Unterhaltung

Schwedische Fashion-Victims und ein Käfighuhn: Beipackzettel zum ersten ESC-Semifinale

Schmidtner & Schulte08. Mai 2017
Am Dienstag findet das erste Halbfinale des Eurovision Song Contest in Kiew statt. Wer trifft auf und was ist von den Darbietungen zu erwarten? Wie jedes Jahr bereiten wir mit unseren „Beipackzetteln“ auf den ESC vor.

Wer sich gemäß dem Motto des Song Contests „Celebrate Diversity“ nicht nur mit dem Finale am kommenden Samstag begnügen, sondern die volle Bandbreite der Popkultur innerhalb der Eurovisionsfamilie genießen möchte, muss am Dienstag dem 9. Mai mit dem Semifinale beginnen. Das ist dann auch eine ganz vorsichtige Annäherung, denn eine Entscheidung wird den Zuschauern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz noch gar nicht abverlangt: Sie dürfen erst am Donnerstag im 2. Semifinale ihre Stimme abgeben.

10 der 18 Songs vom Dienstag kommen ins Finale am Samstag – wir stellen alle Titel vor und wagen eine Prognose:

10 aus 18

  • Albanien: LinditaWorld
    Eine Madonna aus Albanien ganz in Weiß namens Lindita empfängt uns auf einer Art Friedhof mit der Botschaft „Wenn du dich liebst, wird dich die Welt lieben.“ Eine der nicht ganz so seltenen Schrei-Balladen in diesem Jahr, die den Vorteil hat, dass sich mit Betrachtung ihres Bühnenbilds die Zeit gut überbrücken lässt.
     
  • Belgien: Blanche City Lights
    Einsam und allein in der großen Stadt, tieftraurig, unverstanden und ungeliebt. Eine eigentlich wunderschöne Stimme mit einer Patina von Rauch und Samt, wie man sie einer 17-jährigen kaum zutraut. Seit Anne Clarks Our Darkness war solch Sehnsucht in einer Stimme nicht mehr zu hören wie im Video zu diesem Titel. Doch dann kamen die Proben: Die viel zu helle Inszenierung mit dem zweiten Hochzeitskleid des Abends und verzweifelten Armabwinklungen lässt den dunklen Touch des Liedes, der einen eigentlich in den Bann ziehen könnte, leider zerbröseln.
     
  • Montenegro: Slavko Kalezić Space
    Ein montenegrinischer Staatsschauspieler will als Gesamtkunstwerk provozieren. Überladene Symbolik: der überlange geflochtene Haarzopf als Anleihe aus der japanischen Kultur ein Inbegriff von Macht. Nach eigenen Auskünften ist sein Auftritt alles andere als authentisch, sondern eine Rolle. Trotz vieler Doppeldeutigkeiten und sexueller Anzüglichkeiten im Text reagieren wir sehr verhalten auf die Tanzdarbietung, die an ein aufgeschrecktes Käfighuhn erinnert. Einen Platz im Staatsballett wird er so nicht bekommen.
     
  • Finnland: Norma JohnBlackbird
    Düster und dunkel geht es weiter. Gebrochene Herzen und Hoffnungslosigkeit. Nach dem finnischen Beitrag könnte ein Stimmungsaufheller angeraten sein. Aber im Leben ist nicht alles rosarot und deshalb ist die Ballade der finnischen Band vermutlich die beste dieses ESC-Jahrgangs.
  • Aserbaidschan: DihajSkeletons
    Und wenn man schon im Gothic-Modus angekommen ist, sind Skelette nicht weit, der Liedtitel des diesjährigen Beitrages aus Aserbaidschan. Und die Botschaft aus diesem Land ist klar: Miese Männer (hier dargestellt auf Leiter mit Pferdekopf) können und werden besiegt von starken Frauen. Und wo böse Männer sind, sind anscheinend Kreide und Klassenzimmer nicht weit. Im Hintergrund des Bühnenbilds prangt die Skyline von Berlin.
     
  • Portugal: Salvador SobralAmor pelos dois
    Er liebt sie, sie liebt ihn nicht mehr, aber seine Liebe müsste doch eigentlich für beide ausreichen. Wie ein wunderbarer alter Schwarz-Weiß-Film mit viel Schmerz und Schwermut entfaltet sich das zeitlose Lied, vorgetragen von einem 27-jährigen Sänger mit gesundheitlichen Problemen, die eine Anwesenheit in Kiew über 14 Tage unmöglich gemacht hätten, so dass er ohne Proben auskommen musste. Seine Schwester Luisa, die schon das Lied für ihn schrieb, hat ihn würdig vertreten.

Unser Tipp

Schweden, Australien, Belgien, Finnland, Aserbaidschan, Portugal, Moldawien, Zypern, Armenien und Lettland erreichen nach unserer Einschätzung das Finale. Als größte Wackelkandidatin sehen wir Blanche aus Belgien – sie war zwar auch Favoritin auf einen Sieg, aber nur nach der Video und Albumversion ihres Titels. Die Proben dagegen lassen befürchten, dass sich hier ein Favoritensturz ereignen könnte.

Auch Australien muss mit einem vorderen Startplatz und wenig traditionellen Länderfreundschaften innerhalb der Eurovision um den Einzug bangen, was wiederum dem Slowenen Omar Naber mit seiner vorletzten Startposition helfen könnte.

Die Show

Anders als in Moskau 2009 werden keine Militärkapellen auf der Bühne aufmarschieren – die Ukraine will sich als nach Europa ausgerichtetes modernes Land präsentieren. Dazu hat sie vor allem durch das Programm während der Abstimmungsphase sowie durch die Moderation diverse Möglichkeiten.

Mit drei männlichen Moderatoren wird in diesem Jahr erfolgreich Gender-Mainstreaming praktiziert – gab es doch bisher überwiegend Moderatorinnen.

Wir haben mit dem Produzenten der drei Shows und speziell der Intervall-Acts und der Moderation, Stuart Barlow, gesprochen:

Interview mit Stuart Barlow

Sendetermin:

Zu sehen am Dienstag, 9. Mai um 21 Uhr – gut versteckt auf dem neuen ARD-Sender ONE, im Livestream auf eurovision.de oder im Originalton im Livestream auf eurovision.tv (Termine)

 

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