Kommentar

Russland vermiest der Ukraine den Eurovision Song Contest

Schmidtner & Schulte05. April 2017
Zerreißprobe für den Eurovision Song Contest: Vor der Show in Kiew ist der Wettbewerb in den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland geraten. Schuld daran sind der Veranstalter und das kalkulierte Vorgehen Moskaus. Ein Kommentar.

Wer gewinnt den Eurovision Song Contest? Die Antwort auf diese Frage steht in diesem Jahr im Hintergrund. Der ESC macht stattdessen Schlagzeilen, weil er in den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine geraten ist. Im Mittelpunkt: Die Sängerin Julia Samoilowa, die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzt und für Russland das Lied Flame is Burning singen wollte.

Teilnehmerin kurz vor Meldeschluss präsentiert

Seit der russischen Annexion der Krim befinden sich die Beziehungen beider Länder auf einem Tiefpunkt. Dies macht auch vor dem ESC nicht Halt. So gewann die Ukraine im vergangenen Jahr den Wettbewerb mit einem Lied, das von vielen als bewusster Affront gegen Russland empfunden wurde. Lange war gerätselt worden, wie Moskau darauf reagiert und ob es in diesem Jahr überhaupt an dem Wettbewerb im Nachbarstaat teilnimmt.

Im März wurde bekannt, dass die russische Delegation in Kiew weder Hotels reserviert noch an Vorgesprächen teilgenommen hatte. Kurz vor dem Meldeschluss präsentierte Russland dann eine Teilnehmerin: die an einer Rückenmarkserkrankung leidende Julia Samoilowa. Doch die Künstlerin war 2015 von Russland aus auf die annektierte Krim gereist, was laut ukrainischem Gesetz illegal ist. Die Ukraine verhängte ein Einreiseverbot gegen sie.

Der Konflikt war absehbar

Ende März schrieb EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre einen später geleakten Brief an den Ministerpräsidenten der Ukraine, in dem sie ihn unmissverständlich aufforderte, das Einreiseverbot außer Kraft zu setzen. Ansonsten drohe dem Land ein Ausschluss von künftigen ESCs. Die EBU ergriff somit eindeutig Partei für die russische Position. Ihr Ansinnen wurde vom ukrainischen Präsidenten zurückgewiesen.

Die Situation dürfte schwer zu lösen sein. Allerdings kommt der Streit nicht überraschend. So sehr die EBU den unpolitischen Charakter der Veranstaltung betont, so sehr wird der Wettbewerb von den Ländern als Wettstreit inszeniert. Dies ist beispielsweise an den Länderflaggen im Erscheinungsbild der Show zu erkennen. Das politische Geschehen wird den Contest immer beeinflussen. Indem die EBU sich weigert, dies zu akzeptieren, wirkt sie an der Entstehung von Problemen mit. Oft genug schon wurde gefordert, diese Diskrepanz zwischen Statut und Wirklichkeit anzugehen – etwa mit dem Ausschluss von Ländern, die gegen Menschenrechte verstoßen.

Eildiplomatie kommt zu spät

Der Schaden für den Eurovision Song Contest, der im vergangenen Jahr immerhin mit der Aachener Karlsmedaille für Medien geehrt wurde, ist immens. So sehr der völkerverständigende Aspekt der Veranstaltung für ihren Erfolg in den vergangenen sechs Jahrzehnten sorgte, so absehbar war die diesjährige Entwicklung.

Im Fall der Ukraine hätten Lösungen früher gefunden werden müssen, spätestens als das Land im vergangenen September bekräftige, dass es auch gegen ESC-Künstler ein Einreiseverbot verhängen werde, sollten sie über Russland auf die Krim reisen. Die EBU hätte die Veranstaltung daraufhin verlegen oder aber Druck auf Russland ausüben müssen, die Gesetze des Gastgeberlandes nicht zu missachten. Die hastige Diplomatie zuletzt kommt zu spät.

