Kommunalpolitik

Zurück in die Zukunft: Wie ich plötzlich Politikerin wurde

Tatiana Muñoz07. Februar 2020
Vor einem Jahr fasste ich den Entschluss, Politikerin zu werden. Ich trat an und wurde Ortsvorsteherin im konservativ geprägten Mainzer Stadtteil Hechtsheim, für die SPD. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich aktiv geworden. „Ich werde Politikerin sein“, sagte ich mir unterwegs zu einem Termin, keine Ahnung mehr wohin, und blieb plötzlich stehen vor lauter Schreck. Ich werde Politikerin sein. Warum hat mich diese Erkenntnis eigentlich so vor den Kopf gestoßen?

Ich war dabei, mich unbeliebt zu machen

Da wurde mir bewusst, dass ich auf dem besten Weg war, nicht nur mit meinem Gesicht auf einem Plakat überall zu hängen. Ich war auch noch dabei, mich bei sehr vielen Menschen unbeliebt zu machen. Und das ohne Grund, nur weil ich Politikerin wurde. Denn selten hörte ich über Politiker*innen positives, außer von bereits verstorbenen.

Da wird oft nostalgisch zurückgeblickt. Und wo man einst schimpfte hat die Person heute, in der Retrospektive, ein Rückgrat, Werte, einen feinen Charakter und so weiter. Politiker*innen, das sind nicht gerade die „cool kids“ der Gesellschaft. Aber sei’s drum, die Entscheidung war so und bereits gefallen.

Eine Sozialdemokratin im konservativen Hechtsheim

Ich wollte Ortsvorsteherin in meinem schönen, konservativen, seit über 45 Jahren CDU-regierten Wohnort Hechtsheim werden. Ein Bauerndorf, das vor 50 Jahren durch die Stadt Mainz eingemeindet wurde, der Annektierungsschmerz ist im alten Dorfkern heute noch überall zu spüren. Schöne, alte Geschichten werden hier in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz beim Bäcker und auf der Straße erzählt. Von früher, als vieles besser war.

Ich bin 34 Jahre alt, Migrantin, Frau, Feministin, Klimaschützerin, Zugezogene und Sozialdemokratin. „Versuche das Unmögliche und genieß die Reise“ hat Brad Pitt in einem Interview mal gesagt. Wohin sollte also meine Politikreise denn zuerst gehen? Alle schwärmten von der Vergangenheit, von toten Politikern – „er hätte sich im Grabe umgedreht“, „Willy Brandt hat das und das gesagt“, „das waren noch Männer von Format!“ – von besseren Zeiten, von besseren Menschen.

Nach hinten blicken, um nach vorne zu gehen

Warum also nicht zuerst nach hinten blicken, danach suchen, was die Menschen vermissen und es, oft vermeintlich, früher gab und heute nicht mehr? „Das mache ich doch direkt“, sagte ich zu mir. „Warum das Rad neu erfinden?“  Vielleicht nicht direkt das ganze Rad, aber es brauchte trotzdem einen neuen 2019er-Glanz.

Und so gestaltete ich meine Wahlkampagne mit der Innovationsmethodik Design Thinking, also im Grunde erst mal zuhören, dann machen. Möglichst plastikfrei, so wie früher. Auf Facebook und Twitter und Instagram. Aber vor allem auf der Straße. Solidarität, dieser Kernwert der Sozialdemokratie, der von vielen oft schmerzlich vermisst wird, ist heute global, die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN sind für mich die moderne Variante.

Auch Scheitern gehört zur Politik

Heute, ein Jahr später, freue ich mich Ortsvorsteherin von Hechtsheim zu sein. Und zwei Stellvertreterinnen zu haben. Heute arbeite ich mit Kanban-Boards und teste SCRUM-Elemente aus. Agile Kommunalpolitik sozusagen. Ich habe einen politischen Pop-Up-Store in einem Leerstand ausprobiert. Ging übrigens schief.

Das war nicht das erste und wird auch nicht das letzte Scheitern bleiben. Auch das ist ein Teil von Politik. Strategischer Community-Aufbau und Marketing, um den Ortsbeirat zu stärken und Partizipation zu fördern. Bürger*innen vertrauen, Kontrolle abgeben. Vieles neu und innovativ und gleichzeitig wieder nicht. Ab in die Vergangenheit, um die Zukunft zu gestalten. Zurück in die Zukunft. Darum geht es mir in meiner politischen Arbeit

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