Gleichberechtigung

SPD-Mitgliederbefragung: Warum Frauen nie ein Anhängsel sind

Lisa Frerichs27. November 2019
Die SPD hat zwar mehr als 150 Jahre gebraucht, um zum ersten Mal eine Frau als Vorsitzende zu wählen. Doch egal, wie die Mitgliederbefragung ausgeht: Es wird auch in Zukunft eine Parteivorsitzende geben. Hinter den Beschluss zur Doppelspitze kann die SPD nicht mehr zurückbleiben.

Ich bin vor etwa dreieinhalb Jahren in die SPD eingetreten. Grund dafür war und ist vor allem ihr eigentlicher Markenkern: Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit und gleichwertige Lebensverhältnisse für alle. Geschlechtergerechtigkeit ist dafür essentiell. Das gilt übrigens auch innerparteilich.

Unterschiedliche Maßstäbe für Politikerinnen und Politiker

Zwar hat die SPD mehr als 150 Jahre gebraucht, eine Frau zu ihrer Vorsitzenden zu wählen, aber es wird immerhin auch in Zukunft eine Parteivorsitzende geben. Hinter den Beschluss zur Doppelspitze kann und wird die SPD nahezu unmöglich zurückbleiben. Und wer weiß, vielleicht sind wir ja irgendwann sogar für eine weibliche Doppelspitze zu haben.

Dieses Verfahren sowie der Doppelspitzen-Beschluss haben in der Öffentlichkeit für ein sehr geteiltes Echo gesorgt, das vor allem eines offenbart: unterschiedlichen Maßstäbe, die an Politikerinnen und Politiker gestellt werden. CDU-Vize und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner brachte dies auf den Punkt als sie die beiden verbliebenen Kandidatinnen Saskia Esken und Klara Geywitz kürzlich als „Platzhalterinnen“ für die Kandidaturen der Männer bezeichnete.

Frauen als Beiwerk und Randnotiz

Olaf Scholz verkündete seine Kandidatur zunächst allein. Gespannt wartete die Presse darauf, wer wohl „die Frau an seiner Seite“, wen er „als Co-Kandidatin präsentieren“ werden würde – der SPD-Vorsitz wie auf dem Heiratsmarkt der fünfziger Jahre. Kurz nachdem feststand, dass Klara Geywitz mit Olaf Scholz kandidiert, wurde ihr mangelnde zwischenmenschliche Wärme vorgeworfen. Klar: Frauen sollen zusammenführen und Frieden stiften, Männer dürfen ruhig „Charakterköpfe“ sein und durch markige Sprüche auffallen.

Fortlaufend waren alle Kandidatinnen mehr oder weniger einer derartigen Berichterstattung ausgesetzt – wenn sie denn überhaupt erwähnt wurden. Oft genug fanden nur die männlichen Kandidierenden statt, mit Glück wurden die weiblichen Pendants in Nebensätzen angeführt. Frauen als Beiwerk und Randnotiz. Der Spiegel titelte „SPD-Doppelspitze – die Top-Frauen ducken sich weg“. An dieser Stelle seien zwei Dinge angemerkt: Den Ausdruck „Top-Männer“ habe ich noch nirgends gelesen und trotzdem könnte man genauso gut festhalten, dass sich einige aus dieser Kategorie ebenfalls weggeduckt haben.

Respekt für die sieben Kandidatinnen

Es gibt viele ambitionierte Frauen in der SPD. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es aufgrund von Strukturen, eingeübter Verhaltensweisen und innerparteilicher Kultur sehr viel mehr Männer als Frauen mit hohem Bekanntheitsgrad gibt. Meiner Meinung nach ist Kern des Problems weniger, dass sich Frauen höhere Ämter nicht zutrauen, sondern dass sie sich diese nicht zumuten wollen. Ich glaube auch nicht, dass es dabei vorrangig um die Belastungen durch solche Ämter oder um schnell herangezogene Vereinbarkeitsprobleme geht. Wichtiger ist, wie miteinander und auch übereinander gesprochen wird. Je länger das Verfahren um den Parteivorsitz läuft, desto mehr Respekt habe ich für die sieben Frauen, die überhaupt kandidiert haben.

Norbert Walter-Borjans wurde für sein Infragestellen eines SPD-Kanzlerkandidaten heftig kritisiert. Egal, wie man dazu inhaltlich steht: Von einer Kanzlerkandidatin war auch in Zeiten der bevorstehenden Doppelspitze nirgends die Rede. Die Entrüstung über die ist zwar in sozialen Medien regelmäßig groß. Ich wünsche mir aber auch darüber hinaus, dass noch mehr Genossinnen und Genossen, das Verfahren, die Kandidatinnen sowie eine tatsächlich gleichberechtigte Doppelspitze vehement verteidigen – und weniger über die Ämterverteilung nach gelaufener Stichwahl spekulierten – für die Männer der Duos, versteht sich. Frauen sind niemals ein Anhängsel. Das muss nach außen, aber auch innerhalb der Partei immer und überall deutlich werden.

weiterführender Artikel

Kommentare

Menschliche Gesellschaft

„Wer die menschliche Gesellschaft will,
muss die männliche überwinden.“
Was hinterlässt das als Mann für Gefühl?
Sich in der SPD wie gelitten zu finden?
Der Satz steht im Programm von 2007
auf der Seite Einundvierzig ganz unten.
Waren Sie da mal hängengeblieben,
wenn ja, wie haben sie den gefunden?
Wenn nicht, gehen Sie doch mal hin,
erklären Sie bitte so oder so den Sinn.
Bis jetzt hat den noch keiner gut erklärt,
öffentlich, ist er für Sie richtig oder verkehrt?
Lassen Sie männliches Mitglied wissen,
warum man den Satz soll nicht vermissen!

Nicht männlich ist menschlich

Gerade als Mann kann ich diese Forderung nur unterstützen. Eine männlich geprägte und dominierte Gesellschaft ist eine ziemlich arme und sicher nicht eben menschliche Gesellschaft. Von einer pluralistische nund ja, auch weiblicheren Gesellschaft profitieren alle – auch die Männer.