Unterhaltung

Sieger und Verlierer: Unsere Bilanz des Eurovision Song Contests

Schmidtner & Schulte14. Mai 2017
Mit dem ersten Eurovisionssieg Portugals ist Samstagnacht der Eurovision Song Contest 2017 zu Ende gegangen. Doch auch das Gastgeberland Ukraine hat gewonnen und nach einer chaotischen Vorgeschichte seine Chance ergriffen, sich als weltoffener Gastgeber im Herzen Europas zu präsentieren.

Salvador Sobral – ein Sieger mit Sendungsbewusstsein

Zu Recht sind die Portugiesen aus dem Häuschen: Erstmals gewinnt ihr Land den Song Contest mit einem Fado, der am Samstagabend nahezu ganz Europa verzaubert hat. Salvador Sobral heißt der Gewinner und er erreichte sowohl in den Jurywertungen als auch im Televoting den ersten Platz mit seinem stillen, hingebungsvoll-traurigem Liebeslied Amar Pelos Dois - von seiner Schwester Luísa Sobral für ihn geschrieben.
 

Bemerkenswert an seinem Sieg: Es gewann ein Lied in einer nicht-englischen Landessprache und eines, dass vorher nur in Fankreisen wahrgenommen wurde. Besonders der eigenwillige Vortragsstil des ehemaligen Psychologiestudenten und die sehr bewusst auf absolute Schlichtheit setzende Inszenierung trafen anscheinend den Nerv des Publikums und der Fachjurys.

Salvador Sobral selbst betonte direkt nach der Entgegennahme des Preises, dass "in einer Welt von Fast-Food-Musik ohne Bedeutung" sein Sieg für Musik stehe, die "wahre Gefühle statt Feuerwerk" ausdrücke. Eine Dankesrede mit Rundumschlag gegen die Konkurrenz, die er hinter sich gelassen hat.

Aber Sobral ist kein Diplomat, sondern Überzeugungstäter. Schon in der Pressekonferenz nach dem Semifinale hatte er durch ein "S.O.S. Refugees"-Shirt und ein klares Statement für Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen Aufmerksamkeit erregt. Und in seiner Pressekonferenz nach dem ESC-Sieg bekräftigt er seine musikalische Philosophie: "Ich mache keine Musik für Radiostationen" - letzteres ist allerdings auch der kleine Wermutstropfen an seinem Sieg.

Die Eurovision als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Die Gastgeber hatten sich vieles sicher anders vorgestellt: Nach dem Sieg im Vorjahr wollte sich die Ukraine als durch und durch europäisch, weltoffen und als perfekter Gastgeber präsentieren. Stattdessen wurden die Schlagzeilen von der Propagandaschlacht um das Auftrittsverbot der von Russland nominierten Sängerin beherrscht, in deren Verlauf die Ukraine durch das Festhalten an ihren Prinzipien sich nicht nur den Ärger des Veranstalters, der EBU, sondern auch ein schlechtes Bild in der Presse zugezogen hat.

Bei einer im Gegensatz zu den Vorjahren kurzfristig anberaumten und eventuell bewusst kaum bekannt gemachten Pressekonferenz der EBU am Mittwoch blockte diese dann auch jede Frage zu diesem Thema mit Verweis auf das nächste Treffen der Reference Group (das ausführende Organ des Song Contests innerhalb des TV-Verbunds) im Juni ab, wo schließlich über Sanktionen gegen die Ukraine oder/und Russland entschieden werden soll.

Unsere Frage nach den Aussagen des Vorsitzenden der Reference Group Freiling Anfang April im Tagesspiegel und die Haltung der EBU dazu wollte EBU-Supervisor Jan Ola Sand nicht kommentieren. Allerdings ließ er bei der Frage eines Kollegen, ob der russische Sender denn nächstes Jahr teilnehmen dürfe, obwohl er den Song Contest in diesem Jahr nicht übertrage, durchblicken, dass es sich um „eine ganz besondere Situation“ handle und „man im Gespräch mit den Russen“ sei. Letztendlich wird man bei der EBU froh sein, dass der diesjährige Wettbewerb ohne weitere Zwischenfälle über die Bühne gegange ist und das Thema abgehakt werden kann. Für die Dachorganisation zählen in erster Linie Zuschauerzahlen, Mitgliedsbeiträge und Ausbreitung des Sendegebiets, auch wenn offiziell viel von Prinzipien und Reglement die Regel ist.

Eine ganz andere Beobachtung: Ganz im Gegensatz zu ihrer Delegation waren die russischen Fans wie jedes Jahr gekommen. Es ging in Kiew um Musik und um gegenseitigen Respekt. Wie 2014 bei Conchita Wursts Sieg und wie bei Salvador Sobrals Sieg gab es bei dem hochkommerziellen Produkt ESC jene wertvollen Momente, in denen tatsächlich die "Idee" dahinter zu spüren und zu erleben ist. - Dass dann aber der russische Fanclub von etlichen Fällen berichtete, in denen anscheinend russischen Fans und Journalisten die Einreise in die Ukraine verweigert wurde, holt uns schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Der ESC wird nie ein politikfreier Raum sein und die Ukraine hat im Zusammenhang mit dem ESC große Fehler gemacht.

