Unterhaltung

Sandmännchen und jodelnde Rumänen: Beipackzettel zum zweiten ESC-Semifinale

Schmidtner & Schulte10. Mai 2017
Am Donnerstag werden die nächsten zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Eurovisions-Finale ausgewählt – und die deutschen Televoter dürfen mit abstimmen. Mit unserem Beipackzettel stimmen wir auf das Semi-Finale ein.

Seit Sonntag ist der Eurovision Song Contest in Kiew offiziell eröffnet und inzwischen steht schon das zweite Semifinale an. Nur die EBU als offizielle Veranstalterin wirkte lange wie abgetaucht – irgendwie scheint, so ist immer wieder vor Ort herauszuhören, das Zerwürfnis zwischen EBU und den ukrainischen Organisatoren tiefer zu gehen, als nach außen kommuniziert wird. Es fehlt die übliche Pressebetreuung durch die EBU, es erfolgen Infos der Ukraine, die anschließend dann mit einer der wenigen EBU-Rundmails wieder korrigiert werden und bisher war nur zur kommenden „Junior Eurovision“ eine EBU-Pressekonferenz angekündigt.

Erst am Dienstag gab es die Ankündigung einer gemeinsamen Pressekonferenz zwischen EBU und dem ukrainischen Sender UA:PBC für den heutigen Mittwoch. Die EBU ist also noch dabei und auch Jon Ola Sand erfüllte ja im ersten Semifinale seine Schiedsrichter-Rolle. Mal sehen, wie sich die beiden Institutionen präsentieren werden.

Blicken wir zunächst lieber auf die Musik und stellen die 18 Titel vor, die noch um einen Finaleinzug kämpfen.

Deutschland ist zwar als sicherer Finalist gesetzt (und inzwischen für einen Startplatz in der zweiten Hälfte des Finales gelost), aber dennoch dürfen die deutschen Zuschauer am Donnerstag mit abstimmen. Wir haben klare Empfehlungen:

10 aus 18, die Zweite

1. Serbien: Tijana Bogićević In Too Deep
Am Anfang eines Fernsehabends muss man sich erst einmal zurechtfinden, sich sammeln und die Wertungszettel bereitlegen und da überhört man häufig das erste Lied. Heute kein Problem, denn Serbien bietet Standardware, die nach einem passablen Intro zu tief ins Beliebige fällt… Zwar soll der Einsatz eines rückwärts rennenden Tänzers und eines weiß-transparenten Kleides Aufmerksamkeit erregen, doch das allein reicht nicht.

2. Österreich: Nathan Trent Running On Air
Lächeln kann Nathan Trent ohne Frage und im Alltag bestimmt viel damit erreichen. Wenn aber ein Lied vom Rennen handelt, bleibt einem Betrachter völlig unklar, warum der Bühnenaufbau für eine Sandmännchen-Folge gewählt wird. Wir werden das österreichische Lied weiterhin gerne hören, aber ob es für das Finale reicht?

3. Mazedonien: Jana BurčeskaDance Alone
Ein kritischer Blick auf die Gefahren von Virtual Reality und die Gefahr, in einer konsumorientierten Welt für immer alleine zu bleiben – darum geht es eigentlich in dem Lied aus Mazedonien. Doch die Inszenierung passt hierzu nicht: Jana Burčeskas lasziver Tanz wirkt etwa so „alleine tanzend“ wie ein Table Dance im Nachtclub. Wenn uns im Euroclub eine Frau so antanzen würde, wären wir überaus irritiert. Dazu ein Disco-Stampf mit „Hej“-Rufen. Nein, so sieht eine kritische Auseinandersetzung mit den Illusionen der virtuellen Welt wahrlich nicht aus.

4. Malta: Claudia FanielloBreathlessly
Glückwunsch! Nach neun Versuchen in den Vorentscheidungen auf der Mittelmeerinsel durfte die 29-jährige Malteserin endlich das Ticket zum ESC in der Hand halten. Die Schwester des sieben Jahren älteren Fabrizio, der 2001 und 2006 die rot-weiße Fahne auf der ESC-Bühne schwenken durfte, kann jetzt zeigen, dass sie es besser kann. Sie besingt die Liebe, die Atemlosigkeit (manchmal singt sie allerdings auch „Breadlessly“ – Brotlosigkeit?), die sie erzeugen kann und die Fußspuren, die sie im Herzen hinterlassen wird, was immer das bedeuten mag.

