Rezension

Kann man zu demokratischen Lebensformen erziehen?

Angelina Sortino25. Juli 2018
In seinem Buch „Demokratie und Bildung“ sucht Micha Brumlik nach einer Antwort auf die Frage, wie man Menschen zu mündigen Bürgern bilden kann. Dabei setzt er sich vor allem mit Klassikern der Philosophie auseinander. Die Suche nach einer Antwort für die Gegenwart gestaltet sich schwierig.
Neofelis Verlag

„Vor zehn Jahren noch wäre dieses Buch, ein Buch unter dem Titel Demokratie und Bildung, ein völlig anderes geworden[...]“, so beginnt Micha Brumlik seine neueste Publikation. Der Rechtsruck der westlichen Gesellschaft, der Brexit und die Wahl von Donald Trump sind für ihn sichere Anzeichen dafür, dass selbst in nominell demokratischen Staaten die demokratische Kultur in einer tiefen Krise steckt.

Rechtsruck wirft Fragen auf

Brumlik weiß, dass nicht nur Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau zu den Unterstützern rechter Parteien und nationalistischer Ideologien gehören. Deshalb stellt er die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Demokratie und Bildung. Er fragt, welche Bildung zu mündigen, die Demokratie unterstützenden Bürger führen kann.

Zunächst erfolgt ein längerer Ausflug in die Welt der Klassiker politischer Philosophie. Es wird die Evolution der Begriffe Bildung, Erziehung und Demokratie erläutert. Wichtig ist hierbei vor allem die Erkenntnis, dass Demokratie sowohl Herrschafts- als auch Lebensform sein kann. Als weiteren wichtigen Begriff im Zusammenhang mit Demokratie und Bildung bringt Brumlik die „Postdemokratie“ in seine Debatte ein. Diese ist entweder als Verfallsform der Demokratie zu verstehen, also als eine Staatsform die vorgibt demokratisch zu sein, in der die Bürger aber nur noch eine passive Rolle einnehmen oder als eine dem demokratischen Grundgedanken entgegengesetzte Herrschaftsform.

Platon, Rousseau und Dewey

Es folgt eine Vorstellung verschiedener Philosophen und ihrer Theorien zu Demokratie und Erziehung. Platon, Rousseau und Dewey gibt er besonders viel Raum. Das führt dazu, dass auch solche Leser einen guten Einblick erhalten, die bisher, aufgrund des häufigen Springens von einem Denker zum nächsten, durch die Lektüre eher verwirrt als bereichert worden sein dürften.

Platon war sich sicher, dass nur Gebildete, am besten Philosophen, das Regieren übernehmen sollen. Für Rousseau ist Demokratie ein Gemeinwesen, in dem die Menschen nur den Gesetzen unterworfen sind, die sie sich selbst gegeben haben. Dewey hält die Demokratie für die zu sich gekommene menschliche Lebensform.

Währungscharakter der Bildung schwächt die Demokratie

Auf den letzten 50 Seiten überprüft Brumlik die Theorien und weitere Hypothesen anhand annähernd aktueller Daten über Kinder und Jugendliche und deren Einstellung zur Demokratie. Sichere Erkenntnisse liefert dieses Kapitel wenige.

Damit sich Demokratie und Bildung gegenseitig stützten brauchte es laut Brumlik: liberale Lebensformen, deren Ziel es sei sich zu reproduzieren, zunehmende Individualisierungsprozesse und Einrichtungen, die jungen Menschen sowohl Disziplin als auch Selbstentfaltung vermittelten. Eine Demokratiegarantie biete dieses Rezept jedoch nicht.

In seinem Ausblick weist der Autor sehr weitsichtig darauf hin, dass der Währungscharakter, den Bildung mittlerweile erhalten habe, nicht nur zu einer Inflation ihres Wertes führe, sondern auch zu einem Problem für die demokratische Gesellschaft werden könne.

