Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie?

Wie wir alle von den Lohnsklaven in der Dritten Welt profitieren

Renate Faerber-Husemann01. März 2016
Das T-Shirt für drei Euro, die Jeans für zehn? Den Preis für diese „Schnäppchen" zahlen andere. Evi Hartmann hat über die Schattenseiten unseres Konsums ein Buch geschrieben. Die Klare Botschaft: Es gibt Möglichkeiten, aus diesem System auszubrechen.
Evi Hartmann: „Wie viele Sklaven halten Sie?“, Campus Verlag, 224 Seiten, 17,95 Euro
Evi Hartmann: „Wie viele Sklaven halten Sie?“, Campus Verlag, 224 Seiten, 17,95 Euro

Wieder einmal ein Schnäppchen gemacht? Die Jeans für zehn Euro und dazu fünf T-Shirts, die nur drei Euro pro Stück gekostet haben? Wer denkt schon darüber nach, welchen Preis andere dafür zahlen? Zum Beispiel die Näherinnen in Bangladesh und anderswo, die in den sogenannten Sweatshops oft sieben Tage in der Woche schuften und dennoch sich und ihre Familie nicht satt bekommen. Evi Hermann, BWL-Professorin in Erlangen, hat über die Schattenseiten der Globalisierung und unseren häufig gedankenlosen Konsum ein so provozierendes wie lesenswertes Buch geschrieben. Der Titel: „Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral“.

Schufterei unter Extrembedingungen

Evi Hermann ist keine weltfremde Träumerin. Sie bildet künftige Manager aus und sagt: „Das Thema 'Moral' ist im Lehrplan nicht vorgesehen.“ Würde Moral bei den Auftraggebern eine Rolle spielen, dann gäbe es vermutlich  keine Kinderlöhne von 50 Cent für 14 Stunden Arbeit und keine Näherinnenlöhne von drei Dollar für 12-14 Stunden Schufterei unter Extrembedingungen.

Für die Professorin ist das kein Thema, bei dem wir den Schwellenländern die Verantwortung zuschieben können, denn die Folgen treffen uns alle. „Die Welt beginnt sich zu rächen“, warnt sie, „mit Klimakatastrophen und Flüchtlingsströmen, mit Umweltzerstörung und sozialen Konflikten in der Größenordnung von Bürgerkriegen.“

Wozu unsere „hektische Konsumzivilisation“ führt, beschreibt sie drastisch: „Wenn Sie wie ich Kleidung tragen, Nahrung zu sich nehmen, ein Auto fahren oder ein Smartphone haben, arbeiten derzeit etwa 60 Sklaven für Sie und mich. Ob wir wollen oder nicht.“

Öffentliches Anprangern von Firmen hilft

Was aber kann der einzelne Käufer tun? Weniger, sehr viel weniger kaufen und dafür höherwertig, das wäre ein Weg. Aber: auch Edelmarken sind beteiligt an der Ausbeutung, die Evi Hermann als „Nähen bis der Tod kommt“ beschreibt. Und umgekehrt gibt es preiswerte Marken, die nicht mitmachen beim Wettlauf um die niedrigsten Löhne und die miserabelsten Arbeitsbedingungen in überhitzten, ständig brandgefährdeten Hallen oder Hinterhofwerkstätten. Eine weitere Möglichkeit wäre, auf Gütesiegel zu achten, Fair-Trade-Produkte zu kaufen, die inzwischen selbst bei Discountern zu haben sind.

Eine dritte Möglichkeit ist das öffentliche Anprangern jener Firmen, die im Schäbigkeitswettbewerb vorne liegen oder alle Schuld auf ihre Lieferanten und die in vielen Schwellenländern üblichen, aber viel zu niedrigen Mindestlöhne schieben. Heißt Mindestlohn etwa, dass man nicht mehr zahlen darf? Auch medienöffentliches Lob für jene Firmen, die mehr tun als sie müssten, hilft. 

Mehr Moral statt Kosteneffizienz

Ein Beispiel aus Savar, jener Stadt in Bangladesh, in der 1138 Menschen, meist Frauen, starben, als das Gebäude einstürzte, in dem sie schufteten. Zuvor hatten -  so die Wissenschaftlerin - von den großen Modefirmen „lediglich Tommy Hilfinger, Calvin Klein und Tchibo ein qualifiziertes Abkommen für Gebäudesicherheit und Brandschutz unterschrieben, das bei der Umsetzung dann leider teilweise von den lokalen Lieferanten unterlaufen worden war. Plötzlich war es sehr schlecht fürs Geschäft, nicht zu unterschreiben.“

Die Globalisierung kann und will niemand aufhalten, aber Veränderungen zugunsten jener am Ende der Nahrungskette sind möglich, jedenfalls  wenn es nach der Wunschliste der BWL-Professorin geht: „Wenn wir Konsumenten nicht nur nach 'Geiz ist geil' einkaufen würden, wenn wir Managerinnen und Manager nicht nur  kosteneffizient Lieferanten squeezen und Topmanager nicht nur über Corporate Governance, sondern auch über Moral Governance nachdenken würden, wäre das ein Segen für uns alle.“

Evi Hartmann: „Wie viele Sklaven halten Sie?“, Campus Verlag, 224 Seiten, 17,95 Euro

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Kommentare

Diese Kritik an Sklavenarbeit torpediert gesetzliche Regelung

leider. aber vielleicht nicht so zufällig ungewollt, wie man denken könnte, siehe diese Buchkritik hier auf Telepolis (die einzige, die das Buch nicht bejubelt): http://www.heise.de/tp/artikel/48/48451/1.html