Rechtspopulismus

Tellkamp-Debatte: Raus aus der Opferrolle!

Christian Wolff13. März 2018
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp sieht sich als Opfer einer angeblichen „Gesinnungsdiktatur“. Die Meinungsfreiheit in Deutschland sei bedroht, sagt er. Diese Mythen gilt es zu entlarven – um unserer Demokratie willen.

Am vergangenen Donnerstag diskutierten die beiden Schriftsteller Durs Grünbein und Uwe Tellkamp im Dresdner Kulturpalast über Meinungsfreiheit (Video). Dabei inszenierte sich Uwe Tellkamp, Autor des Bestseller-Romans „Der Turm“, ständig als Opfer – und bekam dafür viel Beifall. Es applaudierten jene, die sich offensichtlich ebenso als Menschen empfinden, denen man angeblich nicht zuhöre, die man sofort in die rechte Ecke stelle, deren Meinung von den Medien nicht beachtet werde.

Als Argument führte Tellkamp an, dass seine Meinung (hier eine Kostprobe: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“) in vielen Medien kritisch kommentiert werde und dass er Nachteile in Kauf nehmen müsse. Tellkamp sprach von „Gesinnungsdiktatur“, die im Zuge der massenhaften Zuwanderung ebenso um sich greife wie die Einschränkung der Meinungsfreiheit und quasi Gleichschaltung der Medien.

Die Masche von der „bedrohten Meinungsfreiheit“

Als Kronzeugen für seine Thesen führte Tellkamp Thilo Sarrazin an. Diesem Menschen sei großes Unrecht widerfahren. Kein Wort aber dazu, dass gerade Thilo Sarrazin von der Presse hofiert wurde: Der SPIEGEL veröffentlichte 2010 Teile seines Buches „Deutschland schafft sich ab“. Das Buch selbst wurde in den Medien gefeiert und gegeißelt. Sarrazins Buch erreichte eine Millionenauflage. Sarrazin zog durchs Land, vertrat seine Thesen in unzähligen Veranstaltungen – nicht zuletzt in Dresden – und war Gast in vielen Talkshows. Natürlich musste er sich auch Kritik gefallen lassen: vom Bundespräsidenten angefangen über manche Medien bis hin zu lautstarken Protesten. Aber Sarrazin als Opfer? Nein, er ist es genauso wenig wie Tellkamp. Diejenigen, die mit steilen nationalistisch-völkischen Thesen, Falschinformationen oder Kampfbegriffen wie „Gesinnungsdiktatur“ aufwarten, haben dafür keine Belege. Vielmehr gerieren sie sich in dem Moment als Opfer, wenn sie gestellt werden und argumentativen Gegenwind erfahren. Dann ist in ihren Augen plötzlich die Meinungsfreiheit bedroht.

Diesen Opfermythos gilt es zu entlarven. Denn weder ein Thilo Sarrazin noch ein Uwe Tellkamp werden in Deutschland daran gehindert, ihre Ideen oder politischen Überzeugungen zu publizieren und öffentlich zur Diskussion zu stellen. Nur müssen sie damit rechnen, dass sie als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auch nach ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung gefragt und auch mit den Folgen ihrer Überzeugungen konfrontiert werden. Wenn jemand wie Tellkamp behauptet, 95 Prozent aller Geflüchteten hätten nur Interesse an den Sozialleistungen in Deutschland, dann dient diese Aussage nur dazu, Menschen, die bei uns Schutz und Zuflucht suchen, zu fremdländischen Raffkes zu degradieren. Außerdem hetzt Tellkamp damit Menschen gegeneinander auf und bedient die niedersten Instinkte, die von Pegida Montag für Montag geweckt werden. Die Tellkamps werden sich gefallen lassen müssen, dass ihre Haltungen in dieser Weise analysiert und kritisiert werden. Daraus aber abzuleiten, dass die Meinungsfreiheit bedroht sei, ist nicht nur verwegen, sondern offensichtlich Teil dieser Masche. Denn damit entziehen sich die Sarrazins, Tellkamps und Co. der argumentativen Auseinandersetzung. Sie stellen das System in Frage, das die Meinungsfreiheit erst ermöglicht: der freiheitliche und demokratische Rechtsstaat.

