Blog Feminismus ins Netz gegangen

Quoten-Quälerei

Julia Korbik27. November 2014
Natürlich macht es keinen Spaß, für die Frauenquote zu sein. Aber es ist notwendig.

Um ehrlich zu sein: Bis vor zwei, drei Jahren fand ich die Quote nicht so richtig super. Was vor allem daran lag, dass ich mir einbildete, sie hätte nichts mit mir zu tun: Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten, das schien doch sehr weit weg, ich hatte ja gerade mal mein Studium abgeschlossen. „Wer will schon die Quotenfrau sein?“ dachte ich und konnte kaum mehr als ein mildes Interesse am Thema aufbringen.

Bis ich Anfang 2012 von der Initiative „Pro Quote“ hörte, die sich für eine Quote im Bereich der Medien einsetzt: Über 30 Prozent der Führungspositionen auf allen Hierarchiestufen in den Redaktionen sollen mit Frauen besetzt werden. Als Journalistin in einer kleinen, rein männlichen Redaktion, konnte ich nun nicht länger so tun, als ginge mich das Thema Quote nichts an. Und merkte schnell: Super finde ich die Quote zwar immer noch nicht – aber wenn die Alternative Abwarten ist, dann nö, danke. Hätte diese Methode irgendwas gebracht, würden wir heute nicht mehr über Quoten diskutieren, weder für Medien, noch für Aufsichtsräte.

Qualität setzt sich nicht immer durch

Das sah ein Bekannter von mir ganz anders. Er erklärte mir, das Problem würde sich eines Tages von selbst lösen, schließlich gäbe es jede Menge qualifizierter Frauen. Als ich darauf hinwies, dass sich aber bisher von alleine nichts getan hätte, sagte er: „Frauen sind eben oft nicht qualifiziert genug.“ Ja, was denn nun?

Von Freundinnen höre ich oft, sie wollen es selbst schaffen und nicht mithilfe einer Quote. Absolut verständlich, geht mir genauso. Allerdings setzt sich Qualität leider nicht immer durch, vieles hängt von Beziehungen ab. Man könnte von einem sich selbst reproduzierenden System sprechen: Geht es um Personalentscheidungen, greifen Männer oft auf ihre zumeist männlichen Netzwerke zurück. Was im Umkehrschluss bedeutet, Männer kriegen so manch einen Job nur, weil sie Männer sind – es gibt also de facto eine Männerquote. Hinzu kommt, dass Männer eher nach Potenzial befördert werden, Frauen hingegen nach erbrachter Leistung. Man ahnt: Ohne Quote wird es schwierig, an dieser oftmals tief in den Unternehmen verankerten Kultur etwas zu ändern. Wer Macht hat, gibt sie nicht freiwillig ab.

Signalwirkung nicht unterschätzen

„Aber was haben denn junge Frauen von der Quote in Aufsichtsräten?“ wurde ich letztens in einem Interview gefragt. Ganz ehrlich: Erstmal nichts. Die meisten jungen Frauen sind mit den kleinen und großen Kämpfen im beruflichen Alltag ausgelastet und ein paar weiblich besetzte Top-Positionen interessieren sie herzlich wenig. Allerdings sollte man die Signalwirkung dieser Besetzung nicht unterschätzen: Sollen Frauen in Führungspositionen – ob im Aufsichtsrat oder auf dem Stuhl der Chefredakteurin – zum Normalfall werden, geht das nur über Sichtbarkeit und Repräsentation. Ich stelle mir das Ganze ein bisschen so vor wie in den USA, wo eine Generation junger Menschen mit einem afro-amerikanischen Präsidenten aufwächst und das als normal empfindet. Weil sie es nicht anders kennt.

Im Prinzip finde ich es zum Verweifeln, dass ich für die Quote bin – bzw. sein muss. Mir wäre es lieber, wir bräuchten keine. Aber ich bin das Warten auf Veränderungen, die von alleine passieren, leid. Schön, dass diese Erkenntnis nun auch in der Politik angekommen ist.

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Kommentare

Halte diese Quote für den falschen Weg

Selbstverständlich ist es mehr als berechigt, dass Frauen endlich im Berufsleben gleich berechtigt werden sollen.

Nur die die jetzt in Kraft tretende Frauenquote hilft ja nicht den ganz großen Teil der Frauen in unserer Gesellschaft, sondern nur einer winzig kleinen Gruppe.

Darüber hinaus begünstigt sie auch noch Frauen die in aller Regel nicht die Nachteile haben, mit denen der Großteil ihrer Geschlechtsgenossinnen kämpfen müssen.

Denn Frauen aus dem mittleren Management, die in den Aufsichtsrat drängen kommen oft aus sozial und meist auch finanziell gut situierten Elternhaus, sie haben auch in aller Regel nicht die Nachteile die durch Kindererziehung entstehen; entweder weil sie keine Kinder haben, mit einem Partner zusammen sind, der ihnen tatsächlich bei der Kindererziehung hilft oder es verstehen die staatlichen Angebote von Kitas etc. auch in Anspruch zu nehmen.

Für all die vielen Tausend Frauen, die weniger Lohn als Männer erhalten, nur weil sie wegen der Kindererziehung eine Weile daheim waren oder sich einfach vom Chef "über den Tisch ziehen lassen", weil es leider üble Sitte in dieser Gesellschaft ist bei verhandelbaren Gehalt Frauen weniger zu zahlen oder die Frauen, die zeitweise aus dem Berufsleben ausgeschieden waren weil sie Angehörige betreuten; für sie hätte sich die SPD einsetzen müssen.

Bei Karrierefrauen die genau in der gleichen Position sind wie Männer ist dies nicht angebracht. Bei ihnen ist es nicht zuviel verlangt wenn man dies ebenfalls durch Mehrleistung und Durchsetzungsvermögen im Arbeitsleben verlangt.

Verfassungswidrige Frauenquote

Ich finde es beschämend, mit welcher "Argumentation" hier gearbeitet wird:

"Qualität setzt sich nicht immer durch" soll suggerieren, dass Frauen per Geburt - also ein patriarchal-tradiertes, biologistisches Argument - Qualität bringen würden?!

Diese Behauptung soll dann weiter suggerieren, dass Männer kein Garant für Qualität wären. Männer würden geringwertigere Qualität bringen, sie sind also nicht so wertvoll, wie Frauen.

Dabei hatten die Väter des Grundgesetzes - um die leidlichen Erfahrungen während des Nationalsozialismus zu vermeiden - versucht, durch die gewählten Formulierungen, jegliche Überhöhung einer Gruppe über eine andere zu vermeiden.

So kam Art. 3 GG zustande: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", heißt es im Grundgesetz.

Nun soll es heissen, dass Frauen die besseren Menschen wären, die man bevorzugen sollte?

Und dann noch so scheinheilig tun, als ob man keine Parallelen sehen könnte?