Bundestagswahlkampf

Umgang mit Hass im Netz: Weil Schweigen keine Option ist

Derya Türk-Nachbaur07. Mai 2021
Derya Türk-Nachbaur ist Bundestagskandidatin der SPD Baden-Württemberg. Weil sie anders aussieht als manche ihrer Nachbarn, erhält sie häufig Hassnachrichten und Bedrohungen. Sie geht offen damit um und will die laute Stimme der schweigenden Mehrheit sein.

„Anfrage SPD“ steht in der Betreffzeile der Mail, die ich nach einem sehr arbeitsintensiven Tag unbekümmert öffne.

Ein Einzeiler: „Wann verschwindest Du rote Ratte zurück in Dein Loch?“ Der auffällig skurrile Absendername hätte mich schon vorwarnen müssen. Ich will mich nicht angesprochen fühlen, schiebe die Mail in den Papierkorb. Eine von vielen Mails, die bei mir inzwischen leider für einen Gewöhnungseffekt gesorgt haben. Bei der nächsten Mail bin ich schon nicht mehr ganz so unbekümmert. Der Absender scheint diesmal „echt“ zu sein. Tatsächlich erwartet mich ein langer Text in ganzen Sätzen und der Verfasser hat sogar mit seinem Klarnamen unterzeichnet.

„Ich bin müde, solche Nachrichten zu lesen“

Mit den Sätzen: „Hört endlich auf, euch (damit meine ich PolitikerInnen mit Migrationshintergrund) als benachteiligte Opfer (weil Kind einer Gastarbeiter  Familie) zu stilisieren! Was meinst Du damit ‚Als Kind einer Gastarbeiterfamilie weiß ich, wovon ich spreche‘. Was willst Du den Wählern sagen! Wenn Du Benachteiligungen damit meinst (davon gehe ich aus), dann übertreibst Du maßlos!“ beginnt W.S. sein Schreiben.

Er kommt wenigstens ohne Beleidigungen aus, denke ich und merke, wie müde ich bin. Müde, mein Dasein ständig rechtfertigen zu müssen. Müde, mich für einen Augenblick dabei ertappt zu fühlen, dass ich nicht für alles immer dankbar war. Es gab und gibt die eine oder andere Erfahrung, auf die ich als Frau mit Migrationshintergrund liebend gerne verzichtet hätte. Für die ich nicht dankbar war. Ich bin müde, solche Nachrichten zu lesen. Müde, auf sie zu antworten. Müde, nur auf meine Herkunft reduziert zu werden. Als hätte ich keine anderen politischen Schwerpunkte zu bieten.

Anders als bei Müller, Meier oder Schmidt

Ich wünschte, mein Schrei nach Armutsbekämpfung, mehr Teilhabe, Abschaffung von Hartz IV und Geschlechtergerechtigkeit bekäme genauso viel Aufmerksamkeit wie meine etwas dunklere Hautfarbe. Warum eigentlich wird von mir als in Deutschland geborene und aufgewachsene Deutsche mit Migrationsgeschichte immer ganz besondere Dankbarkeit erwartet? Kein Mensch käme auf die Idee bei seinem Nachbarn Meier, Müller oder Schmidt Dankbarkeit einzufordern, weil er arbeiten gehen darf, oder weil er zur Schule gehen und dann studieren durfte.

Am liebsten würde ich laut in den Bildschirm rufen: Nein, Herr W.S., ich übertreibe nicht maßlos. Nein, wir stilisieren uns nicht als Opfer. Ganz im Gegenteil: wir sind Kämpfer*innen, die Ungerechtigkeiten benennen und als Konsequenz dafür dann in Schubladen gesteckt werden. Diese Schubladen machen den unkritischen und weniger reflektierten Geistern das Leben einfacher.

Gegen das Denken in Schubladen

Unsere Geschichten als Menschen mit Migrationshintergrund zu hinterfragen ist nämlich manchmal unbequem und lässt plötzlich das eigene Denken und Handeln in einem ganz anderen Licht erscheinen. Vielleicht erfordert es sogar die Veränderung des eigenen Handelns. Diese Mühe wollen sich viele Menschen, die uns und mir das Laben in der Opfer-Rolle vorwerfen, aber nicht machen. Schubladendenken ist wesentlich einfacher und braucht nicht in Handlungen münden. Ich bin müde, es zu erklären.

Beim Lesen dieser langen Mail wird die Kommentierfunktion in meinem Hirn automatisch aktiviert:

Ich freue mich, dass Sie es einfacher im Leben hatten, Herr W.S.

Schön, dass Ihnen die Ausgrenzungserfahrungen erspart geblieben sind.

Gut, dass Sie als weißer Mann (dem Namen nach mit vermutlich christlichem Glauben) dazugehören durften.

Erfreulich, dass Sie schneller eine Wohnung, schneller den neuen Job, schneller den Kredit bekommen haben, lieber  Herr W.S.

Ich gönne es Ihnen, dass Sie etwas vom Kuchen abbekommen haben, als es um die Verteilung von Macht ging.

Vielen Menschen mit Einwanderungsgeschichte ergeht es leider anders.

Ich werde Herrn W.S. jetzt nicht zurückschreiben. Nicht jetzt. Er wird mich ohnehin nicht verstehen wollen. Wenn er es hier lesen sollte, dann möchte ich ihn bitten, mir etwas Zeit zum Antworten zu geben.

In dieser Woche bin ich zum Glück noch mit relativ harmlosen Nachrichten davongekommen. Das ist nicht immer so. Teilweise habe ich die Drohungen öffentlich gemacht und Ihr habt es auch mitbekommen. Mit Drohungen und Hassnachrichten gegen mich persönlich kann ich umgehen und weiß, dass diese unangenehme Seite der Medaille ein stückweit auch zur Jobbeschreibung dazu gehört, wenn man an exponierter Stelle mitmischen will.

Ein Teufelskreis aus Hassnachrichten

Von vielen dieser Nachrichten erzähle ich meiner Familie nicht einmal. Sie sollen sich keine Sorgen um mich machen müssen. Die heftigen, sehr bedrohlichen Geschichten, die auch meine Familie tangieren, zeige ich an und der Staatsschutz ermittelt auch schon in einigen Fällen. Wenn ich die Vorkommnisse gegen mich in den sozialen Netzwerken publik mache, reagiert natürlich auch die Presse. Sobald die Presseartikel dazu erscheinen, bekomme ich wiederum Hassnachrichten oder Nachrichten von Menschen, die mir vorwerfen, mich in meiner Opferrolle zu sonnen. Das ist so verdammt zynisch und belastet mich fast noch mehr.

Diese Menschen scheinen keine Angehörigen zu haben. Wie ich es auch drehe und wende: Es ist ein Teufelskreis. Doch Schweigen ist keine Option. Den Einsatz für eine starke Demokratie leiste ich nicht, um sie mit dröhnendem Schweigen auszufüllen. Deshalb bin ich politisch aktiv. Genau deshalb engagiere ich mich für ein gutes Miteinander und möchte eine der Blüten in dem vielfältig bunten Garten unserer Gesellschaft sein. Und genau deshalb will ich die laute und klare Stimme der schweigenden Mehrheit sein. Heute sollte ich keine Mails mehr lesen.

Morgen wieder. Solltet ihr mir schreiben wollen, dann freue ich mich über eure Zuschriften über meine Webseite www.tuerk-nachbaur.de.

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