Kein Erfolgsrezept

Der Ausflug in die Klassik der politischen Philosophie, den Micha Brumlik mit seinen Lesern unternimmt, ist spannend. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass man als Laie Zeit investieren muss und dafür nur wenige Erkenntnisse zur eigentlichen Frage des Buches erhalten wird. Dafür zieht Brumlik zu selten Schlüsse, die sich auf die Gegenwart beziehen. Auch wenn sich das auf den letzten Seiten ändert, so wird die Frage, wie man nun mündige Bürger bildet und erzieht und so die Demokratie schützt, nur unbefriedigend beantwortet.

 

Micha Brumlik: „Demokratie und Bildung“ Neofelis Verlag, Berlin 2018, 259 Seiten, 20,00 Euro, ISBN-13: 978-3958081345

Kommentare

Der Weg ist das Ziel - Ein bayrisches Wahlkampfthema?

Demokratie und Bildung lassen sich nicht in einer Lektüre verknüpfen, schon gar nicht in einer Fragestellung beantworten. Eine solche Lektüre erfüllt ihren Zweck im gemeinsamen Austausch hinterher. Das bildet tatsächlich. Diese Art von dialogischer Bildung ist herrschaftsfrei und enthält sich eines intellektuellen Nullpunktes. Im Gespräch gruppieren sich Menschen umeinander. Eine Gelegenheit hierfür bieten gesellschaftspolitische Bildungsurlaube [BU] an, die [auch als Lektürekurse] Menschen dazu einzuladen, ihre Erkenntnisse in ihrem Umfeld transfer umzusetzen.

Nach dem ILO Übereinkommen 140 hat sich Deutschland und damit alle Bundesländer verpflichtet mit dem bezahlten BU "als eines der Mittel zur Befriedigung der echten Bedürfnisse des einzelnen Arbeitnehmers in einer modernen Gesellschaft zu betrachten" und "im Sinne einer Politik der fortdauernden Bildung und Berufsbildung zu konzipieren". Allein Sachsen und Bayern weichen hiervon ab. Bayern verkauf dies als Standortvorteil. In Sachsen wird das von der mitregierenden SPD getragen. Die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und Den Grünen waren dort wegen der Bildungspolitik gescheitert. In beiden Ländern droht jedoch die AfD.

Kann man zu demokratischen Lebensformen erziehen?

Schon die Fragestellung führt in die Irre !
Es gibt doch keine Alternative dazu, also man muss !!!
Soweit die einzige und einfache Antwort.
Die Beantwortung der Frage Wie...? Ist dann leider nicht mehr so einfach und die Umsetzung der Antworten darauf bestimmt nicht für 'n Appel und ein Ei zu haben.

Kritik

Der Ausgangspunkt ist wohl der, Demokratie ist die Staatsform, zu der es aus moralischer Sicht keine Alternative gibt. Die Frage ist jetzt die, ob ein demokratisches Bewußtsein auf dem Weg über Bildung geschaffen werden kann. Vorher müßte aber erst einmal geklärt werden, was Demokratie im Kern wirklich ist; erst dann kann man entsprechende Bildungsziele formulieren. „Der Rechtsruck der westlichen Gesellschaft ... sind für ihn sichere Anzeichen dafür, dass selbst in nominell demokratischen Staaten die demokratische Kultur in einer tiefen Krise steckt.“ Der Rechtsruck: Warum gibt es ihn überhaupt? Weil wir auf der Linken eine Entwicklung zu verzeichnen haben, die wir im Grund nur noch als krass undemokratisch bezeichnen können. Denn dort wird in geradezu penetranter Weise versucht, das Volk selbst zur Belanglosigkeit herabzuwürdigen. Dabei ist doch das Volk das Subjekt der Demokratie, und demzufolge ist eine Demokratie ohne Volk überhaupt nicht denkbar. Wie kommen wir zu einem demokratischen Bewußtsein? Wir haben zur Zeit die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Hier bekommen junge Menschen die Gefährdung des demokratischen Staates vermittelt. (unvollständig wg.1200 Z