Buchtipp

Die arbeitende Klasse: Falsche Freunde, echte Probleme

Kai Doering31. März 2020
Warum ist die arbeitende Klasse so empfänglich für die Parolen von Rechtspopulist*innen? Der österreichische Journalist Robert Misik hat eine einfache Antwort: Weil sie sich von den linken Parteien nicht (mehr) ernst genommen fühlt.
Robert Misik Die falschen Freunde der einfachen Leute

Es gibt einen berühmt gewordenen Satz des legendären österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, der lautet: „Man muss die Leute gern haben.“ Er versinnbildlich Kreiskys Politikstil, der von einer ungeheureren menschlichen Zugewandtheit geprägt war. Der österreichische Intellektuelle Robert Misik stellt den Satz ans Ende seines Buchs „Die falschen Freunde der einfachen Leute“, einen Essay über das Denken und Fühlen der „arbeitenden Klasse“ und wie die Politik mit ihr umspringt.

Für die Arbeiterklasse heißt Wandel Jobverlust

Misik beschreibt die Arbeiterklasse – ja, es gibt sie noch! – als zutiefst verunsichert, sowohl ökonomisch und sozial als auch zunehmend kulturell. Von den Medien wie von vielen (linken) Politiker*innen fühlen sich ihre Vertreter*innen nicht ernst genommen, sondern von oben herab behandelt. Die Folge: „Je verletzlicher die Position, umso weniger will man von Wandel hören“, schreibt Misik, denn: „Für die oberen Schichten bedeutet Wandel, dass du dich weiterentwickelst oder ein Start-up gründest. Für die Arbeiterklasse heißt Wandel meist, dass du gefeuert wirst.“

Dabei warnt er jedoch davor, die arbeitende Klasse mit „den Armen“ gleichzusetzen. „Sie will es auch nicht sein“, schreibt Misik. „Nichts will sie weniger als das.“ Denn neben einer Verunsicherung herrscht in der arbeitenden Klasse ein großer Stolz vor, ein Stolz auf das Erreichte, das ihre Angehörigen vor allem einer rigiden Selbstdisziplin verdanken. Wer diese nicht aufbringt, ist aus Sicht der arbeitenden Klasse ein Taugenichts.

Es gibt viele Arme, die nicht rechts wählen

Gerade dieser Umstand macht die arbeitende Klasse aus Misiks Sicht anfällig für die Parolen von Rechtspopulisten, die „falschen Freunde“ aus dem Buchtitel – heißen sie nun FPÖ oder AfD. „Viele Linke, die nur ein Idealbild von der Arbeiterklasse haben, können das kaum nachvollziehen“, schreibt er, neigten sie doch dazu, die arbeitende Klasse zu verklären und zu romantisieren. Ebenso warnt Robert Misik aber davor, die Arbeiter*innen als engstirnig, rassistisch und homophob zu brandmarken. Es gebe zwar einige, die rechts wählten, „aber es gibt auch sehr viele, die das nicht tun“, gibt er zu bedenken.

Wie also umgehen mit dem offenbar recht unbekannten Wesen des Arbeiters? Aus Misiks Sicht sollten die (nicht rechten) Parteien vor allem ihre Sprache ändern. „Nicht ‚die Identitätspolitik‘ oder ‚die politische Korrektheit‘ an sich sind das Problem, sondern eine Rhetorik, die spaltet, statt zu vereinen“, ist er überzeugt.

Die Leute gern haben

Die arbeitende Klasse sei nicht engstirniger als der Rest der Gesellschaft und schon gar nicht hinterwäldlerisch, auch wenn ihr Gendersternchen und Unisex-Toiletten eher fremd sind. „Die Identitätspolitik ist nicht dafür verantwortlich, dass viele Menschen, die sich als ‚einfache Leute‘ verstehen, das Gefühl haben, von den Parteien der hergebrachten Linken abgehängt worden zu sein. Aber die Identitätspolitik kann dazu beitragen, diese schon vorhandene und begründete Entfremdung zu verstärken“, so Misik.

Und genau da kann es gefährlich werden, denn „wo linke Identitätspolitik den ‚einfachen Leuten‘ sagt, ‚Ihr müsst euch ändern‘, signalisieren rechte Populisten ihnen: ‚Ihr seid ok so wie ihr seid.‘“ Ökonomische Unsicherheit gepaart mit kultureller Abwertung „ist eine tickende Zeitbombe“. Wer also den Rechten das Wasser abgraben will, sollte nicht nur die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nehmen, sondern vor allem erstmal die Leute selbst – oder sie einfach gern haben.

Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute, Suhrkamp 2019, 14 Euro, ISBN 978-3-518-12741-4

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