Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit

Warum Freiheit immer wieder neu erkämpft werden muss

Alexander Sewohl20. Juni 2017
Die Freiheit ist einer der Grundwerte der Sozialdemokratie und ein Gut, das immer wieder verteidigt werden muss. In seinem Essay „Abenteuer Freiheit“ tritt der Philosoph Carlo Strenger dafür ein, Freiheit als nicht selbstverständlich hinzunehmen und kommende Generationen zu mehr Verantwortung zu erziehen.
Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit
Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit

„Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten“, so beginnt Jean-Jacques Rousseau sein 1762 erschienenes Werk „Vom Gesellschaftsvertrag“.  Dies ist einer jener Sätze – oder genau genommen dessen Mythologisierung seit den 1960er Jahren – der für den Schweizer Philosophen Carlo Strenger zu einem problematischen Verhältnis weiter Teile der westlichen Welt zum Begriff der Freiheit geführt habe.

Glück und Freiheit sind nicht selbstverständlich

Es sei ein Mythos, so lautet eine der zentralen Thesen Strengers,  zu glauben, der Mensch habe so etwas wie ein „wahres Selbst“, das nur befreit werden müsse und schon würde er sich frei entfalten und zum Guten wenden. Diese Annahme führe zu dem Glauben, Glück und Freiheit seien selbstverständlich. Das Gegenteil sei jedoch der Fall: Freiheit  müsse hart erarbeitet, wenn nicht gar erkämpft werden.

Auch wenn diese Erkenntnis nicht neu sei, habe die heutige Generation das vergessen. Dies habe nicht nur zu einem Mangel an bürgerlichem Verantwortungsgefühl, sondern auch zu einer gegenwärtigen Konsum- und Berechtigungsmentalität geführt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Generationen herangewachsen, die weder den Kampf für die politischen Freiheiten, die wir heute genießen, noch ökonomische Katastrophen wie die Weltwirtschaftskrise erlebt haben. [...] Für die freiheitliche Ordnung zu kämpfen, wenn Sie unter Druck steht, betrachten Sie nicht länger als ihre Aufgabe – dafür sind ‚die Gesellschaft‘ und ‚die Politik‘ verantwortlich“. Das mangelnde Verantwortungsgefühl des Einzelnen sorge dafür, dass wir als Gesellschaft mit „Stresstests“ wie der Flüchtlingskrise nur schlecht umgehen könnten.

Es gibt kein Geburtsrecht auf Glück

Besonders intensiv beschäftigt sich Strenger mit Fehlentwicklungen innerhalb der Psychoanalyse. Strenger, der auch Psychologe ist und auf diesem Feld geforscht hat, kritisiert vor allem den Ansatz, dass – überspitzt formuliert – die Ursache für das Unglück des Einzelnen in einer ungerechten Behandlung durch seine Eltern läge. Man müsse sich jedoch klar machen, dass die menschliche Existenz von unlösbaren Konflikten geprägt sei. Daher gäbe es auch kein Geburtsrecht auf Glück.

Von diesen Kerngedanken ausgehend, wendet sich Strenger in seinem knapp 120 Seiten umfassenden Essay verschiedenen Feldern zu, in denen die von ihm identifizierten falschen Grundannahmen ihre Wirkung entfalteten – etwa der Umgang mit dem Altern und mit dem eigenen Körper.

Die Angst vor der Freiheit

Für Strenger ist Freiheit nichts Selbstverständliches. Sie sei eine Errungenschaft unserer modernen Zivilisation, stelle aber gleichzeitig auch eine Last dar. Die Freiheit im Westen habe die Frage nach dem „großen Sinn“ ins Private verlagert. Daher bestünde auch die Gefahr einer „Angst vor der Freiheit“, durch die sich Menschen anderen nicht-freiheitlichen, sinnstiftenden Systemen wie etwa radikalen religiösen Strömungen anschlössen. Umso wichtiger sei es daher, dass kommende Generationen dazu erzogen würden, für freiheitliche Werte zu kämpfen.

Strengers Plädoyer, mehr für den Erhalt der Freiheit zu tun, ist lesenswert. Gerade für Sozialdemokraten eröffnet er eine Perspektive, dem Einzelnen mehr Verantwortung zuzumuten, ohne dass damit gleich ein ökonomischer neoliberaler Ansatz verbunden ist. Im Gegenteil: Der Autor kritisiert an verschiedenen Stellen den Neoliberalismus. Die Logik ist hier eine andere: Freiheit bedeutet Verantwortung; die mangelnde Bereitschaft Verantwortung für sich, sein Handeln und die Freiheit zu übernehmen, gefährdet eben diese Freiheit.

