Buchtipp: Pressefreiheit in der Türkei

Atatürks wütende Enkel: Wie die Türkei wurde, wie sie ist

Werner Felten10. Oktober 2017
Rat- und mitunter fassungslos blicken Beobachter aus Deutschland zurzeit auf die Türkei. Wie konnte sich das Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien in den Zustand entwickeln, in dem es heute ist? Der Journalist Baha Güngör versucht, in seinem Buch „Atatürks wütende Enkel“ Antworten zu geben.
Atatürks wütende Enkel
Baha Güngor: Atatürks wütende Enkel

Die Redewendung „Wer das Heute verstehen will, muss das Gestrige kennen“, ist so abgedroschen, dass sie fast schmerzt. Trotzdem verweigern sich ihr viele, ob in Katalonien, Polen, Deutschland und vielen anderen Ländern Europas.

Baha Güngör: Zeitzeuge statt Historiker

„Atatürks wütende Enkel“ solle kein Lehrbuch sein, sagt Baha Güngör, sondern seine Sicht der Dinge. Das ist wichtig: Denn der Autor ist kein Historiker oder Politologe, sondern Journalist und Zeitzeuge. Geboren 1950 in Istanbul, kam Güngör 1961 nach Deutschland, studierte Betriebswirtschaft und ist seit 1976 als Journalist tätig. Er arbeitete für die Kölnische Rundschau, die Nachrichtenagentur Reuters und den Bonner General-Anzeiger, später – von 1984 bis 1999 – in Ankara, Istanbul und Athen, u. a. für die dpa und die WAZ und ab 1999 für die Deutsche Welle, wo er bis 2015 Leiter der türkischen Redaktion war.

Akribisch, fundiert, kenntnisreich, verständlich und klar strukturiert trägt er in seinem jüngsten Buch Daten und Fakten zusammen, um sie dann mit eigenen Beobachtungen, aus Pressekonferenzen, Hintergrundgesprächen, Interviews und Besuchen, zu ergänzen. Gerade die persönlichen Eindrücke von vier Jahrzehnten machen dieses Buch lesenswert.

Irrungen und Wirrungen der türkischen Politik

Güngör zeigt dabei die Wirrungen und Irrungen der türkischen Politik der letzten 50 Jahre, die Zehntausende Menschen das Leben gekostet hat. Er sucht nach Gründen für die gegenwärtige Situation:

Die Instabilität der Parteien, die entweder verboten werden, oder sich selbst korrumpieren und damit zerstören, führt zu einem Zickzackkurs in der türkischen Politik. Der wird gefördert durch die sich immer wieder ändernde Haltung der Europäischen Staaten zum Eintritt der Türkei in die EU. Dieses indifferente Verhalten hat ungemeine Auswirkungen auf die Türkei in den vergangenen Jahrzehnten, die so noch nie, wie diesem Buch, aufgezeichnet worden sind. Unter diesem Gesichtspunkt schildert Güngör auch die schwierigen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland.

Das Versagen der kemalistischen Elite

Hinzu kommen die immerwährenden Versuche der Religiösen, den Islam in den Staat Atatürks einzubringen. Ein Kampf der bis heute für die staatliche Entwicklung prägend ist. Auf die Armee, die immer ein „wachsames“ Auge auf die Demokratie hatte, ist auch kein Verlass mehr. Damit reiht sie sich in das Versagen der anderen kemalistischen Eliten ein.

Das ungelöste Kurdenproblem ist ein weiterer Herd der Unruhe im Land. Baha Güngör schleicht nicht um das umstrittene Thema herum, sondern bringt es erfreulicherweise emotionslos auf den Punkt: So wie Türkei der Spielball der europäischen Politik ist, so sind es die Kurden für türkische. Trotz seiner differenzierten Betrachtungsweise ist die PKK für den Autor ganz klar eine Terrororganisation.

Das Phänomen Erdoğan

Das Sammelbecken antilaizistischen Strömungen ist die Quelle für den Aufstieg Erdoğans.  Güngör führt geschickt die Quellen zusammen, um sich dem Phänomen Erdoğan zu nähern. Bei seinen Betrachtungen stellt man fest, dass man sich bei Erdoğan nur auf seine Unzuverlässigkeit verlassen kann. Denn er hat sich bei seinem Aufstieg zur Macht an allem bedient, was ihm zum Nutzen gereicht. Wenn der Freund und Helfer nicht mehr benötigt wurde, erklärte er ihn zum Feind, oder wie im Fall Gülen gleich zum Staatsfeind. Auch die europäische Union hat bis heute keine Antwort auf Erdoğans sprunghafte Handlungen gefunden. Die einzige Konsequenz seines Handels ist die Inkonsequenz.

