Spaziergang statt Infostand

Warum Wahlkampf nicht allein digital stattfinden kann

Hakan Demir06. April 2021
Das Coronavirus bleibt vorerst – und macht den Wahlkampf digital, zumindest teilweise. Doch das reicht mir nicht. Deswegen gehe ich spazieren, verteile Flyer, drücke auf Klingeln, mache Praktika. Denn ich glaube, dass ohne direkte Kontakte Demokratie nicht funktioniert.

Die Füße gehen spazieren und die Gedanken auch. Als Kind dachte ich, nur Senior*innen gingen spazieren. Heute in der Coronakrise ist es anders: Ich kenne niemanden, der nicht regelmäßig eine Runde dreht. Ich mache bestimmt jeden Tag meine drei bis fünf Kilometer. Aber so langsam will man auch etwas anderes machen: Fußballspielen, mit Freund*innen grillen, Geburtstage feiern. Ein bisschen Abwechslung halt. Doch das wird wohl nichts. Das Coronavirus bleibt vorerst.

Für den Wahlkampf bedeutet das: Statt Gespräche mit Bürger*innen am Infostand, vor der Türschwelle oder auf Veranstaltungen zu haben, rede ich per Insta Live oder per Videokonferenz mit tollen Gästen wie Lars Klingbeil, Kevin Kühnert und Nalan Sipar. Das ist super. Doch wen erreiche ich eigentlich damit?

Die Säulen meines Wahlkampfs

In Neukölln leben 330.000 Menschen, die aus 155 Staaten kommen. Aber erreiche ich auch, dass mir Hartmut aus Neukölln-Britz über Facebook oder Instagram folgt? Oder dass Tülay, die zwischen der Sonnenallee und der Karl-Marx-Straße lebt, meine Tweets zum Pflegenotstand liest? Irgendwie glaube ich das gerade nicht. Doch was tun? Einen harten Lockdown für meine Social-Media-Kanäle verhängen? Nein, ganz bestimmt nicht. Es bleibt eine wichtige Säule eines guten Wahlkampfes. Es bedarf aber noch mehr.

Flyer zu verteilen geht immer. Klingt langweilig, darf aber auf jeden Fall nicht vernachlässigt werden. Wer mich nicht kennt, wird mich auch nicht wählen. Deshalb haben wir in den letzten Wochen 30.000 Exemplare in ganz Neukölln verteilt. Hier kann ich sicher sein, dass die Flyer, die ich in die Briefkästen werfe, tatsächlich auch die Menschen hier in Neukölln erreichen.

Hier kommt aber ein anderes Problem hinzu: Resonanz. Ich sehe die Menschen nicht, auf deren Klingeln ich drücke und in deren Briefkästen ich meinen Flyer einwerfe. Wie soll so eigentlich Politik funktionieren? Blick, Mimik, Körperposen fallen weg. Eine Ich-Du-Koppelung, wie Neurowissenschaftler es sagen, gibt es nicht oder anders gesagt: Wir sehen uns nicht mehr.

Resonanz – zumindest irgendwie

Aus der Sprechanlage kommt ein lautes Rauschen. Eine tiefe Stimme meldet sich: „Wer da?“ Ich stelle mich kurz als den Bundestagskandidaten der SPD Neukölln vor und bitte ihn, die Tür zu öffnen. Fünf Sekunden Stille. Dann meldet er sich wieder: „Das glaube ich nicht, dass ein Kandidat unten steht.“ Ich antworte: „Doch hier stehe ich. Kommen Sie gerne runter, wenn Sie möchten“ Er öffnet die Tür. Die Flyer stecke ich in die Briefkästen – je nach Haus kann es eine bis fünf Minuten dauern. Der Mann von der Sprechanlage kommt nicht runter. Eine Art Resonanz gab es dennoch. Wir haben uns irgendwie „gesehen“.

Doch was macht es mit der Demokratie, wenn politische Kommunikation nur auf Twitter, Facebook, Instagram, Telefon oder Videokonferenz ausweicht? Ich glaube: Auf die Dauer wird es der Demokratie schaden. Sie lebt davon, dass man sich sieht, diskutiert, debattiert, Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Kompromisse findet, ja, in einem Raum ist. Und wenn wir uns nicht sehen, verstehen wir uns vielleicht auch nicht mehr so leicht, distanzieren uns, vereinzeln. Das kann nicht gut sein.

Deswegen mache ich vermehrt Praktika zum Beispiel in sozialen Einrichtungen, im Einzelhandel, in Cafés. Und ich gehe zu Vereinen, Betrieben und Anlaufstellen in ganz Neukölln, stelle mich vor und komme mit den Menschen dort ins Gespräch. Ich will sie wieder sehen, mit ihnen sprechen, ihre Wünsche und Nöte hören. Und die Füße sollen weiter spazieren gehen und die Gedanken auch. Diesmal will ich aber Kiezrunden mit Mitbürger*innen drehen, mit ihnen über den Mindestlohn, den Pflegenotstand, das Leben sprechen. Resonanz garantiert.

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