Menschen sind bereit, für ihre Freiheit zu kämpfen

Dennoch scheint das Bild, das Strenger vom Zustand der westlichen Welt zeichnet, zu schwarz. Richtig ist, Populisten erhalten gegenwärtig erheblichen Zulauf, weil sie den Menschen scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen liefern. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass ein großer Teil der Menschen ein Gespür dafür hat, dass ihre Freiheit in Gefahr ist und dass sie bereit sind, für diese Freiheit zu kämpfen. Demonstrationen gegen US-Präsident Trump, aber sicherlich auch die gegenwärtige Eintrittswelle in demokratische Parteien, sind sichtbare Zeichen dafür.

Problematisch ist – auch wenn dies sicherlich in weiten Teilen dem Format Essay geschuldet ist – dass Strenger den Eindruck einer homogenen westlichen Welt vermittelt. Vermutlich hat der Autor bei seiner Kritik vor allem die amerikanische, deutsche und französische Gesellschaft im Blick; aber allein schon in Deutschland existiert durch die Teilung des Landes einen unterschiedlicher Erfahrungshorizont in Hinblick auf die Freiheit. Darüber hinaus wirkt die Kritik an Rousseau und auch an der Psychoanalyse in Teilen überzogen.

Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit: Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, Suhrkamp 2017, 14 Euro, ISBN: 978-3518071441
zu bestellen, z.B. in der vorwärts-Buchhandlung

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Kommentare

Vorratsdatenspeicherung, neues BND/G10-Gesetz, Staatstrojaner...

...wofür sich die SPD alles hergegeben hat!
Da bleibt nicht nur mir, sondern offenbar auch Martin Schulz die Sprache weg!?
Die regierungsamtliche "Euphorie" über die neue "Entschlüsselungskompetenz" unserer Sicherheitsorgane, wie sie im letzten Jahr in den Medien lanciert wurde, kann ich solange nicht teilen, wie anlasslose Massenüberwachung weiterhin gängige Praxis ist. Und da hat das neue BND/G10-Gesetz ja tendenziell die bisherige, gesetzeswidrige Überwachungspraxis legalisiert und weiter gefasst, anstelle sie - parlamentarisch kontrolliert - einzuschränken.
Kaum beachtet, wurde Mitte letzten Jahres der sogenannte Bundes-Trojaner von De Maizieres Innenministerium freigegeben. Voraussetzung für dessen Einsatz ist freilich, dass der Trojaner auf den PC bzw. das Smartphone des "Auszuspionierenden" gelangt. Natürlich ist es im Interesse der Sicherheitsbehörden, dass die PCs vieler, möglichst aller, Bundesbürger von diesem Trojaner "infiziert" sind. Nur dann kann der Trojaner, wann immer von den Sicherheitsbehörden gewünscht, unbemerkt an- bzw. abgeschaltet werden. "Erfreulicherweise" (aus Sicht der Sicherheitsbehörden) gibt es das ebenfalls De Maizière unterstehende

...Staatstrojaner...2

...
Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Es ist in der Vergangenheit der breiten Öffentlichkeit dadurch aufgefallen, dass es "angebliche" Virenschutz/Abwehrprogramme zum Download für Jedermann bereitgehalten hat, wofür auch medial im großen Stil geworben wurde.
Ach ja, da war noch etwas (streng vertraulich): bei der Entwicklung des Bundes-Trojaners soll auch das BSI beteiligt gewesen sein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Mein Rat: ignorieren sie künftig einfach das BSI und dessen Download-Angebote!
Alles nur geträumt?
Sigismund Ruestig hat den Traum geträumt.
Lasst Euch anstecken, auch wenn jetzt für den Breiteneinsatz des Bundestrojaners heimlich, still und leise die (un-?)gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden sollen.

http://youtu.be/v1kEKFu6PkY
http://youtu.be/pcc6MbYyoM4
http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

Übrigens: Dass der Bundestroyaner von Fachleuten bisher als unbrauchbar eingestuft wird, gibt grundsätzlich keine Entwarnung. Es zeigt lediglich die Unfähigkeit des verantwortlichen Innenministeriums, seines Ministers De Maizière und seiner Sicherheitsbehörden auf! Insofern können wir auch gespannt sein, wie sich die neue Behörde Zitis..

...Staatstrojaner...3

...
Zitis entwickeln wird! Allerdings ist die jetzt angestrebte "Entschlüsselungskompetenz" ein konsequenter Baustein in der angestrebten "Abhörkette".
Und noch etwas: Wenn sich eine Kanzlerin zu wenig um die Einhaltung der Bürgerrechte kümmert und die Aufklärung von Bürgerrechts-Verstößen eher behindert als fördert (z.B. Zeugenaussage von Edward Snowden), muss sie vom Hof gejagt werden!
Es sind Wahlkampfzeiten:
https://youtu.be/dOa-fcp74uU