Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?

Warum Martin Schulz kein Populist ist

Carolin Hipp01. März 2017
Populismus ist der Begriff der Stunde in der politischen Auseinandersetzung. Was aber zeichnet einen Populisten aus? Und wie sollte die Gesellschaft mit Populisten umgehen? Antworten gibt der Politologe Jan-Werner Müller in seinem Essay „Was ist Populismus?“.
Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?

„Und die Art, wie er populistisch die angebliche Spaltung der Gesellschaft beschwört, folgt der postfaktischen Methode des US-Wahlkampfs.“ So äußerte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jüngst gegenüber dem „Spiegel“ über den designierten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Hätte Schäuble Jan Werner-Müllers Buch „Was ist Populismus?“ gelesen, hätte er sich wohl mit dem Populismus-Vorwurf zurückgehalten. Denn klar wird darin: Donald Trump ist ein Populist, Martin Schulz hingegen nicht.

Was Populismus ist und wie man ihn erkennt

Müller widmet sich in seinem 160 Seiten umfassenden Essay über Populismus drei Themenfeldern: Theorie, Praxis und dem demokratischen Umgang mit Populisten. Müllers wichtigstes Anliegen ist dabei, eine genaue Definition von Populismus zu liefern und diesen von anderen leicht zu verwechselnden politischen Erscheinungsformen abzugrenzen. Der Leser soll dazu befähigt werden, Populisten nicht allein an ihrer Rhetorik, ihren Gefühlslagen, ihrer Anhängerschaft und ihrer „Performance“ zu erkennen. Müller erweitert den Blick auf universellere, klare Abgrenzungskriterien.

Im Mittelpunkt stehen dabei zum einen der moralische Anspruch der Populisten, dass allein sie das Volk vertreten würden und zum anderen ihr spezifischer Volksbegriff. Für Populisten sei ein „wahres Volk“ [S. 47] ein „moralisch reines, homogenes Volk“ [S. 42], zu dem der Andere – je nach populistischer Ausrichtung der „Andersdenkende“, die „Eliten“ oder Menschen mit anderer Herkunft und Religion – nicht gehöre. Dabei verstünden sich Populisten, Rechts- genauso wie Linkspopulisten, immer als das Sprachrohr dieses „wahren Volkes“.

Das homogene Volk gibt es nicht

Alle, die den Alleinvertreteranspruch der Populisten in Frage stellten, egal ob es sich um demokratisch legitimierte Volksvertreter, Kritiker und auch Medien handelt, würden, so die Logik der Populisten, das Volk verraten. Müller macht aber klar: In demokratischen Gesellschaften gibt es kein homogenes Volk. Ein Volk sei stets pluralistisch und wer zum ihm gehört, werde immer wieder neu ausgehandelt. Niemand könne daher für sich beanspruchen, das Volk in Gänze zu vertreten.

Daher sei Populismus undemokratisch bzw. antidemokratisch. Er sei aber nicht nur eine Ideologie, die gleich Nationalismus oder Rassismus bedeute. Populisten würden unterschiedlichste, sogar konträre Inhalte vertreten, was ihr Erkennen umso schwieriger mache. Einen sehr guten Überblick schafft Müller durch seinen Ausflug in die „transatlantische Verwirrung“, der zeigt, dass es auf beiden Seiten des Ozeans ein unterschiedliches Verständnis und eine unterschiedliche Wertung des Populismus-Begriffs gibt.

Populisten in der Praxis

Im zweiten Teil des Buches erläutert Jan-Werner Müller, wie der Politikstil von Populisten in der Praxis greift. Neben ihrem Wirken als politische Opposition, stellt der Politologe dar, wie Populisten regieren. Sie sind dabei in ihrem Sinne sogar recht erfolgreich und schaffen es, auch als Regierende ihrer Opferrolle treu zu bleiben und so von eigenen Misserfolgen und Korruptionen abzulenken.

Müller betont, wie naiv es sei, zu glauben, dass sie nach ihrer Wahl zügig aufgrund von Glaubwürdigkeitsverlusten und politischer Praxis von der Bildfläche verschwinden würden. Er führt aus, mit welchen Maßnahmen sich Populisten dauerhaft ihre Macht sichern. Gleichzeitig versuchten sie, weiterhin den Anschein zu erwecken, demokratisch legitimiert zu sein. Unter ihnen entwickele sich der Staat jedoch, zu einer „defekten Demokratie“ [S. 76].

Den richtigen Umgang mit Populisten erlernen

Wie aber kann man mit Populisten umgehen, sie im besten Fall entzaubern? Hier gibt Müller im dritten Teil seines Buchs Antworten. Man müsse die „moralische Dimension des populistischen Weltbildes verstehen und ernst nehmen“ [S. 91]. Zwei Vorschläge unterbreitet er beim Umgang mit Populisten in der Praxis: Die konsequente Ablehnung, sei in der Regel nicht erfolgreich. Im Gegenteil: Dies stütze nur ihre These, die Eliten würden keine Kritik zulassen.

Man solle viel häufiger die Auseinandersetzung im Rahmen demokratischer Debatten suchen und könne den Zuspruch, den Populisten oftmals erhalten, auch als  „wichtige Symptome real existierender Herausforderungen der Gesellschaft“ verstehen [S.96]. In diesem Zusammenhang geht der Autor auch auf die Ursachen der Entstehung und Ausbreitung des Populismus ein, zu denen unter anderem eine Krise der politischen Repräsentation gehöre.

Mehr als ein weiterer Definitionsversuch

In seinem Essay gelingt es Jan-Werner Müller tatsächlich, einen präzisen Populismus-Begriff zu entwickeln, der bei der Erklärung aktueller politischer Phänomene hilfreich sein kann. Müller verwendet viele Beispiele, historische Abrisse, bekannte Schlagwörter und einen Hauch Humor, die der ganzen Theorie mehr Lebendigkeit einhauchen.

Seine zahlreichen Quellen ermöglichen zudem eine weitere intensive Auseinandersetzung mit der Thematik Populismus. Müller bezieht Stellung, er erschließt Zusammenhänge, schafft sogar Aha-Effekte und nichtsdestotrotz erinnert er daran, „wie schwierig und nervenaufreibend Demokratie immer wieder ist“ [S. 23]. Ein empfehlenswerter kurzer Essay, auch für erfahrende Berufspolitiker.

Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? Ein Essay, Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-518-07522-7

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