5. Rumänien: Ilina ft. Alex FloreaYodel It!
Der absolute Gute-Laune-Hit in diesem Jahr. Jodel dich frei und glücklich. Warum dann aber zwei Kanonen auf die Bühne müssen und das in der Ukraine, verstehen wir nicht wirklich, aber wir haben erfahren, dass damit eine Explosion der Gefühle zum Ausdruck gebracht werden soll. Und als es in der Probe zu einer technischen Panne kam, formulierte der Regisseur der gesamten ESC-Show: „Jodeln ohne In-Ears geht nicht, das sagt uns ja schon eine altbekannte österreichische Weise.“

6. Niederlande: OG3NE Lights and Shadows
Ein Lied für die krebskranke Mutter und ein Lied über das Begleiten der Mutter durch Licht und Schatten. Die drei Schwestern Amy (21), Lisa (22) und Shelley (21), die vor zehn Jahren am „Junior Eurovision“ teilgenommen haben, sind absolut stimmsicher und die Harmonien ihres Songs nehmen gefangen. Allenfalls die Glitzerkostüme erinnern an das Trio „The Toppers“ aus dem Jahre 2009. Anders als damals ist jedoch der Finaleinzug für die holländische Neuauflage von Atomic Kitten aber sicher.  

OG3NE

7. Ungarn: Joci Pápai - Origo
Bei der ungarischen Vorentscheidung gewann Joci Pápai mit diesem von ihm selbst geschriebenen Song. Für ihn bedeutet das ESC-Motto „Celebrate Diversity“ als Vertreter einer Minderheit, die ohne Heimatland ist, sehr viel. Das Lied, das neben Anklängen aus der Roma-Kultur auch einen Rap-Part hat, verkörpert Joci von Kopf bis Fuß. Kraftvoll, eingängig und bewegend – wir wünschen uns diesen Beitrag ins Finale. 

Joci Pápai

8. Dänemark: AnjaWhere I Am
Die Voice of Australia 2014 und Doppelstaatsbürgerin Anja tritt für Dänemark an. Und ja, Anja trifft regelmäßig Töne und das auch kraftvoll und bestimmt. Aber das Lied selbst ist eine absolut langweilige, sich immer weiter steigernde Schreiballade. In der Halle sind wir uns nicht sicher: Was ist schlimmer? Ihre zum Ausdruck gebrachten Schmerzen oder unsere beim Hören erlittenen?

9. Irland: Brendan Murray Dying to Try
In diesem Jahr kommt der irische Titel vermeintlich aus der Kinderabteilung. Doch der in den Proben völlig überschminkte Sänger ist bereits 20 Jahre alt. Bedeutungsschwanger schwermütig und melancholisch aufwallend besingt der junge Mann die Mühen, die er für ein lohnendes Ziel bereit ist auf sich zu nehmen. Dafür will er auch mit dem Ballon weit weg fahren. Nur: Warum hebt der Ballon dann nicht ab?! Trotz Schwiegersohn-Bonus ist der Finaleinzug unwahrscheinlich.

10. San Marino: Valentina Monetta & Jimmie Wilson Spirit Of The Night
Dreimal dabei und kann nicht wiedergewählt werden: Das gilt nicht für Valentina Monetta, die zum vierten Mal San Marino vertritt, wieder mit einem Lied von Ralph Siegel, für den es sich um den 25. Contest handelt. Eine Mischung aus – so die Eigenwerbung – „Disco, 80er Jahre, Jazz, Soul, Pop, die Energie, Leidenschaft, Party und Liebe vermitteln soll.“ Na ja…

11. Kroatien: Jacques Houdek My Friend
In den drei Minuten des kroatischen Beitrages kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Jacques Houdek wechselt nahezu mühelos vom klassischen zum Popgenre, von Italienisch zu Englisch und alle Töne sitzen perfekt. Da bei solchen Wechseln kein geschmeidiger Song entstehen kann, wird ein Spiel mit der Kamera und dem originellen Januskörper-Kostüm geboten, das den Anschein geben soll, es würden Zwillinge singen. Doch Jacques Houdek ist einmalig. Werden das die Zuschauenden auch so sehen?