Genau das ist die wahre Absicht all derer, die sich des Opfermythos bedienen. Sie machen sich bewusst klein und hilflos, um sich einer Debatte um all das, was sie von sich geben, zu entziehen. Stattdessen prangern sie unaufhörlich an, dass man in diesem Land schon lange nicht mehr seine Meinung frei äußern könne. Damit suggerieren sie gleichzeitig, dass wir angeblich in Verhältnissen leben, die sich kaum noch unterscheiden vom Unrechtsstaat DDR. Deswegen müsse dieses System beseitigt werden – wie einst 1989 die DDR. In diese Richtung äußerte sich an dem Abend auch der rechte Veleger Götz Kubitschek. Er spekuliert darauf, dass die Spaltung der Gesellschaft fortschreitet, um dann eines Tages ein wie auch immer geartetes autoritäres Volks-System installieren zu können. Ähnlich hört sich auch die Rhetorik der AfD an: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk“, sagte einmal der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmeier.

Kein Interesse an Emanzipation und Demokratie

Diejenigen, die sich zu Opfern stilisieren, haben null Interesse an Emanzipation, mehr Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger oder Engagement für die Demokratie. Darum ist ihre Rhetorik getränkt mit völkischen Parolen, die aber keinen Raum mehr lassen für die Freiheit des Einzelnen. Außerdem soll mit der Einnahme der Opferrolle das Leiden des Nächsten, des Fremden ausgeklammert und entwertet werden.

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Kommentare

da wird mal wieder mit den Wölfen

geheult. Nicht sehr mutig, und derzeit noch im Trend-

ich finde es hochrespektabel, wenn ein Selbständiger, also jemand, der nicht durch Amt oder Mandat in seinem wirtschaftlichen Dasein gesichert ist, deutlich Farbe bekennt, wohlwissend, dass ihn der unausweichliche Shitstorm des Mainstream erreichen wird und er Gefahr läuft, seine wirtschaftliche Basis zu schwächen. Unsere Genossen in der BTFraktion könnte sich ein Beispiel nehmen, und den §219a StGB außer kraft setzen, im Konzert mit anderen. Trauen sich nur nicht, denn Farbe bekennen heisst hier Infragestellung der wirtschaftlichen Existenz (dann ist der Listenplatz weg, und ohne den gibt es kein zurück bei der nächsten Wahl) , genau das , was sich Tellkamp traut.

Schämt euch alle miteinander- ihr seit Hasenfüsse und Speichellecker- Rückgrat fehlt völlig . Auf den toten Löwen pinkeln und dann auf dicke Hose machen- super!

Hans im Glück?

Sie sollten aber schon den Mut haben mit Ihrem "echten" Mamen Ihre sogenannte Meinung zu zeichnen. Für mich ist das schon die "Vorstufe" zu Fake-News was Sie ablassen!

Karin Nink

hat ihren Laden nicht im Griff- noch vor wenigen Tagen wurde unter Erneuerung der Partei eine Belebung der Debattenkultur propagiert, die dann wenige Tage später von Subalternen wieder einkassiert wird - "strukturierte Diskussionen, rationale Auseinandersetzungen – und vor allem Respekt und Achtung voreinander, die in der Debatte ....."

Ihr meint nicht, was ihr sagt- das ist das Problem der SPD, oder, um ganz deutlich zu werden- man nimmt euch nichts mehr ab, vom allgemeinen Geschwafel, und darum werden wir auch nicht mehr gewählt. Die Wählerschaft hat euch durchschaut, und ihr tretet in Artikeln wie diesem auch immer wieder den beweis eurer Unglaubwürdigkeit an.

in Artikeln wie diesen ... beweis eurer Unglaubwürdigkeit

Wie soll denn ein Artikel wie dieser ein Beweis eurer (der SPD) Unglaubwürdigkeit sein? Sie schreiben einfach immer drauflos, ohne sich inhaltlich mit dem Artikel zu befassen und wohl auch, ohne ihn gründlich gelesen zu haben. Hauptsache, die SPD wird schlechtgeredet. Für Ihren Beitrag ist das von Ihnen verwendete Etikett vom "allgemeinen Geschwafel" eine wohlwollende Antwort.

Rechtes Geschwafel

Offensichtlich kennt sich "hansimglück" nicht so wirklich aus, was "Geschwafel" und politisches Nebelwerfen wirklich bedeutet. Und dazu sollte er sich vielleicht ein wenig mit der Programmatik auf der ultra-Rechten beschäftigen. Vielleicht findet er dann den Mut, diese Kritik an der Glaubwürdigkeit dann auch dort zu posten.

