Buchtipp

Generation Putin - Russlands aufstrebende Generation

Dennis Grabowsky22. September 2016
Wie kann man Russland erklären? Moskau-Korrespondent Benjamin Bidder versucht es aus Sicht der Jugend. Für sein Buch „Generation Putin“ hat er die Lebenswege junger Russinnen und Russen begleitet – und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.
Benjamin Bidder: Generation Putin
Russland durch junge Augen: Benjamin Bidders „Generation Putin“

Russland – ein Land, auf das sich viel projizieren lässt: von Angst bis Hoffnung, das Geheimnisvolle allemal – ist heute interessanter denn je für die deutsche Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren, getrieben von Russlands nach innen und außen imperialer Politik, erschien eine unüberschaubare Anzahl von Büchern, zumeist mit dem Vorhaben, Russland erklären oder sogar verstehen zu können. Doch wie kann man ein ganzes Land „erklären“, dessen gut 140 Millionen Einwohner „verstehen“?

Russland erfrischend erklären

Das soeben erschienene Buch „Generation Putin. Das neue Russland verstehen“ reiht sich in diesen Irrtum, folgt man allein dem Titel, scheinbar ein. Geschrieben hat es Benjamin Bidder, von 2009 bis 2016 Moskau-Korrespondent von „Spiegel Online“. Zwar nimmt sich der Autor nicht weniger vor als seine zahlreichen Kollegen. Er wählt jedoch einen anderen, erfrischenden Weg.

Bidder lässt diejenigen zu Wort kommen, die das heutige Russland prägen und prägen werden. Dies sind die jungen Russinnen und Russen, die um 1991 geboren wurden, als die Sowjetunion zerfiel. Bidder begleitete seine Protagonisten über Jahre. So ergibt sich aus den persönlichen Geschichten, Orten und Karrieren ein mit den sonst zu oft ungehörten Zwischentönen gespicktes Panorama eines Landes, das so heterogen und umtriebig ist wie seine Menschen und für Beobachter von außen deshalb verwirrend wirken mag. „Technologisch geht es in die Zukunft, ideologisch in die Vergangenheit“, beschreibt Bidder diesen Eindruck, meint damit aber mehr als den Rückfall der Politik in die Rhetorik des Kalten Krieges.

Zerplatzende Träume in Tschetschenien

Da ist zum Beispiel die junge Tschetschenin Taissa, die Reporterin werden will. Sie lebt in Grosny, wo innerhalb weniger Jahre aus Trümmerbergen Glaspaläste emporwuchsen. Von Moskau mit viel Geld und Freiheiten ausgestattet hat es die dortige Führung vermocht, Stadt und Land wiederaufzubauen und auf den Weg in die Moderne zu schicken.

Andererseits wird Tschetschenien despotisch geführt. Und war das Land einst vom säkularen Islam geprägt, müssen heute schon Erstklässlerinnen das Kopftuch tragen. Zudem gelten Tschetschenen als eine der wichtigsten Gruppen von Kämpfern, die sich dem „Islamischen Staat“ anschließen. Aufbruch in die Moderne hier, Aufbruch in die ideologische Vergangenheit dort. Und Taissas Zukunftsträume? Hat sie aufgegeben zugunsten der Familiengründung.

Feststecken in der Sowjetzeit

Auch Russland, anderer Ort: Sascha aus der Nähe von St. Petersburg, der geistig eingeschränkt ist und im Rollstuhl sitzt, kämpft für ein selbstbestimmtes Leben und dafür, in seiner eigenen Wohnung leben zu dürfen. Seine in noch aus Sowjetzeiten stammenden Regularien feststeckende Heimleitung will von solchen Vorhaben jedoch nichts wissen und die – das ist oft ursächlich für Stagnation in Russland und andernorts – Verantwortung nicht tragen.

Sascha ist eine Kämpfernatur. Er will, nicht nur für sich, das System aufbrechen und modernisieren, mithin Verantwortung übernehmen. Wo man es am wenigsten erwartet, in der Stadtverwaltung, scheint er plötzlich einen Verbündeten gefunden zu haben. Auch hier weht der Geist des Aufbruchs, auch hier gibt es Widerstand.

Zwei Schritte vor und einen zurück

Taissa und Sascha sowie die Patriotin Diana, die Oppositionelle Wera, der Individualist Marat und die Kollektivistin Lena, die Bidder alle für sein Buch begleitet hat, spiegeln das heutige Russland wider. Ein Land, in dem die große Politik unerreichbar scheint, wie es Lenas Karriere nahelegt, die Opposition zerstritten und marginalisiert ist, wie es Weras Lebensweg zeigt.

Aber die Art der Graswurzelbewegung, die Sascha und auch Marat verkörpern, ist das Spielfeld auf dem zivilgesellschaftlich etwas geht in Russland. Allerdings, das verdeutlichen die Geschichten der Tschetschenin und des Rollstuhlfahrers, in beide Richtungen. Lakonisch kommentiert Sascha: „Oft geht es zwei Schritte vor und einen zurück. Bedauerlicherweise ist es manchmal auch umgekehrt.“ Und das symbolisiert am Ende doch das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Es gibt nicht das eine Russland – auch wenn das so schön einfach wäre.

Benjamin Bidder: Generation Putin. Das neue Russland verstehen, Deutsche Verlagsanstalt, München 2016, 336 Seiten, 16,99 Euro

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