12. Norwegen: JOWST Grab the Moment
Der modernste Song des Jahrgangs von sympathischen Music-Nerds, deren einziges Ziel es ist, ihre Musik zu teilen und die simple Botschaft zu verbreiten, den richtigen Moment auch wirklich zu ergreifen und zu genießen – ein klarer Favorit für uns! Als Hallenlied funktioniert es perfekt, ob es auch vor den Bildschirmen wirkt, wird der Donnerstagabend zeigen. 

 JOWST

13. Schweiz: TimebelleApollo
I follow you, Apollo – ein brauchbares Lied aus der Schweiz auf einem vernünftigen Startplatz – der Finaleinzug schien in greifbarer Nähe. Doch dann die absolute Katastrophe: Eine pink-gelbe Bühnenshow, die nicht nachvollziehbar ist: Warum muss jemand, der Apollo folgt, eine Showtreppe in einem gelben Kleid mit langer Schleppe hinabsteigen?  Und dann bleibt die Sängerin Miruna plötzlich am Flügel und dann am Bühnenrand stehen. Warum sie das tut, bleibt uns jedenfalls unklar.

14. Belarus: Naviband Historiyja majko zyccia
Bei Startnummer 14 folgt erst der zweite Beitrag in Landessprache. Voller Energie und Lebensfreude singt das Duo Naviband ganz in Weiß und in einem Propellerboot sitzend von der Geschichte des Lebens, die sich ändert, wenn man den Partner für eben dieses gefunden hat. Hej, Hej, hejjajajaho. Einfach mitsingen!

15. Bulgarien: Kristian Kostov Beautiful Mess
Eine Liebe, die beide Partner in ein Chaos führt, aber an der dennoch festgehalten werden soll – darum geht es im bulgarischen Lied. Kristian Kostov ist mit seinen gerade mal 17 Jahren der erste Künstler auf der ESC-Bühne, der in diesem Jahrtausend geboren wurde. Aber so schön das Lied auch ist, kann Kristian gar keine eigenen Erlebnisse widerspiegeln, sondern er singt und agiert so, wie es ihm eingetrichtert wurde. Damit fehlt dem Ganzen leider die Seele. Aber alles in allem ist es ein qualitativ überaus gelungenes „Mach“-Werk, das dank der Handystimmen der ganz jungen Zuschauerinnen sehr weit oben landen wird.

16. Litauen: Fusedmarc Rain of Revolution
Dieses litauische Lied, das davon handelt, wie sinnvoll es sein kann auch mal abzuwarten, wenn man ein Ziel erreichen will, spricht uns nicht an. Wir erkennen keine eingängige Melodie, wir erkennen keine musikalische Innovation und empfehlen, eine Zwischenbilanz der Wertungen vorzunehmen.

17. Estland: Koit Toome & Laura Verona
Modern Talking lebt! Sie heißen zwar jetzt Laura und Koit und singen über Verona, aber sonst entführt uns der estnische Beitrag zurück in schlimme Epochen der deutschen Musikgeschichte. Doch wir gönnen den ESC-Teilnehmern aus den Jahren 1998 (Koit) und 2005 (Laura) von Herzen die zweite Teilnahme, genießen die Fahrt mit der Ballhaus-Kamera und sind sicher, dass es noch eine Menge Menschen gibt, die solche Musik sehr, sehr mögen. Celebrate Diversity!

18. Israel: IMRI I Feel Alive  
Der Aufstieg vom Backing zum Leadsänger: IMRI war in den letzten beiden Jahren Backing-Vocal für Israel. Jetzt darf er die Nummer eins sein. Schön anzusehen, der junge Mann mit seinen Tänzern und Backings. Ob muskulöse Oberarme und ein umwerfendes Lächeln die stimmlichen Defizite der Proben jedoch wettzumachen vermögen, müssen wir stark bezweifeln.

 

Unser Tipp

Sicher im Finale: Norwegen, Bulgarien, Estland, Ungarn, Rumänien und die Niederlande.

Unberechenbar wird es bei Irland, Kroatien, Weißrussland und Israel, doch wir müssen uns ja festlegen. Doch wie wird der Balkan mit seinen Nachbarländern abschneiden – reicht es etwa noch für Serbien? Oder besinnen sich die Schweiz und Deutschland ihrer guten Nachbarschaft zu Österreich und stimmen für den sympathischen Tiroler Nathan?

 

Sendetermin

Zu sehen am Donnerstag, 11. Mai um 21 Uhr – gut versteckt auf dem neuen ARD-Sender ONE, im Livestream auf eurovision.de oder im Originalton im Livestream auf eurovision.tv (Termine).

 

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