Rassismus

Rassismus in der Kommunalpolitik: Es ist nicht so gemeint

Tatiana Muñoz12. Juni 2020
Als Tatiana Muñoz beschloss, in die Politik zu gehen, begegnete ihr Ablehnung aufgrund ihrer Herkunft, aber auch Äußerungen, die „nicht so gemeint“ waren. Sie fordert, Rassismus klar zu benennen. Nur so könne eine bessere Gesellschaft entstehen.

Ich kann mich noch an das Gespräch mit meinem Mann Laurin erinnern. Es war im November 2018, draußen war es kalt und dunkel und ich kam aus einer unsere örtlichen Weinstuben. Kurz zuvor saß ich dort mit Klaus an einem der gemütlichen Tische, als er mit einer Überraschung um die Ecke kam. Klaus, der im Vorstand des SPD-Ortsvereins saß, hatte mich an diesem Abend zu einem Austausch über Klimaschutz und Nachhaltigkeit eingeladen, so dachte ich. Denn im Laufe des Abends rückte er mit einer Frage heraus, mit der Frage, deren Konsequenz seitdem nun mein Leben maßgeblich bestimmt: Willst du als Ortsvorsteherin für Hechtsheim kandidieren?

Meiner Herkunft als Schwachpunkt

Weder ich noch Laurin hatten bis zu diesem Tag etwas mit konkreter Parteiarbeit zu tun gehabt, auch wenn wir seit einigen Jahren SPD-Mitglieder waren. Wir hatten schon sehr lange oft und ausführlich darüber diskutiert, wie politische Arbeit besser gemacht werden kann und nun hatte ich die Chance es auch zu tun, also tat ich es. Beim Frühstück und Abendessen und zwischendurch drehten sich unsere Gespräche um das, was uns erwarten würde, sollte ich mich für eine Kandidatur entscheiden.

Wir analysierten, was als Schwachpunkte gesehen werden würden. Meine geringe Erfahrung in der Politik, meine nicht-vorhandene Bekanntschaft hier im Ort, nicht so tiefe Kenntnisse der Lokalpolitik in Hechtsheim. Wir wussten auch, wie wir diese vermeintlichen Schwächen entweder zu Stärken oder durch andere Qualifikationen wett machen könnten. Womit wir nicht gerechnet hatten war die Heftigkeit der Reaktionen aufgrund meiner Herkunft und meines nicht-weißen Aussehens. Das hat mich kalt erwischt und kostet mich seither viel Kraft. Denn hier geht es darum, anders als bei den anderen „Schwächen“, dass ich an dieser Tatsache nichts ändern kann. Nicht, dass ich es wollen würde.   

Habt keine Angst vor dem Wort „Rassismus“!

Das „Indianer-Meedsche“, hat wohl irgendwann irgendwer über mich gesagt in einer der zahlreichen Stammtische und Gespräche im Ort. Es war witzig gemeint, viele haben gelacht, denn hier kriegt jede*r irgendwann einen Spitznamen. Ja, ich weiß. Es ist nicht so gemeint. „Es ist nicht so gemeint“ ist ein Satz, der mir oft begegnet. Ich habe vor allem in den ersten Monaten als Ortsvorsteherin in allen Formen und Farben gesagt bekommen „Du gehörst nicht dazu“ und alles war „nicht so gemeint, du weiß ja, was ich meine, oder?“.

Nennen wir es beim Namen: Es ist Rassismus, mal unterschwellig, mal ganz offen, meistens ungewollt und unbedacht. Wir Deutschen wollen mit aller Kraft so unbedingt nicht rassistisch sein, dass wir heftig reagieren sobald dieses Wort fällt. Rassistisch sein ist hier eine so heftige und vor allem tief-persönliche Beleidigung, dass jede weitere fruchtbare und sachliche Diskussion nicht mehr möglich ist. Rassismus wird gleichgesetzt mit dem absolut durch und durch Bösen. Wer sich also selbst für einen guten Menschen hält, kann ja keine rassistischen Gedanken haben, oder? Und genau das ist unser Problem.

Bleibt ruhig und hört zu!

Das Wort (nur das Wort) „Rassismus“ muss seinen Schrecken verlieren, seinen beleidigenden Charakter. Weiße Menschen brauchen die Offenheit, darauf aufmerksam gemacht werden zu können, dass sie rassistische Dinge tun oder sagen, ohne dass sie direkt Schnappatmung bekommen. Denn Rassismus ist tief eingeprägt in unserer westlichen Kultur, Deutschland war ein kolonialistisches Land, noch immer funktioniert ein Großteil unser Wirtschaftssystem auf Kosten nicht-weißer Menschen und dies ist für alle übrigens selbstverständlich. Alle Menschen – egal welcher Herkunft und Hautfarbe – sind mit Stereotypen aufgewachsen und sozialisiert worden. Mit anderen Worten: Das Thema ist so komplex und eingewebt in dieser Kultur, dass weiße Menschen Rassismus oft gar nicht erkennen können. Bei dieser Komplexität ist es vollkommen okay, verunsichert zu sein und nach und nach strukturellen und (den eigenen) latenten Rassismus aufzudecken, Fehler zu machen und zu verbessern. Ehrlich zu sich selbst zu sein.

Wenn es also wirklich ernst ist mit den Demos, den Hashtags und den schwarzen Social-Media-Profilen, wenn es um ehrliche Solidarität mit uns Nicht-Weißen, Schwarzen – zusammenfassend die sehr passende englische Abkürzung BIPoCs  (Black, Indigenous and People /Person of Color) – geht, dann akzeptiert, bleibt ruhig und hört zu, wenn ein BIPoC sagt: Was du sagst, ist rassistisch. Das ist nicht als persönliche Beleidigung gemeint, sondern als Hinweis, dass dies verletzt und als Einladung, es besser zu machen. Nur wenn wir offen kommunizieren und das Kind beim Namen nennen, können wir eine bessere Gesellschaft schaffen.

Wenn also nächstes Mal ein BIPoCs sagt, es sei etwas rassistisch, bitte nicht direkt persönlich beleidigt sein. Das ist nämlich nicht so gemeint.

 

Tipps zum Weiterlesen:

Deutschland Funk Kultur: Aus der Dlf Audiothek | Im Gespräch | Dekolonisiert euch – Wie wir unser Denken befreien können

Alice Hasters: Was weiße Menschen wissen nicht über Rassismus hören wollen

Kübra Gümüsay: Sprache und Sein

Die aktuelle Lage der Nation

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Kommentare

als regelmäßiger

Blutspender drängt sich mir der Eindruck auf, dass auch dort ausgegrenzt wird, wer nicht deutschdeutscher ist- um es mal vorsichtig auszudrücken- oder liegt es am Roten Kreuz?