Rezension: Wolfgang Herles, „Die Gefallsüchtigen“

Gehetzt von der Einschaltquote

Matthias Dohmen30. November 2015
Keine billige Abrechnung, keine schmutzige Wäsche zum Dienstende: Der langjährige Leiter des Bonner ZDF-Studios hält den öffentlich-rechtlichen Sendern einen Spiegel vor. Und rät, zum Qualitätsfernsehen zurückzukehren.
Wolfgang Herles: "Die Gefallsüchtigen" (Knaus)

ARD und ZDF, so Herles’ Befund, würden immer stromlinienförmiger, beteten immer hartnäckiger der privaten Konkurrenz Themen und Strickmuster nach: Egal wie komplex das Thema sei, es müsse für die Nachrichten in einer Minute und 30 Sekunden abgehandelt werden. Der Substanzverlust mache sich bemerkbar, so Herles und spricht von „Seichtigkeitsspirale“.

„Hau drauf“ auf Putin

Die einseitige Berichterstattung über Russlands Präsidenten Putin und die östliche Ukraine brachte selbst den ARD-Programmbeirat auf die Palme. Anhand dieses Beispiels belegt Herles, wie sich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und die Öffentlich-Rechtlichen ein Wettrennen lieferten, um Stimmung zu machen. Anfang Dezember 2014 wurde über einen Appell von elder statesmen – Herzog, Schröder, Schmidt, Genscher – erst nach heftigen Protesten berichtet.

Besonders angetan hat es Herles der „personifizierte Markenkern“ des Zweiten Deutschen Fernsehens, Markus Lanz. Er lasse es sich beispielsweise nicht nehmen, Gästen wie Sahra Wagenknecht ständig „plump und unsachlich“ ins Wort zu fallen.

Stefan Raab statt Günter Gaus

Herles träumt von den Zeiten, als Günter Gaus noch Personen der Zeitgeschichte befragte. Heute poltere mit Stefan Raab ein als „Politjournalist verkleideter Entertainer“ beim Bundestagswahlkampf-„Duell“ über den gebührenfinanzierten Bildschirm. Die Zuschauer, die lange genug vor der „Glotze“ säßen, hielten „die späte Showkanone Hellmuth Karasek für einen bedeutenden Intellektuellen“. Hart, aber fair.

Herles setzt sich für Öffentlich-Rechtliche ein, die sich ihres ursprünglichen Sendeauftrags erinnern und ihr Heil nicht im Wettbieten bei Fußballeuropa- und Weltmeisterschaften sehen. „Die Mängel des Programms sind nicht der Werbung anzulasten“, fasst er seine Thesen zusammen, „sondern dem Quotendruck, der täglich 24 Stunden lang das Programm beeinflusst.“ Nichts ist von Ewigkeit, warnt er: „Too big to fail gilt nicht bis zum Jüngsten Tag, nicht einmal für ARD und ZDF.“

Wolfgang Herles: „Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“, Albrecht Knaus Verlag, München 2015, 255 Seiten, 19,99 Euro. ISBN 978-3-8135-0668-6

Tags: 

weiterführender Artikel