Rezension

Hans-Heinrich Lammers: Hitlers Manager

Renate Faerber-Husemann27. Dezember 2017
Der Publizist Volker Koop hat die vorzügliche Biografie „Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei“ geschrieben. Wer begreifen möchte, wie reibungslos sich eine Demokratie in ein mörderisches Regime verwandeln konnte, sollte sie lesen.
Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei
Volker Koop: „Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei“, 320 Seiten, 24.90 Euro, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn

Kaum jemand kennt seinen Namen. Dabei war er eine der wichtigsten Führungsfiguren im sogenannten „Dritten Reich“. Wer einen Termin bei Hitler haben wollte, musste an Hans-Heinrich Lammers, dem Chef der Reichskanzlei, vorbei.

Viele Jahre lang war seine Macht fast absolut. Und dennoch beteuerte er während der Nürnberger Prozesse, kein Nationalsozialist gewesen zu sein – und anscheinend glaubte man ihm. Ausgerechnet dieser Protegé von Heinrich Himmler wollte vom Mord an den Juden nichts gewusst haben – und das Gericht schien ihm das auch zu glauben. Er wurde nicht wie die anderen Haupttäter hingerichtet, sondern zu zehn Jahren Haft verurteilt, aber schon nach zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Er starb 1962, mit 83 Jahren in seinem Bett.

Recht beugen, wann immer es verlangt wurde

Der Publizist Volker Koop, Jahrgang 1945, hat eine vorzügliche Biografie mit dem nüchternen Titel „Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei“ geschrieben. Lebendig wird das Bild eines Opportunisten, der wie ein Korken immer oben schwamm. Während der Weimarer Republik hatte er einen Ruf als Verfassungsrechtler, war deutschnational, aber unauffällig. Erst spät, 1931, trat er in die NSDAP ein, hatte die Mitgliedsnummer 1 010 355.

Auf Empfehlung von Wilhelm Frick, Reichsinnenminister der Nazis, ernannte Hitler ihn noch am 30. Januar 1933 zum Chef der Reichskanzlei. Hans Frank, später bekannt geworden als der „Schlächter von Krakau“ sagte 1946 vor dem Nürnberger Militärtribunal über ihn: „Er galt als ein Mann von Himmler. Er hat immer nur SS-Uniform getragen. Er war, wie man so sagt, SS-hörig. Er hat dies offenbar nicht aus irgendeiner SS-Gesinnung heraus getan, sondern, sagen wir, aus einem berechnenden Rückhalt.“

Er lieferte juristische Begründungen für Massenmorde

Hitler lobte ihn dafür, dass seine juristische Ausbildung nicht „dem gesunden Menschenverstand“ im Weg war. Das bedeutete: Lammers nutzte seinen beträchtlichen Verstand und sein Fachwissen, um das Recht zu beugen, wann immer das von ihm verlangt wurde.

Viele Menschen, die bis heute nicht begreifen können, wie reibungslos sich eine Demokratie in ein mörderisches Regime verwandeln konnte, werden das eher verstehen, wenn sie diese Biografie lesen. Lammers war während der Weimarer Republik eine unauffällige Figur. In Hitler sah er den kommenden Mann und trat folgerichtig in dessen Partei ein. Brennender Ehrgeiz und das völlige Fehlen eines moralischen Grundgerüsts sorgten für einen raschen Aufstieg. Er lieferte das juristische Mäntelchen für das Euthanasieprogramm, für den Mord an wohl 70.000 Menschen durch Giftinjektionen oder durch Gas. Es waren Behinderte, Unangepasste, Gebrechliche, denen das Recht auf Leben abgesprochen wurde. Lammers formulierte die juristische Begründung für diese Massenmorde.

Karrierist, der im Wortsinn über Leichen geht

Das galt genauso für den Holocaust. Zahllose von Lammers abgezeichnete Verordnungen und Erlasse (schon seit Fabruar 1933!) beweisen das. Dennoch behauptete er während seines Prozesses dreist, vom Mord an den Juden nichts gewusst zu haben. Im Mai 1942 schrieb dieser Schreibtischtäter, der noch zehn Jahre zuvor einen Ruf als Verfassungsrechtler gehabt hatte: „Des Führers Wille und Befehl sind im Dritten Reich die einzigen Quellen allen Rechts.“ Volker Koop schreibt dazu: „Dieser Satz offenbart die völlige Kapitulation von Lammers als Jurist. Er war aus freiem Willen zu einem bloßen Werkzeug und Vollzugsgehilfen Hitlers geworden.“

Warum? Vielleicht ist die Antwort ganz schlicht: Er hatte Macht und Ansehen – und es ging ihm gut während dieser zwölf Jahre. Er genoss die Privilegien, konnte ein Leben als Genießer auch noch in Zeiten führen, als ganz Deutschland hungerte.

In den letzten Zeilen des Buches schreibt Koop – und seine Verachtung für diesen Typus des Karrieristen, der im Wortsinn über Leichen ging, wird ganz deutlich: „Seine Mittäterschaft beruhte vor allem darin, dass er den Verbrechen der Nationalsozialisten durch allerlei juristische Klimmzüge stets den Anschein von Gesetzmäßigkeit verlieh. Persönlich hat er sich die Hände nicht schmutzig machen wollen und machen müssen – aber er hat denen, die es taten, ein ruhiges Gewissen verschafft.“

Volker Koop:

„Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei“, 320 Seiten, 24.90 Euro, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 

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Kommentare

Schwache Demokraten und starke Demokratieverächter und -feinde

Es gab vor und während der Weimarer Republik zweifelos insbesondere unter Akademikern und Monarchisten viele Demokratieverächter und -feinde, die den Aufstieg der NS-Bewegung ermöglichten und davon profitierten.

Hans-Heinrich Lammers als Monarchist und Akademiker war einer von vielen dieser Demokratieverächter und -feinde, wenn auch einer der einflussreicheren Helfer und Nutzniesser der NS-Diktatur.

Aus seiner Biographie lernt man sicher auch, dass die tatsächlichen Nazis, deren Förderer, Helfer und Nutzniesser überwiegend den Jahrgängen 1870-1915 entstammten, also zur Zeit der Machtübertragung an die Nazis 1933 zwischen 63 und 18 Jahren alt waren.

Das ist heute wichtig, wenn irreführend über "Nazis" gesprochen wird, die, wenn es zutrifft, wirklich Neonazis und gemessen an den tatsächlichen Nazis wohl kaum mit diesen Vergleichbar aber in ihrer Gefährlichkeit auch nicht zu unterschätzen sind.

Demokratien stellen immer auch die Mittel zu ihrer legalen Abschaffung bereit. Denn Recht und Gesetz fallen nicht vom Himmel sondern sind menschengemacht. Da muss man achtgeben, welche Gesetze man macht und wie man Demokratie verteidigt, damit man nicht das Gegenteil erreicht.