der Politik auftreten“, sagt Markus Decker, einer der Autoren des Buches „Ostfrauen verändern die Republik“, bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Das Phänomen habe Decker so beschäftigt, dass er sich dazu entschlossen hat, zusammen mit Tanja Brandes das Buch zu schreiben. Im Buch haben Brandes und Decker Frauen aus Ostdeutschland porträtiert um herauszuarbeiten, inwiefern ostdeutsche Frauen die Republik verändert haben.

Ostfrauen als Vorreiterinnen des Feminismus

Nach Brandes hänge das Rollenbild von Männer und Frauen aus der DDR von ihren Vorbildern ab. Sie sagt: „Bei Ostfrauen ist und war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Mutter arbeitet. Daraus entwickelt sich bei Frauen und auch bei Männern das Selbstverständnis, dass alle Frauen arbeiten.“ Die Vorbilder sehe man jedoch nicht nur in der Familie. Viola Klein, eine der portraitierten Frauen, ergänzt: „Die gesamte Lebensumwelt war oft mit Frauen besetzt. Sie waren Ärztinnen und Rechtsanwältinnen.“ Eine Ostfrau habe sich nach Klein keine Gedanken darüber gemacht, ob sie gerade in einem männerdominiertem Beruf unterwegs ist.

Judith Enders, Mitbegründerin des Netzwerks „3te Generation Ostdeutschland“, hält die finanzielle Unabhängigkeit der Ostfrauen für wichtig: „Mit dem eigens verdienten Geld kann man auch sein eigenes Leben führen, unabhängig vom Mann“, sagt sie.

Frauen in der DDR trotzdem nicht gleichberechtigt

Doch nicht alles war besser: „Im Schnitt haben Frauen 30 Stunden mehr gearbeitet als Männer im Osten“, sagt Decker. Das Rollenbild war also in der DDR das gleiche wie im Westen: die Hausarbeit blieb an der Frau hängen. „Außerdem haben die Frauen der DDR in der Politik kaum eine Rolle gespielt. Bei Machtfragen blieben sie außen vor.“

Wo stehen Frauen heute?

Auch wenn es um heutige Debatten zur Gleichstellung der Frau gehe, seien Ostfrauen oft anders eingestellt als Westfrauen, sagt SPD-Politikerin Josephine Ortleb. „Beim Diskurs um Artikel 219 a hat man das besonders gemerkt. Für Frauen aus der ehemaligen DDR war das eigentlich kein Thema mehr, darüber zu diskutieren ist ein Rückschritt für sie“, gibt sie zu bedenken.

Generell seien „Frauen heute immer noch nicht gleichberechtigt“, fügt SPD-Bundespolitikerin Elisabeth Kaiser hinzu. Das Interesse liege aber nicht mehr nur bei gleichberechtigter Arbeit, sondern auch bei gleichberechtigter Familienplanung, sagt Kaiser.

Ein weiteres aktuelles Problem sei nach Ortleb die Altersarmut: „Altersarmut hat ein weibliches Gesicht. Von dem Konzept der Grundrente würden vor allem Frauen profitieren. Es darf aber keine Bedürftigkeitsprüfung geben, diese ist eine unnötige Hürde“, sagt sie.  

Die im Buch vorgestellte Viola Klein ist Unternehmensgründerin. Sie ist in Ostdeutschland aufgewachsen und merkt ein drittes Problem an: die Durchsetzung der Parität. „Früher war ich noch gegen Quote oder Parität. In der DDR war es selbstverständlich, dass Frauen in Führungsetagen vertreten sind. Ich dachte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis mehr Frauen in den Chefsesseln sitzen“, sagt Klein. Doch sie wurde eines Besseren belehrt: „Ich habe abgewartet. Es hat sich nichts getan, es sind immer noch viel zu wenige Frauen hohen Positionen“, prangert Klein an. Vor allem in der Politik findet sie die Parität sinnvoll: „Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung, wir müssen angemessen vertreten sein!“

Infos zum Buch:

Das Buch „Ostfrauen verändern die Republik“ von Tanja Brandes und Markus Decker ist im Ch. Links Verlag erschienen und kann für 18 Euro erworben werden.

ISBN: 978-3-96289-034-6

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