Die Entwicklungen der vergangenen 40 Jahre in der Türkei sind auch an den Türken in Deutschland nicht spurlos vorbeigegangen, sondern zeigen bei ihnen die ähnlichen Verwerfungen wie bei den Menschen in der Türkei. Eine gescheiterte Integrationspolitik kommt noch erschwerend hinzu. Dies benutzt Erdoğan geschickt, um auch seine Anhänger unter den Türken in Deutschland zu suchen. Die NSU Mordserie und der beschämende Umgang mit den Opfern in der Öffentlichkeit spielt ihm in die Karten.

Plädoyer für die Pressefreiheit

Die Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei ist keine Neuerung unter Erdoğan. Das macht es nicht besser, sondern noch einmal schlechter. Güngörs leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit der Presse ist nicht nur berufsbedingt, sondern endet in der Aussage, dass ein Staat, der die Freiheit der Presse einschränkt, letztendlich keine Demokratie ist.

Zurück bleibt auch bei Baha Güngör Ratlosigkeit: „Wer weiß in der Türkei überhaupt noch, wessen Hand im wessen Tasche steckt oder wer warum mit wem gegen wen was im Schilde führt? “ Baha Güngörs Buch ist absolut empfehlenswert.

Baha Güngör: Atatürks wütende Enkel. Die Türkei zwischen Demokratie und Demagogie, Dietz-Verlag 2017, 240 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-8012-0511-9

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Kommentare

Der Titel des Buches...

...trifft in gewisser Hinsicht wohl auch den Zeitgeist und scheint dennoch vielversprechender, als es die wohl subjektive Betrachtungsweise einhergehend mit den persönlichen und politischen Überzeugungen des Autors abzeichnet.

Ich könnte mir vorstellen ein Buch auch so zu betiteln, würde aber auch im übertragenden Sinne nicht diese Person der türkischen Geschichte als Ausgangspunkt einbeziehen, sondern eher als eine der großen Ursachen.

In der Tat hat man als traditioneller, aber auch einfach identitätsbewusster Türke heutzutage allen Grund wütend zu sein.

Die derzeitigen Umwälzungen innerhalb der türkischen Volksgemeinschaften und die Faktoren die bisher eingewirkt haben spielen dazu eine wesentliche Rolle.

Auf die jahrzehntelange Verblendung und Entfremdung folgt zwangsläufig berechtigtes Aufbegehren.

Wir sind aus vielerlei berechtigten Gründen wütend und die Ursachen dieser Wut und der Belastungen werden nunmehr effizient und vehement beseitigt.

Ich bin auch sehr wütend über den Terrorismus und seinen unmenschlichen Gräueltaten, mit denen das türkische Volk seit Dekaden terrorisiert wird und wie sich diese u.a.auf Deutschland auswirkt und es selbst mitwirkt.

Atatürks wütende Enkel gerieten ins Hintertreffen

Denn jedes Kind einer muslimischen Familie ist von Geburt an Muslim. Die Bevölkerungsentwicklung der Türkei macht vieles verständlicher.

1927 13.648.000
1930 14.448.000
1935 16.158.018
1940 17.820.950
1945 18.790.174
1950 20.947.188
1955 24.064.763
1960 27.754.820
1965 31.391.421
1970 35.605.176
1975 40.347.719
1980 44.736.957
1985 50.664.458
1990 56.473.033
2000 67.844.903
2008 70.586.256
2009 71.517.100
2010 72.453.974
2011 74.724.269
2013 76.667.864
2014 77.695.904
2015 78.741.053

Die Zahl der Muslime nahm ständig zu und die Vergangenheit des Osmanischen Reiches wurde in den Familien lebendig gehalten.

So kam es, dass die Türkei 1969, also sehr lange vor Erdogan, zu den Gründungsmitgliedern der Organisation für Islamische Zusammenarbeit [OIC] gehörte, einer Vereinigung des politischen Islams.

Erdogan ist ein Produkt und nicht Grund dieser Entwicklung.

In der EWG, der EG und der EU hat man das ignoriert, wollte es also über Jahrzehnte nicht wahrhaben, träumte sich einen "Euro-Islam" zurecht.

Muslime in der Fremde integrieren sich aber nicht, sie harren in grösser werdenden Gemeinschaften aus und richten sich darin ein.