Rezension: Helmut Schmidt. Die späten Jahre

Kultisch verehrt – der Elder Statesman Helmut Schmidt

Renate Faerber-Husemann29. September 2016
Er kannte Helmut Schmidt gut und genoss sein Vertrauen. Der Autor Thomas Karlauf hat eine Biographie über die späten Jahre Schmidts nach der Kanzlerschaft geschrieben. Wie wurde dieser Mann, der 1982 noch als durchschnittlicher Kanzler galt, zu einem Idol der Deutschen?

Einmal wurde Bundeskanzler Helmut Schmidt von einer Journalistin gefragt, was wohl seine Rolle in den Geschichtsbüchern sein werde. Seine Antwort: „Das kann mir nicht wichtig sein, denn wenn es geschrieben wird, bin ich tot.“ Das war wohl Koketterie, denn eine neue Biographie zeigt, wie intensiv er nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 33 Jahre lang bis zu seinem Tod an genau dieser Rolle gefeilt hat. Während die zahlreichen Bücher über ihn bisher meist mit dem Kanzlersturz im Herbst 1982 enden, hat sich sein Biograph Thomas Karlauf intensiv mit den 33 Jahren danach beschäftigt. Sein Buch beginnt mit der (so ist das erste Kapitel überschrieben) „Inszenierung eines Verrats“.

Helmut Schmidt: der richtige Kanzler zur richtigen Zeit

Karlauf kannte Helmut Schmidt gut und genoss sein Vertrauen. Seit 1987 hat er fast alle Buchveröffentlichungen des Exkanzlers als Lektor betreut, zahlreiche Gespräche mit ihm geführt und exklusiven Zugang zu seinem Privatarchiv erhalten. Schmidt litt wohl daran, dass Willy Brandt geliebt, er aber „nur“ geachtet wurde. Er fühlte zu wenig anerkannt, wie er als Kanzler das Land erfolgreich durch schwere Zeiten geführt hatte, etwa die Ölkrise und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise. Während der dramatischen Jahre des RAF-Terrorismus zeigte er Festigkeit, ließ nicht zu, dass der Staat erpressbar wurde. Er war sicher der richtige Kanzler zur richtigen Zeit, doch seine Partei, und das galt besonders für die von ihm verachteten 68er, vermisste Willy Brandt.

Bis 1987 saß Helmut Schmidt noch im Bundestag. Seine Abschiedsrede, aus der Karlauf zitiert, war eine für Schmidt typische Antwort auf das Kohlsche Geschwätz von der geistig-moralischen Wende: Geistige Orientierung erwarte man von denen, die dazu berufen seien, von Pädagogen, Künstlern und Wissenschaftlern, von den Kirchen und Religionsgemeinschaften. Von einer Regierung erwarte man politische Orientierung und politische Führung.

Die Sehnsucht der Deutschen nach Führung

Karlaufs Biographie ist so nüchtern wie Helmut Schmidt selbst war – oder sich darstellte. Nie in dem 560 Seiten starken Buch missbraucht er seine Stellung, sein Wissen wohl auch über Privates. Immer bleibt er dezent, ob er nun über den von Krankheiten geplagten Exkanzler schreibt oder über dessen Ehe mit Loki. Was er herausarbeitet, ist die erstaunliche Geschichte eines Mannes, der zu seinen Kanzlerzeiten zwar mehr als seine Partei geschätzt wurde, aber verehrt erst weit nach dem Ende seiner Regierungszeit. In den „Jahren der Einmischung“, die Karlauf auf die Zeit von 1993 bis 2003 datiert, hätte eine starke Mehrheit im Land  Schmidt bei einer Direktwahl wohl sofort zum Kanzler gewählt – unabhängig von Parteipräferenzen. Denn er bediente die Sehnsucht der Deutschen nach Führung und sprach stets Klartext.

Seine Herausgeberfunktion bei der „Zeit“  war für ihn eine Plattform, um sich politisch einmischen zu können – nicht immer zur Freude der Redaktion.Seine zahlreichen Auslandsreisen als Elder Statesman sorgten dafür, dass regelmäßig über ihn geschrieben wurde. Er ließ sich von Kamera-Teams begleiten, trat mit und ohne Loki im Fernsehen auf, schrieb ein Buch nach dem anderen. Memoiren aber durften die Bücher nie genannt werden. Sein einstiger Lektor schreibt dazu: „“Seinen 'Abscheu vor Selbstentblößung' konnte Schmidt bis zu seinem Lebensende nicht überwinden. Das Schreiben von Memoiren sei 'eine unglaubliche Verleitung, sich selbst zu beweihräuchern, sich zu schminken und schöner zu machen, als man ist.'.“

Als belesener, kultivierter Weltökonom das Gegenbild zu Kohl

Unaufhörlich aber strickte er an seinem Bild für die Nachwelt. Er traf sich mit den Großen dieser Welt und Kohl verblasste neben ihm. Er sprach ohne Rücksicht auf Parteien – speziell die eigene – aus, was er dachte. Er war gegen Abenteuer der Bundeswehr in fernen Weltregionen, wie ein großer Teil der Bürger auch. Er misstraute den 68ern, wie so viele seiner Bewunderer auch. Er rauchte unentwegt auch dort, wo das allen anderen Menschen verboten war, und ihm verzieh man auch das. Er wurde gelesen und zitiert, seine Bücher erreichten zusammen Auflagen von mehr als vier Millionen. Er konnte nach Meinung seiner zahlreichen Anhänger anscheinend nichts mehr falsch machen. Vergessen war seine Haltung zur Nachrüstung, die seine SPD fast zerrissen hat in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Vergessen auch seine allzu große Milde gegenüber China und jenen Politikern, die das Massaker auf dem Platz des himmlichen Friedens zu verantworten hatten. Vergessen sein Unverständnis gegenüber Umwelt- und Frauenbewegung. Selbst seine Besserwisserei und seine manchmal schnarrende Arroganz wurden als eher liebenswerte Marotte verziehen.

Warum die Menschen ihm so gerne folgten, erschließt sich durch die Lektüre: Es war gerade seine Nüchternheit, nach der die Bürger sich in unübersichtlichen Zeiten  sehnten. Er lebte bescheiden, obwohl es ihm an Geld nicht mangelte. Er war der belesene, kultivierte Weltökonom, das Gegenbild zu Kohl. Von diesem Mann ließ man sich gerne die Welt erklären. Er hat erreicht, was wohl sein Ziel war: Er hat – so Karlauf -die Deutungshoheit über sein politisches Leben behalten

Thomas Karlauf: „Helmut Schmidt. Die späten Jahre“, Siedler Verlag, 560 Seiten, 26.99 Euro

 

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