Rezension: Klingholz, Lutz: Wer überlebt?

Warum Bildung über die Zukunft der Menschen entscheidet

Renate Faerber-Husemann22. Februar 2016
„Wenn zwei große Bevölkerungswissenschaftler über Bildung schreiben, dann wird es interessant", urteilte Ernst Ulrich von Weizsäcker über das Buch „Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit.“ Es ist ein Buch, das deprimiert und gleichzeitig Mut macht.
Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz: „Wer überlebt?
Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz: „Wer überlebt?

Heute leben etwa 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde, bald könnten es zehn Milliarden sein. Sie müssen, wenn die Menschheit nicht untergehen soll, riesige Herausforderungen lösen. Stichworte sind Klimawandel, ein wachsender Rohstoffbedarf, Kampf gegen die Armut und gegen den Terror. In ihrem Buch „Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit", schreiben die Autoren Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz warnend: „All dies wird nicht gelingen, so lange 58 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule gehen, über 200 Millionen Menschen arbeitslos sind und 780 Millionen Erwachsene als Analphabeten von jeder Teilhabe an der globalen Wissensgesellschaft ausgeschlossen bleiben.“

Und warum ist das so? Gibt es nicht Alphabetisierungskampagnen? Warum haben die einen Länder aufgeholt, die anderen nicht? Eine von vielen Antworten lautet: Religiösen Fanatikern gilt Bildung häufig „als Quelle allen Unglaubens.“ Deshalb gehen, ob in Afghanistan oder in Nigeria, fast täglich Schulen in Flammen auf, wird jede Bildung besonders für Mädchen abgelehnt. Ob Al Kaida, Boko Haram oder der Islamische Staat: Sie brauchen ein Heer von Ungebildeten, als leicht zu manipulierende Mitläufer und als Kanonenfutter, um ihre Herrschaft zu zementieren.“

Kluft zwischen Wissens- und Un-Wissensgesellschaft

Die Folgen liegen auf der Hand: „In Gesellschaften mit einem niedrigen Bildungsstand sind die Kinderzahlen besonders hoch. Dadurch vergrößert sich der Entwicklungsabstand zwischen dem besser und dem schlechter qualifizierten Teil der Weltbevölkerung immer weiter. So kommt es, dass sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr Ost und West oder Nord und Süd, sondern zwei grundsätzlich verschiedene Bildungskulturen gegenüberstehen - eine Wissens- und eine Un-Wissensgesellschaft.“

Analphabeten oder Menschen mit nur rudimentärer Bildung haben in ihren Heimatländern immer weniger Überlebenschancen und sehen gleichzeitig im Internet, dass es bessere Lebensmöglichkeiten gibt, dass ihre jämmerliche Existenz aus Hunger, Krankheiten und Unterdrückung nicht schicksalhaft sein muss. Deshalb fliehen sie in die entwickelten Ländern, begleitet von den Hoffnungen ihrer Großfamilie, oft eines ganzen Dorfes: „Die Menschen in den betroffenen Gebieten können aus eigener Kraft kaum etwas ändern an ihren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die ihre schlechte Lage bedingen..... Die neuen Flüchtlingsströme unserer Zeit gehen damit zum Teil auf die großen Bildungs- und damit Wirtschaftsunterschiede zwischen den Regionen zurück.“

Weltweite Bildungsrevolution gefordert

Klingholz und Lutz beklagen, dass Stiftungen, große Hilfsorganisationen und Experten der Entwicklungspolitik sehr einseitig auf die Verbesserung der medizinischen Versorgung setzen und nicht auf konzertierte Aktionen zur Verbesserung des Bildungsstands. Das hat so einleuchtende wie fragwürdige Gründe: Bei Impfkampagnen oder Einsätzen für bessere Hygiene, sauberes Wasser, Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit sind Erfolge rasch sichtbar. Engagements für eine breite Bildung, die auch in den Slums der Großstädte und in abgelegenen Dörfern kein Kind zurück lassen, werden erst langfristig Erfolge zeigen, sind teuer, mühsam und müssen zudem oft gegen unwillige Despoten durchgesetzt werden.

Die Wissenschaftler fordern deshalb eine globale Bildungsrevolution, die nicht nur im Interesse Pakistans oder der Sahelzone wäre, sondern genauso der entwickelten Länder. Das glänzend geschriebene Buch ist ein einziges leidenschaftliches Plädoyer für mehr globale Verantwortung. Die immer tiefer werdende Kluft zwischen den Bildungskulturen und den Verliererländern ist für die Autoren „die größte Gefahr für die Zukunft der Weltgemeinschaft. Unbildung ist der ärgste Feind der Menschheit.“
 

Info: Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz: „Wer überlebt?“, Campus Verlag, 300 Seiten, 24.99 Euro

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