Eine kalkulierte Provokation

Dass Russland anscheinend nie vorhatte, am Song Contest teilzunehmen, zeigen sowohl fehlende Hotelreservierungen als auch das Fernbleiben von verbindlichen Terminen. Einige Kommentatoren weisen außerdem auf die schlechte Qualität des russischen Songs hin und sehen darin eine kalkulierte Provokation. Russland könne sich somit als Opfer inszenieren und 2018 mit derselben Sängerin und einem besseren Lied wieder das Siegertreppchen angehen.

Tatsächlich sind wir fassungslos angesichts der kalkulierten Vorgehensweise Russlands, die mit dem Brief der EBU-Chefin auch noch einen Ritterschlag erhält. Russland hat der Ukraine den ESC nicht gegönnt und wollte nie an dem Wettbewerb teilnehmen. Nun inszeniert es sich, sanktioniert durch die EBU, als Opfer sowie als Kämpfer für Integration und Vielfalt. Welch ein Hohn! Ein Paradebeispiel in Sachen Propaganda und Diskreditierung des politischen Gegners!

Abschied von alten Gepflogenheiten

Die Ukraine macht allerdings auch keine gute Figur. Will man sich während eines Konflikts mit einem anderen Land als Gastgeber eines völkerverständigenden TV-Events profilieren, muss man eben auch Kröten schlucken, werden viele sagen und nennen den Einreisebann „kindisch“. Doch steht uns ein solches Urteil über ein Land zu, dem völkerrechtlich ein Teil seines Staatsgebiets geraubt wurde? Erinnern wir uns an die Empfindlichkeiten, mit denen wir zu Zeiten der beiden deutschen Staaten lebten, beispielsweise hinsichtlich der Sprachregelungen (BRD, DDR, Hauptstadt). Hätte damals eine Seite etwas von ihrer Deutungshoheit zugunsten einer Fernsehshow aufgegeben? Sicher nicht.

Und damit sind wir wieder bei der EBU, die im Gesamtbild das erbärmlichste Bild abgibt. Sie muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, russische Interessen zu vertreten. Mit diesem Eindruck tut sie weder sich selbst noch der ohnehin mangelnden Akzeptanz Russlands innerhalb der ESC-Gemeinschaft einen Gefallen. Würde EBU-Generaldirektorin Deltenre im Sommer nicht ohnehin ihr Amt abgeben, wäre sie wohl nicht mehr haltbar.

Auch wenn vieles offenbleibt: In den nächsten Jahren wird sich der ESC verändern. Vermutlich wird die EBU zuerst die Gepflogenheit abschaffen, dem Siegerland die Ausrichtung des nächsten Wettbewerbs zuzugestehen. Doch ob der ESC dadurch besser wird? Oder sind die politischen Scharmützel inzwischen zu einem Bestandteil des Contests geworden, das wir klammheimlich genießen?

 

Video des vermutlich nicht zur Aufführung gelangenden russischen Beitrags

 

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Kommentare

Lachhaft

Die Ukraine verstößt gegen ihre eigenen Gesetzte. Nachdem ich den Videoblog von Anatolij Sharij zu diesem Thema gesehen habe, lache ich nur über solche Kommentare. Während Samoilova behandelt wird wie eine Aussätzige, weil sie auf der Krim war, werden andere Künstler, die nicht in den Medien projeziert werden aber auch Auftritte auf der Krim hatten einfach durchgelassen (Comedy Woman welche in Kiew aufgetreten sind). Selbst, dass sie Loblieder auf Putin sangen(auf der Krim; in Kiew natürlich nicht), behinderte sie nicht bei dem Auftritt in Kiew. Anhand dieses Beispiels kann man doch genau sehen, welches Land nach dem größten Mitleid strebt. Ein Wort reicht auch: Lachhaft.

Wer ist hier der Miesepeter?

Wenn ich die Überschrift des Artikels lese, kommt mir automatisch der Begriff "Lügenpresse" in den Sinn. Denn für mich umfasst dieser Begriff in erster Linie keine Fake-News, sondern steht für eine tendenziöse Berichterstattung.

Wenn die Überschrift allein Russland als Schuldigen brandmarkt, ist das in meinen Augen ein klassische Beispiel für den schlechten Ruf der Leitmedien.