„Wir sind eine europäische Stadt“

Zwei Bilder werden uns von Kiew in Erinnerung bleiben: zum einen die hermetisch abgeriegelte Veranstaltungshalle. Seit der letzten Woche nehmen die Sicherheitsvorkehrungen täglich zu und die kontrollierte Zone um die Messehalle wuchs beständig. Erinnerungen an den Zaun von Wackersdorf werden wach, doch ähnliches erlebten wir auch 2009 in Moskau und 2012 in Baku. Doch nach anfänglicher Scheu auch vor den vielen Patrouillen der Polizei innerhalb des Stadtzentrums und rund um das Eurovision Village, für das der vom Maidan kommende Hauptboulevard zwei Wochen vollständig für den Verkehr gesperrt ist, bleibt zwar ein Gefühl von Restrisiko wie bei jeder Großveranstaltung, doch anders als 2009, und 2012 agieren die Sicherheitskräfte, denen die Veranstalter an den Kontroll- und Zugangspunkten immer auch englisch-sprachige Volunteers des ESC beiseite gestellt haben, extrem freundlich und umsichtig. So kennen wir das von keinem Flughafen!

Das andere Bild: Menschenmassen posieren tagsüber auf dem Maidan vor dem Eurovisions-Logo für ein Selfie – egal welches Geschlecht und welche Altersgruppe. Auf den großen Straßen und Plätzen der Stadt sind sämtliche Laternenmasten mit jeweils einer ukrainischen Flagge und einer Europa-Flagge geschmückt. Und es braucht nicht die unzähligen Mahnmale und Erinnerungsstätten in der City, um uns an die Ereignisse des „Euro-Maidans“ zu erinnern. Kiew möchte, das wird demonstriert, eine europäische Stadt sein.

Noch wird vielerorts keinerlei Englisch verstanden, aber wenn wir uns nur um ein paar einfache Floskeln auf Ukrainisch bemühen, zaubert dies meist ein Lächeln aufs Gesicht. Dagegen spricht die junge Generation meist besser Englisch als zuhause in Berlin und ist von keiner anderen europäischen Großstadt zu unterscheiden.

Doch ebenso bemerken wir überall das extreme Einkommensgefälle, das ungeheuer niedrige Preisniveau der meisten Güter und vor allem Dienstleistungen und die langen Arbeitszeiten der Angestellten. Manche Dienstleistungen wie Auslandspost und Reisen sind nur in Dollar oder Euro zu bekommen und wir können nur erahnen, welch große Schwierigkeiten auf das Land noch zukommen werden.

Die Marschrichtung ist jedenfalls klar: Richtung Europa. Dies wird auch beim Empfang des deutschen Botschafters in der Ukraine Ernst Reichel am Donnerstag für Levina und ihre Delegation deutlich:

Kein geringerer als Bürgermeister Vitali Klitschko ist gekommen, um die Gäste zu begrüßen – auf unnachahmlich charmante Art und mit dem Versprechen seine "Fäuste für Levina zu drücken".

Doch er hat natürlich auch Inhaltliches zu sagen: "Wir sind ein europäisches Land. Wir sind eine europäische Stadt: mit unserer Geschichte, Mentalität und auch unserer geographischen Lage. Es ist eine große Aufgabe, hier die europäischen Werte anzupflanzen und unsere Stadt als moderne, europäische und demokratische Stadt weiterzuentwickeln."

Botschafter Reichel bedankte sich ("Es ist schön, einen so großen deutschen Freund neben sich stehen zu haben") und es machte ihm sichtlich Freude, die wenige Stunden zuvor von der EU beschlossene Visaerleichterung für die Ukraine zu verkünden. "Die Ukraine - das ist Europa!" sagte er auf Ukrainisch und Deutsch.

Auch dies wird vom Song Contest zurückbleiben.

Überall in Kiew: Die Europaflagge neben der ukrainischen Fahne.

Deutschland auf Platz 25

Nein, das Triple gab es nicht: nach zwei Jahren als Schlusslicht im Finale schloss Deutschland mit dem Song Perfect Life auf dem vorletzten Platz ab. Ein bitteres Ergebnis für die ungemein talentierte Levina, der leider kein besserer Song mit auf den Weg gegeben wurde. Auch die Chance nach dem Vorentscheid die Komposition erfolgsversprechender zu produzieren, hat die ARD nicht beschritten. Ob als Akustik-Version nur mit Gitarrenbegleitung, wie Levina es oft in Kiew präsentiert hat – oder als moderner Techno-Mix: Möglichkeiten hätte es viele gegeben und eine weitere junge und engagierte Sängerin muss es ausbaden.

Es sollte langsam klar sein, dass hier neue Wege beschritten werden müssen.

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