Buchtipp: Das Ende der Natur

Wie die industrielle Landwirtschaft die Umwelt zerstört

Michael Müller29. November 2017
Die Debatte über Glyphosat zeigt: Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist hoch umstritten. Dabei gibt es noch viele andere Dinge, mit denen die industrielle Landwirtschaft die Natur zerstört. Welche das sind, zeigt Susanne Dohrn in ihrem Buch „Das Ende der Natur“.
Susanne Dohrn: Das Ende der Natur

Artenvielfalt – also der Schutz der Vielfalt von Pflanzen, Tieren, Lebensräumen und auch der Gene – ist der Gradmesser für den Gesundheitszustand unseres Planeten. Je größer die biologische Vielfalt ist, desto stabiler und gesünder sind die Öko-Systeme. Doch durch die industrialisierte Landwirtschaft, die Ausbeutung der Öko-Systeme, die Vergiftung der Mitwelt, die Spekulation mit Böden und Ressourcen, die Betonierung der Landschaften und zunehmend auch durch den vom Menschen verursachten Klimawandel machen wir die Erde krank. Die Erde, so wie wir sie kennen und wie sie unsere Heimat wurde – und damit Bedingungen unseres Lebens.

Die Politik ist Komplizin des schleichenden Sterbens

„Die Landschaften meiner Kindheit waren voller Leben.“ Dieser traurige Rückblick des Trägers des alternativen Nobelpreises Michael Succow ist der Ausgangspunkt für das wunderbare Buch „Das Ender der Natur“ der engagierten Autorin Susanne Dohrn. „J’accuse – Ich klage die industrielle Landwirtschaft an, dass sie die Totengräberin der biologischen Vielfalt ist“, schreibt sie. Dohrn, die lange Mitglied der Chefredaktion des „vorwärts“ gewesen ist, beschreibt in ihrem eindrucksvollen Buch den Niedergang der biologischen Vielfalt. Und sie beschuldigt auch die Politik, die mit Milliardenbeträgen in Deutschland die Intensivlandwirtschaft fördert und die Absurditäten der EU-Agrarförderung zulässt, als Komplizen des schleichenden Sterbens.

Waren früher Mist, Jauche und stickstoffbindende Pflanzen unverzichtbare Bestandteile einer bäuerlichen Kreislaufwirtschaft, so decken heute industrialisierte Agrarfabriken ohne Vieh den Nährstoffbedarf ihrer Pflanzen mit synthetischen Mineraldüngern. Dazu kommen immer mehr Regionen mit industrieller Massentierhaltung, die in Gülle versinken. Nicht nur die Zerstörung der Artenvielfalt, auch die Überlastung der Grundwasservorkommen und Oberflächengewässer sind die Folgen. Immer weniger Bauern produzieren mit einem immer höheren Energieeinsatz immer mehr Erträge mit zunehmender Umweltbelastung. Tiere werden in engen Ställen zusammengepfercht, um in einer Rekordzeit auf Schlachtgewicht gemästet zu werden.

Die roten Listen werden immer länger

Der Widerspruch ist dramatisch: Wir bejubeln oder fürchten die Rückkehr der Wölfe in unsere Regionen, die Zunahme von Wildtieren in den Innenstädten oder eine ökologische Vorreiterrolle unseres Landes. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Hierzulande erleben wir den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt. Trotz der hohen Zustimmung des biologischen Landbaus in der Bevölkerung ist von den allseits proklamierten Zielen einer multifunktionalen Landwirtschaft, die nicht nur genügend hochwertige Lebensmittel für alle produzieren soll, sondern auch die Kulturlandschaft schützt, die Biodiversität bewahrt, Rücksicht auf das Wohl der Tiere nimmt und sozial gerecht ist, nichts zu sehen.

Susanne Dohrn im Gespräch mit Barbara Hendricks

Auf der Frankfurter Buchmesse hat Autorin Susanne Dohrn über die Thesen ihres Buchs mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks diskutiert. Einen Bericht über die Veranstaltung lesen Sie hier. Einen Audiomitschnitt zum Nachhören finden Sie hier:

Unser Land erlebt einen dramatischen Rückgang der Artenvielfalt. Die „Roten Listen“ bedrohter Tiere werden länger und länger. Rund die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gilt als gefährdet – nicht nur, aber vor allem durch die industrielle Landwirtschaft sowie natürlich auch durch den extensiven Flächenverbrauch, das Zerschneiden der Lebensräume und den wuchernden Verkehr. Weit weg von Verantwortung, Vorsorge und Nachhaltigkeit sind die Ursachen für das schleichende Sterben der Natur der Raubbau der Ressourcen, kurzfristige Verwertungsinteressen und das Regime schneller Gewinnmaximierung.

Wir verspielen das Erbe der Natur

Tatsächlich sind die meisten Bauern abhängig von der Agrarindustrie und ihre Verbände blind vor den Herausforderungen. Doch das Aussterben der Ackerwildkräuter setzt beispielsweise eine ganze Verlustkaskade in Gang. Mit jeder ausgerotteten Art verschwinden zwölf pflanzenfressende Tierarten. Die Bienen, die wichtigsten Nutztiere, die es auf unserem Planeten gibt, finden in den ausgeräumten Landschaften nicht genügend Nahrung und drohen auszusterben. Wiesen- und Ackerpflanzen, zahllose Insektenarten und Feldvögel gehörten bis vor wenigen Jahrzehnten zu unserer Normallandschaft. Doch auf den rund 50 Prozent der Landflächen Deutschlands verschwindet ihr Lebensraum. Aus früher vielfältigen Ackerlandschaften wurden industriell bewirtschaftete Monokulturen, Rapsfelder und Intensivgrünland, angereichert mit Unmengen von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden wie dem umstrittenen Glyphosat.

Die Vielfalt und Schönheit der Natur sind ein kulturelles Erbe, aber dieses Erbe geht verloren, wenn es so weitergeht. Deshalb fordert der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer Abich das „Projekt der erneuten Sesshaftigkeit“. Die Menschheit muss sesshaft werden in dem Ganzen, von dem der Mensch ein Teil ist. Susanne Dohrn hat Recht: Wir brauchen schnell eine  bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Landwirtschaft und bewusste Verbraucher. Das Ende der industriellen Agrarfabriken ist überfällig. Die Vorschläge sind da. Es muss endlich zur Umsetzung der Nachhaltigkeit kommen, von der so viel die Rede ist, aber für die so wenig geschieht, gerade in der Landwirtschaft. Das Ende der Natur, das Buch ist ein wichtiger Weckruf.

Susanne Dohrn: Das Ende der Natur. Die Landwirtschaft und das stille Sterben vor unserer Haustür, Ch. Links Verlag. Berlin 2017, ISBN 978-3-86153-960-5, 18 Euro

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Leider findet die Verarmung unserer Umwelt an Pflanzen, Insekten und Vögeln durch die industrielle Landwirtschaft wenig Beachtung bei der Politik und auch nicht in der SPD, die ganz andere Sorgen hat. Und die Mehrheit der Wähler interessiert sich leider nur für den niedrigsten Fleischpreis im Supermarkt für den Grillabend. Die zunehmende Stille und Artenarmut in unserer Umwelt bemerken die Wenigsten, schon gar nicht die in ihren SUV's.