Geschichte

77 Jahre Kriegsende: Was das „Nie wieder!“ bedeutet

„Nie wieder!“ Seit dem Ende der Naziherrschaft sind die zwei Worte ein klares Bekenntnis gegen den Krieg. Doch woher kommen sie? Eine Spurensuche
von Oliver Gaida · 9. Mai 2022
Nie wieder Krieg! Diese Forderung hat zurzeit traurige Aktualität, wie bei dieser Friedensdemo in Göttingen.
Nie wieder Krieg! Diese Forderung hat zurzeit traurige Aktualität, wie bei dieser Friedensdemo in Göttingen.

Zwei Worte, die am 8. Mai, dem Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, jährlich fallen, lauten: Nie wieder! Dabei beziehen sie sich aber nicht nur auf diesen Tag, an dem an die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung vom Nationalsozialismus erinnerte wird. Sie sind zu einem Fixpunkt für Gedenkreden und Mahnmale geworden.

Der Bundeskanzler baute sie in seine Ansprache am 8. Mai ein, der Bundespräsident verwendete sie, als er an der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem in Israel sprach, oder die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer richtete sie an ihr Publikum, als sie vor dem Europäischen Parlament redete.

Ursprung: Der Buchenwald-Schwur

Diesen eindringlichen Ausruf „Nie wieder“ begegnen Besucherinnen und Besucher auch in diversen Gedenkstätten: In mehreren Sprachen in Stein gehauen steht es am Mahnmal des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka nahe Warschau, in dem die SS schätzungsweise über 800.000 Menschen in Gaskammern ermorden ließ. Die meisten der Ermordeten waren Jüdinnen und Juden. Ebenso sind die Worte in der KZ-Gedenkstätte Dachau bei München und an weiteren NS-Gedenkorten in Europa zu lesen.

Diese europaweit und darüber hinaus verständliche Formel wird meist auf den sogenannten Buchenwald-Schwur zurückgeführt: Am 19. April 1945, also nur wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die amerikanischen Truppen, versammelten sich auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers Überlebende. Sie hielten die erste Trauerfeier für die Toten des Lagers ab und weihten ein provisorisches Denkmal für sie ein. Ihr Gelöbnis, gemeinsam die Grundlagen der NS-Verbrechen zu bekämpfen, legten sie in zahlreichen Sprachen ab. Laut des ehemaligen Buchenwald-Häftlings Heinz Brandt haben die Teilnehmenden auf dieser Gedenkversammlung lautstark „Nie wieder“ skandiert.

Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.

Das „Nie wieder“ bezog sich dabei in erster Linie auf den „Nie wieder Faschismus“, darauf folgte die weitere Bedeutung „Nie wieder Krieg“. Nationalsozialismus und ihr Angriffskrieg hingen damals freilich untrennbar zusammen. Die beiden Ziele können sich aber durchaus widersprechen – zum Beispiel: Soll Krieg geführt werden, um einen Faschismus zu bezwingen?

Das Ziel, dass sich der Nationalsozialismus und seine Verbrechen auf keinen Fall wiederholen dürfe, drückte der Philosophen Theodor W. Adorno mit einem ähnlichen Leitsatz aus: „Dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Auschwitz steht dabei stellvertretend für den gesamten Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Adorno, der selbst vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen war, erhob genau diesen Satz zum obersten Ziel einer Erziehung nach dem Holocaust.

Wichtiger Bestandteil der Gedenkkultur

Wie so oft bei gängigen Formulierungen gibt es noch ältere und weniger bekannte Bedeutungen: So spielte das „Nie wieder“ für einige Jüdinnen und Juden auch vor 1945 bereits eine große Rolle. Sie dachten dabei an den Dichter Yitzhak Lamdan, der schon 1927 den Vers „Masada darf nie wieder fallen“ niederschrieb. Masada war eine antike Festung in Judäa, die römische Truppen nach schweren Kämpfen einnahmen. Dieses Ereignis bedeutete die Niederlage für die damalige jüdische Bevölkerung. Auf diese Schlacht und dieses Gedicht bezogen sich Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto, als sie sich 1943 – ebenfalls an einem 19. April – zu einem verzweifelten Aufstand gegen die Nationalsozialisten erhoben. Sie kämpften aussichtslos gegen die laufenden Deportationen, deren Ziel unter anderem das Vernichtungslager Treblinka war.

Die Worte „Nie wieder“ werden inzwischen auf unterschiedliche Gewaltverbrechen angewandt. Im Kern sind sie – und sollten es auch sein – auf die nationalsozialistischen Verbrechen bezogen. Sie haben sich – wenn auch unterschiedlich ausgelegt – zu einem wichtigen Bestandteil einer Gesellschaften übergreifenden Gedenkkultur entwickelt.

Autor*in
Oliver Gaida

ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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