Buchtipp

„Glück gehabt“: Naumanns Neugier auf die Welt

Susanne Dohrn21. März 2017
Das Leben ist kein Roman. Es ist das, was man daraus macht. In seinem Buch „Glück gehabt“ lässt Michael Naumann den Leser an seinem bewegten Leben teilhaben – und entführt ihn in eine Zeit, die für die Bundesrepublik prägend war.
Michael Naumann: Glück gehabt

Kriegskind, der Vater bei Stalingrad gefallen, Mutter Halbjüdin – es gibt einfachere Starts ins Leben. Wie wird aus solch einem Menschen ein erfolgreicher Journalist, Verleger, bekannter SPD-Politiker und Kosmopolit? Michael Naumann nennt das Erfolgsrezept schlicht und einfach „Glück gehabt“. Das ist natürlich Understatement. Was also war Michael Naumanns Glück?

Das Glück des Zufalls

Als Erstes natürlich das Glück des Zufalls. Das brauchte, wer 1941 geboren ist, dringend, um Krieg, Hunger, Bombenangriffe und die ersten Nachkriegsjahre zu überleben. Während Eltern heute ihren Kindern verbieten, mit Plastikpistolen zu spielen, war Naumanns ganzer Stolz mit sechs Jahren eine verrostete Mauser-Maschinenpistole. Andere Kinder sammelten Panzerabwehrgranaten und überlebten es nicht.

Zufall ist auch, in welche Familie man hineingeboren wird. Die Naumanns waren bildungsaffin, durchaus wohlhabend, der Vater Rechtsanwalt, die Mutter hatte als einziges Mädchen in ihrer Klasse Abitur gemacht, dann auf der Lette-Schule studiert, im Nebenfach Metallurgie. Naumann wuchs mit drei älteren Geschwistern auf, zusammen mit der Schwester als „geliebtes Trostkind“ der Mutter, nachdem der Vater gefallen war. Auch das wohl ein Glück für ihn.

Naumanns Formel für den Erfolg

„Unser Gehirn scheint von der Evolution auf Optimismus programmiert zu sein“, erklärt Naumann seine Weltsicht. Für die Pessimisten unter uns ist das ein erstaunlicher Satz, für Michael Naumann vielleicht die Formel für seinen Erfolg. Und manchmal öffnet es halt auch Türen, die richtigen Namen zu kennen oder zu wissen, wo das Schloss stand, das bei neuen Bekannten auf einem Foto zu sehen ist.

In die englische Sprache übersetzt finden sich für Glück auch die Wörter Risiko, Wagnis. Das passt, denn Naumann verfuhr nach dem Prinzip: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Was für ein Abenteuer muss es gewesen sein, 1959 als Austauschschüler in die USA zu gehen! Nur wenige Jahre nachdem die Mutter mit ihren vier Kindern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Heimatstadt Köthen in den Westen geflohen war.

Ein Freund hatte in der Nacht in einer Kneipe das Gespräch zweier Stasi-Beamter gehört: „Morgen früh nehmen wir die Naumann hops. Sechs Uhr dreißig, Wolfgangstraße 28.“ Ein Wagnis sicher auch, „die erste und letzte Abfindung“ nicht auf einem Nummernkonto in der Schweiz anzulegen, sondern mit dem Geld zusammen durch die Vereinigten Staaten zu reisen, bis es alle war. Für die später geborenen Babyboomer, vor deren Nasen sich die Türen zu attraktiven Jobs quasi über Nacht geschlossen hatten, eine schier unvorstellbare Sorglosigkeit.

Journalismus und Ausflüge in die Politik

Eine Sorglosigkeit, die Michael Naumann sich leisten konnte, so wie viele andere seiner Generation, denn im Wirtschaftswunderland wurden ihre Intelligenz, ihre Ideen und ihre Tatkraft gebraucht. Für Michael Naumann waren es nach Studium und Promotion über den Satiriker Karl Kraus der Journalismus bei „Zeit“ und „Spiegel“ – zeitweilig auch für den vorwärts – im Wechsel mit der Wissenschaft. Die führte ihn an so unterschiedliche Orte wie die Ruhr Universität Bochum und das Queen's College in Oxford. So richtig wohlgefühlt scheint er sich weder hier noch dort zu haben.

Ihn hätten „in erster Linie Menschen und ihre Geschichten“ interessiert schreibt Naumann, weshalb er immer wieder zum Journalismus zurückkehrte. „Was mich politisch motivierte, war die biographisch verstärkte Gewissheit, dass es ungerecht in der Welt zuging und dass dies nicht für immer so bleiben musste.“ Folgerichtig deshalb die Ausflüge in die Politik: Michael Naumann war Kulturstaatsminister im Kabinett von Gerhard Schröder und SPD-Bürgermeisterkandidat 2008 in Hamburg

Das Porträt einer Zeit

Geprägt ist Naumanns Buch von der journalistischen Sichtweise und Erfahrung: keine Autobiografie im eigentlichen Sinne, sondern Geschichten über das Leben, über Begegnungen, Erlebnisse, und damit das Porträt einer Zeit aus der Perspektive des geübten Beobachters und Schreibers, des klugen Zivilisationskritikers, dessen griffige Formulierungen das Lesen zum lustvollen Ereignis machen.

Wozu natürlich auch die Anekdoten gehören, wie die über Hitlers sexuelle Vorlieben, die hier verschwiegen werden soll, weil sie nicht stubenrein ist oder über die Fahrkünste der „Gräfin“, womit die Zeit-Herausgeberin und Porschefahrerin Marion Dönhoff gemeint ist. Die hatte ihren Führerschein auf Hamburgs Elbchaussee verloren. „Sie sind über sechzig gefahren“, erklärte ihr ein Polizist. „Ich fahre hier niemals sechzig“, soll sie geantwortet haben.

Michael Naumann, Glück gehabt. Ein Leben. Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-00026-9, 416 Seiten, 24 Euro.

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