Buchtipp

Vom NS-„Hungerplaner“ zum Top-Manager

Anton Maegerle06. Oktober 2014
Heute ist Hans-Joachim Riecke weithin unbekannt. Doch der NS-Staatssekretär gehörte zu den Hauptverantwortlichen für den Hungertod von Millionen Menschen in den besetzten Ostgebieten. In der Bundesrepublik stieg Riecke zum Top-Manager auf.

Ein weiteres Beispiel für die unsägliche personelle Kontinuität von NS-Eliten in der Bundesrepublik dokumentiert der Karlsruher Historiker Wigbert Benz in seiner glänzend recherchierten Biografie „Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum ‚Welternährer’ nach 1945“.

Der Diplom-Landwirt Riecke sorgte dafür, dass Lebensmittel aus den besetzten Gebieten ins Deutsche Reich transportiert wurden, bevor der Bedarf der Zivilbevölkerung gedeckt war. Rieckes Apparat raubte innerhalb von knapp drei Jahren sieben Millionen Tonnen Getreide, eine dreiviertel Million Tonnen Ölsaaten, circa 600.000 Tonnen Fleisch und 150.000 Tonnen Fette aus der Sowjetunion.

Millionen Menschen verhungert

Aufgrund des Nahrungsmittelraubs zugunsten von deutscher Wehrmacht und Zivilbevölkerung verhungerten allein in den besetzten Gebieten zwischen vier und sieben Millionen Menschen. Den Hunger bekamen im Deutschen Reich auch die Juden zu spüren, die im Herbst 1942 noch nicht ermordet waren. Riecke verfügte mit dem Erlass zur „Lebensmittelversorgung der Juden“ vom 18. September 1942 die Einstellung ihrer Versorgung mit Fleisch, Eiern, Weizenerzeugnissen und Milch. Nach 1945 sollte Riecke bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wegen seiner Mitverantwortung der Prozess gemacht werden.

Voll rehabilitiert in die Nachkriegskarriere

Doch aus politischen Gründen – die Zeit des Kalten Krieges war angebrochen – kam es zu keinem Prozess. Benz hat für seine Studie erstmals die entsprechenden Bestände des Staatsarchivs Nürnberg und die Entnazifizierungsakte im hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden ausgewertet. Wie Benz belegt, wurde Riecke nie zur Rechenschaft gezogen und konnte „voll rehabilitiert eine glänzende Nachkriegskarriere starten“.

Die machte er beim Hamburger Agrarunternehmen Alfred C. Toepfer, einer international bedeutenden Getreide- und Futtermittelfirma. Dort leitete er von 1951 bis 1970 die volkswirtschaftliche Abteilung. Bis zu seinem Tod 1986 amtierte Riecke als Ehrenmitglied des Toepfer-Stiftungsrates.

Daneben publizierte Riecke in den 1950er Jahren als Landwirtschaftsexperte zu Ernährungsfragen und erläuterte agrarpolitische Notwendigkeiten der 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Selbst dem Buch „Werden nur die Reichen satt?“ des Friedennobelpreisträgers John Boyd Ort konnte Riecke ein Vorwort beisteuern. Seine NS-Vita war in der Öffentlichkeit vergessen.

Ungeklärte Rolle bei der Ermordung eines Sozialdemokraten

So ist auch unbekannt, dass Riecke vor seinem Wechsel ins Reichsernährungsministerium unter anderem Regierungschef des Kleinstaates Lippe war. In dieser Eigenschaft erteilte er 1933 den Auftrag, den sozialdemokratischen Journalisten Felix Fechenbach „Schutzhaft“ in Detmold ins KZ Dachau zu überstellen. Der Jude und Pazifist Fechenbach war Sekretär des 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und in den 1920ern für die sozialdemokratische Tageszeitung „Vorwärts“ tätig.

Fechenbach wurde auf der Fahrt bei einem sogenannten Fluchtversuch erschossen. Den an der Tat beteiligten SS-Mann Paul Wiese stellte Riecke ab dem 26. Oktober 1933 als persönlichen Fahrer ein. Beim Prozess in der Nachkriegszeit konnte Riecke keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Dennoch wertete Robert Kempner, vormals stellvertretender US-Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, die Maßnahme Rieckes noch Ende der 1960er Jahre als Belohnung für die Ermordung des Sozialdemokraten Fechenbach.

Die vom NS-Staatssekretär Riecke betriebene „Hungerpolitik“ in den besetzten Gebieten der Sowjetunion war Teil des verbrecherischen Eroberungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungskriegs der Nazis. Benz ist dafür zu danken, dass er diesen barbarischen Akt der Vergessenheit entrissen hat.

Wigbert Benz: „Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum ‚Welternährer’ nach 1945“, Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2014, 127 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-86573-793-9