Gerechtigkeit

Schon Affen wissen, was fair ist

Martin Kaysh01. November 2016
Es liegt einiges im Argen im Land: Sind es alte Ungerechtigkeiten oder neue? Was kann man tun? Die Empfehlung: von der Natur lernen!

Globale Gerechtigkeit gibt es nicht. Gäbe es sie, könnte die SPD umschulen auf Brauchtumsverein und feiern, was man im Laufe der Jahre alles geschafft hat. Gerade wird „Neue Gerechtigkeit“ zum Thema. Erstaunlich, denn so richtig verschwunden ist die schlechte, alte Ungerechtigkeit auf der Gegenseite nie.

Früher feuchte Keller, heute Hartz IV

Es ist nicht der Spaßflug ins Weltall, der Arm und Reich heute trennt. Es ist schon der Unterschied bei Bus und Bahn. Zwar scheitern beide Gruppen hier. Aber während die einen nicht wissen, wie sie ihr Monats­ticket bezahlen sollen, verzweifeln die anderen am Fahrkartenautomaten, den sie im Leben noch nicht benutzt haben. Ungerechtigkeit haust nicht mehr in feuchten Kellerwohnungen. Käthe Kollwitz würde trotzdem ihre Motive finden. Sie müsste in manchen Städten nur von Nord nach Süd fahren, von Vierteln mit hoher SUV-Quote in solche mit ebenso hoher Hartz-IV-Dichte, da reichte ihr oft ein Busticket der Preisstufe A.

Reichtum fährt heute nicht mehr in der Kutsche zur Sommerfrische nach Travemünde und vermehrt sich selbst im schlimmsten Adelsfalle nur selten inzestuös. Man bleibt sorglos unter sich, denn ein Aufstieg durch Bildung etwa findet sich nicht mal in Kitschromanen. Hauptursachen für plötzlichen Reichtum sind bei Frauen weiterhin weder Fleiß noch Talent, es ist die Heirat.

Scheinheiliges Fernsehprogramm

Bilder von derlei Glück liefert zuverlässig das Fernsehen in Blut-und-Rosen-Dramen am Nachmittag. Weniger Blumiges serviert man auch, wohl kalkuliert. So zockt das ZDF von der Krebshilfe Kohle ab, um eine Spendenshow zu übertragen. Für 600.000 Euro kommen Playbackheuchler zur Gala zusammen und tun so, als ginge ihnen das Elend anderer nahe. „Knapp am Arsch vorbei ist auch schon nahe“, sagt sich der Programmmacher. Mitgefühl gegen Cash. Solidarität geht eh ganz anders.

Eine Show gegen versiffte Schulklos erwartet niemand in solchen Anstalten. Eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt soll zwar Grundbedürfnisse befriedigen, ist aber deshalb keine Bedürfnisanstalt, nicht mal im Übertragenen. Wäre die Senderwelt gerecht, würde man nicht Bedürftige, sondern die Fifa zur Kasse bitten, wenn die ihre Arbeit der Welt zeigen will, und sei es für zwei Mal 45 Minuten. Wäre Fußball gerecht, wäre auch mal St. Pauli Meister, und Fußballerinnen verdienten so viel wie die Kollegen.

Gerechtigkeit findet man im Fernsehen, wo man sie nicht erwartet, in Tiersendungen. Dort zeigt sich: Schon Affen wissen, was Fairness ist. Primatenforscher Frans de Waal belohnte ­einen Kapuzineraffen für die Lösung einer kleinen Aufgabe mit Gurkenhäppchen. Dann setzte er ein zweites Tier dazu und belohnte es mit süßen Trauben. Die Hälfte der Gurkenempfänger ließ sich jedoch nicht zum Affen machen, fand das unfair und streikte. Man sieht, der Kampf um Gerechtigkeit ist etwas ganz Natürliches.

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