Wenn er z.B. die neo-liberale Wirtschaftsposition einer Weigel - als späte Erbschaft eines Lucke - betrachtet und dieses mit dem deutschnationalen Heimatverständnis des "Höcke-Flügels" vergleicht, dann wird er betrübt feststellen, dass diese Positionen antagonistisch sind und sich feindlich gegenüber stehen.

Eine neo-liberale Globalisierung, die gegen deutsche Interessen verläuft ist nicht kompatibel mit dem Heimatgefühl des extremen rechten Flügels der AfD.

Die SPD mag ihre programmatischen Probleme haben, aber es gibt keine "Stamokap"-Abweichler mehr, die das ideologische Spektrum - vor laaaanger Zeit - nach links sehr stark gespreizt haben.

Ansonsten erkennt man eine SPD, die nicht "gleichgeschaltet" ist und unterschiedliche Positionen zuläßt und versucht öffentlich zu diskutieren. Im Gegensatz zur ultra-Rechten.

richtig, die SPD versucht

öffentlich zu diskutieren, scheitert aber permanent, weil sich alles dem Mainstream unterordnen muss und auch hier im VORWÄRTS nur das verkündet wird, was vermeintlich mehrheitsfähig ist. Alles andere "sagt man doch nicht"- Kindererziehungsähnliche Unterweisung in Funk und fernsehen und auch in den Printmedien

Das Problem ist doch nicht die AfD oder der- wie sie schreiben- der rechte Flügel der AfD , sondern der Umstand, dass sich vormals auch SPD wählende Menschen vom Spektrum der sich selbst so nennenden demokratischen Parteien nicht mehr aufgehoben fühlen können, weil sie dort kein Gehör mehr finden. "Das wird man doch wohl mal sagen können" , ja- dass darf man und manche trauen sich sogar- wie Tellkamp- aber Sie wissen vorher, was sie dann erwartet, und gerade das ist es , was sie auszeichnet und abgrenzt von den vielen Mitläufern

weil sich "alles dem Mainstream unterordnen muss"

Wo leben Sie denn, wenn sich bei Ihnen alles dem "Mainstream" bei einer "Kindererziehungsähnlichen Unterweisung" unterordnen muss? Wenn Sie in einem hinlänglich bekannten Bürogebäude in St. Petersburg Ihre Arbeit tun, wird das für Sie und "Karin" zutreffen. Ich erhalte in Deutschland solche Unterweisungen nicht, ordne mich auch keinem Mainstream unter und kenne auch niemanden, der anderes erlebt.

das ist ja ihr Problem,

Sie erkennen nicht, dass sie ständigen Maßregelungen unterworfen sind

fehlt es an Verständnis?

Besonders viel Verständnis für andere Positionen und Interesse an Diskussionen scheint Herr Wolff aber auch nicht zu haben. Inzwischen ist doch auch die Kanzlerin, die SPD, eigentlich die meisten weit von Standpunkten abgerückt, die 2015 heftigst vertreten wurden. Es wurden auch Millionen Menschen in Deutschland in rechte Ecken gestellt mit dem Ziel nicht mehr diskutieren zu müssen. Klar gibt es auch alle möglichen anderen Aspekte. Aber eben auch genug Aspekte, um offener zuzuhören und zu diskutieren als es Herr Wolff hier andeutet. Zu den 95% in die Sozialsysteme: für mich ist das eher kein gutes Beispiel. Welche Menschen kommen, wieviel Hilfe sie brauchen, was sie für gesellschaftliche Vorstellungen mitbringen ist so bunt, dass eine Reduzierung auf "Kriegsflüchtlinge" keine sehr gesunde Debatte scheint.Da ist es, wenn schon reduzierend, realistischer davon auszugehen, dass die meisten nach D kommen und nicht in der Türkei oder irgendwo anders bleiben, weil das Sozialsystem hier besser ist. Das ist ja erstmal kein Fehler von niemandem, aber auch keiner von Tellkamp.

Millionen Menschen in Deutschland in rechte Ecken gestellt?

Ist das wirklich so? Haben sich die Mitläufer der Pigeda mit Ihren Haßparolen auf Asylsuchende, Medien und die gewählten Vertreter nicht selbst in die rechte Ecke gestellt? Haben Sie denn mal versucht, mit diesen Schreiern zu diskutieren?

Raus aus der Opferrolle!

Ein sehr guter Beitrag, für den man sich nur bedanken kann.