Blog Opakratie – Teilen statt besitzen

Sharing Economy entpuppt sich als Turbo-Kapitalismus

Wolfgang Gründinger20. Februar 2015
Teilen statt besitzen – das war einmal der Traum einer neuen Ökonomie. Wie schön es hätte werden können. Doch Hardcore-Kapitalisten missbrauchen die Idee und scheffeln Milliarden mit Airbnb, Uber oder Helpling.

Wenn wir teilen, legen wir dem Kapitalismus das Handwerk, schützen die Umwelt und entdecken nachbarschaftliche Solidarität neu. Das war die ursprüngliche Absicht. Was aber die so genannte „Sharing Economy“ aus dieser Vision gemacht hat, ist genau das Gegenteil: ein digitaler Kapitalismus, dem die Umwelt egal ist und der den Sozialstaat untergräbt.

Welch glänzende Ideen wir doch hatten: Bei Kleider-Tausch-Partys haben wir uns neu eingekleidet, bei Leihläden Werkzeug geborgt und über Couchsurfing uns gegenseitig Gastfreundschaft angeboten. „Why own it?“, fragte der Programmierer Philipp Gloeckler und baute in seiner Freizeit eine App, bei der wir uns gegenseitig Sachen leihen und verleihen konnten. Endlich weniger Konsummüll, endlich eine lebendige Bürgergesellschaft – das war die Vision. Damit es uns nicht ergeht wie Thyler Dyrden, als er in Fight Club verzweifelt feststellen musste: „The things you own end up owning you.“

Airbnb verkehrt Sharing Economy ins Gegenteil

Die Spieler aber, die heute von sich behaupten, die Pioniere der Sharing Economy zu sein, haben diese Idee in genau das Gegenteil verkehrt. Start-ups wie Airbnb, Uber oder Helpling haben mit der ursprünglichen Idee des Teilens nichts zu tun. Sie stärken die Begüterten und unterminieren den Sozialstaat. Ein digitaler Kapitalismus in seiner reinsten Form.

Beispiele gefällig? Wer ein ausreichend hohes Einkommen hat, um in Berlin eine Wohnung zu ergattern, der nimmt gleich ein Zimmer mehr und vermietet es lukrativ per Airbnb an Touristen. Um solch gute Geschäfte zu machen, wirft man auch schon mal den Mitbewohner aus der WG, weil sich Airbnb mehr rentiert als das faire Teilen der Miete. Das Nachsehen haben Niedriglöhner, Studenten und prekäre Freiberufler. Wer wenig verdient, hat noch mehr Probleme, eine Wohnung zu finden, und wer früher noch ein WG-Zimmer angeboten hat, der vermietet es jetzt profitabel an finanzkräftige Touris. In Kreuzberg ist das Problem inzwischen so gravierend, dass 1 freie Mietwohnung auf 100 Airbnb-Plätze kommt. Wer bei Couchsurfing noch aus Gastfreundschaft sein Zimmer kostenlos angeboten hat, macht jetzt lieber bare Münze. Warum etwas kostenlos tun, was man Geld dafür nehmen kann? Der digitale Kapitalismus zersetzt die Solidarität.

Uber ohne Sozialversicherung und Gewerkschaft

Oder nehmen wir Uber, eine App, bei der Privatleute mit Privatautos den klassischen Taxifahrern Konkurrenz machen. Es gibt viel Kritik an Uber, weil das Unternehmen akribisch die Bewegungsdaten aller Kunden sammelt und auswertet – und nicht einmal davor zurückschreckt, das Sexualleben seiner Kunden zu analysieren. Zum Angriff auf die Privatsphäre kommt hinzu, dass Uber seine Fahrer auf eigenes Risiko fahren lässt: keine soziale Absicherung, keine Versicherung der Fahrgäste, keine Gewerkschaft, nichts.

Ein drittes Beispiel: Putzkräftevermittlungen wie Helpling oder Homejoy. Die verstehen sich interessanterweise ebenfalls als leuchtende Vorreiter der Sharing Economy, weil ja schließlich die Putzmänner und -frauen ihre Arbeitskraft „teilen“ (Karl Marx hätte noch gesagt: ihre Arbeitskraft an den Kapitalisten gegen Lohn verkaufen; aber die Zeiten sind wohl vorbei). Die Putzkräfte sind natürlich nicht angestellt, sondern als freiberufliche Tagelöhner sich selbst der Nächste. Vorschriften zu Mindestlohn, Kranken- und Rentenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub usw. – alles überflüssige Romantik aus den Zeiten des Sozialstaats. Das Verbot der Scheinselbstständigkeit wird geschickt unterlaufen.

Angriff des digitalen Turbo-Kapitalismus

„Im Ergebnis hat sich eine rücksichtslose Technikkaste gebildet, die vorgibt, die Welt verbessern zu wollen, die aber extrem gefährlich ist“, hat Sascha Lobo die Fakten in klare Worte gepackt. Was sich heute „Sharing Economy“ nennt, ist in Wahrheit der Angriff des digitalen Kapitalismus auf einen Sozialstaat, der noch nicht gelernt hat, neue Regeln für das Internet-Zeitalter zu finden.

Sozialstaat muss wehrhafter werden

Genau darum muss es aber jetzt gehen: Statt per legislativem Federstrich die Start-ups aus der Republik zu katapultieren, müssen wir die Spielregeln des Sozialstaats fit machen für die digitale Revolution – und zwar besser heute als über-übermorgen. Das aber ist, zugegeben, nicht einfach; noch hat niemand ein Rezept an der Hand. Aber eine Denkpause dürfen wir uns nicht verordnen – sonst käme die Abwehr zu spät.

Kommentare

Hase und Igel

Der Sozialstaat mit seinen langwierigen demokratischen Entscheidungsprozessen ist dem Tempo des Turbokapitalismus hoffnungslos unterlegen. Daher kommt die Abwehr immer zu spät. Es sei denn, der Sozialstaat nimmt die Sache selbst in die Hand. Das allerdings wäre ein grundsätzliche anderer Ansatz. Etliche tragende Elemente müssten eliminiert und bei Gefahr erheblichen Wohlstandsverlustes durch ganz andere -soziale eben- ersetzt werden.