1968

Was Politiker heute aus dem Dutschke-Attentat lernen können

Christian Wolff11. April 2018
Nach dem rechtsradikalen Attentat auf Rudi Dutschke 1968 hielt der Gustav Heinemann eine bewegende Rede. 50 Jahre später sollten sich Politiker daran ein Beispiel nehmen.

Es geschah vor 50 Jahren: Am 11. April 1968 wurde in Berlin einer der prägenden Figuren der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, von dem Neonazi Josef Bachmann durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt. Dieses Attentat und die darauf folgenden, teilweise gewalttätigen Demonstrationen veranlassten den damaligen Bundesjustizminister und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann zu einer außergewöhnliche Fernsehansprache. Damit gelang es dem überzeugten Christen und Sozialdemokraten, die explosive Stimmung in Westdeutschland zu befrieden.

Die Rede zeigt eindrucksvoll, wie Politiker dazu in der Lage sein können, sich feindlich gegenüberstehende Bevölkerungsgruppen anzusprechen – und gleichzeitig die eigene politische Überzeugung zu vermitteln. Darum hier Auszüge der Ansprache:

Verehrte Mitbürger! Diese Tage erschütternder Vorgänge und gesteigerter Unruhe rufen uns alle zu einer Besinnung. Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter und Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere auf ihn zurückweisen. [...] Sowohl der Attentäter, der Rudi Dutschke nach dem Leben trachtete, als auch die elftausend Studenten, die sich an den Demonstrationen vor den Zeitungshäusern beteiligten, sind junge Menschen. Heißt das nicht, dass wir Älteren den Kontakt mit Teilen der Jugend verloren haben oder ihnen unglaubwürdig wurden? Heißt das nicht, dass wir Kritik ernst nehmen müssen, auch wenn sie aus der jungen Generation laut wird?

Das Grundgesetz als Angebot

Besserungen hier und an anderen Stellen können nur dann gelingen, wenn jetzt von keiner Seite neue Erregung hinzugetragen wird. [...] Nichts ist jetzt so sehr geboten, wie Selbstbeherrschung – auch an den Stammtischen oder wo immer sonst dieser Tage diskutiert wird.

Das Kleid unserer Freiheit sind die Gesetze, die wir uns selber gegeben haben. [...] Unser Grundgesetz ist ein großes Angebot. Zum ersten Mal in unserer Geschichte will es in einem freiheitlich-demokratischen und sozialen Rechtsstaat der Würde des Menschen volle Geltung verschaffen. In ihm ist Platz für eine Vielfalt der Meinungen, die es in offener Diskussion zu klären gilt. Uns in diesem Grundsatz zusammenzufinden und seine Aussagen als Lebensform zu verwirklichen, ist die gemeinsame Aufgabe. Die Bewegtheit dieser Tage darf nicht ohne guten Gewinn bleiben.

Auseinandersetzungen als Gewinn für alle

Eine solche Rede eines führenden Politikers hätte man sich in den vergangenen drei Jahren gewünscht – zum Beispiel nach den Terroranschlägen im Juli 2016: der Angriff eines Islamisten in der Regionalbahn in Würzburg, das Massaker eines rechtsradikal eingestellten Jugendlichen in München, der Sprengstoffanschlag eines Islamisten in Ansbach. Eine Rede, die auf Verfeindungsrhetorik und Ausgrenzungen verzichtet, die eigene Verantwortung für gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen nicht verschweigt und die vor allem das herausstellt, worauf sich alle Bürgerinnen und Bürger verständigen können: die Grundwerte unserer Verfassung. Heinemann betont nicht, wer und was zur Gesellschaft gehört oder nicht. Dafür stellt er die Würde des Menschen in den Mittelpunkt – nicht die des Deutschen. 

Diese Tonlage ist leider allzu vielen Politikern abhanden gekommen. Doch auch nach 50 Jahren lässt sich von ihr lernen, wie in einer aufgeheizten gesellschaftspolitischen Situation mit Konflikten umgegangen und das in den Mittelpunkt gestellt werden kann, was für ein friedliches Zusammenleben unabdingbar ist: die Vielfalt der Meinungen und der Lebensweisen, die im strittigen Diskurs der Klärung bedürfen, ohne die Menschenwürde zu verletzen. Vor allem aber sollten wir uns ein Beispiel am letzten Satz der Heinemann-Rede nehmen: die gesellschaftliche Auseinandersetzung so zu führen, dass daraus ein Gewinn für alle erwächst. In diesem Sinn sollten wir alles dafür tun, dass der notwendige Streit, die heißen Debatten, die Klarheit der Positionen dazu führen, dass wir uns gemeinsam die Demokratie und ihre Möglichkeiten neu aneignen – genauso, wie dies ab 1968 trotz aller Fehlentwicklungen der Fall war. Unser Grundgesetz ist ein großes Angebot – nehmen wir es an.

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Kommentare

das gerade Sie sich des Themas annehmen, Herr Wolff

das Attentat auf Dutschke ist von der aufgepeitschten Stimmung durch die herrschende Presse nicht zu trennen.
Presseschelte, wie sie sich jetzt gegen Tellkamp und Konsorten richtet. Hoffen wir alle, dass sich diesmal nicht erneut ein Durchgeknallter Spinner findet, der sich der im Visier stehenden Person annimmt. Ich jedenfalls richte meine Gebete entsprechend aus. Sie auch, Herr Wolff?

SPD = Steigbügelhalter für Ausgrenzer

Sicher eine bemerkenwerte Rede. Wir sollten aber daraus nicht den Schluss ziehen, alle diejenigen die den Geist unserer Verfassung mit Füßen treten nicht klar zu entlarven und sollten ihnen die Grundlage für regierungspolitisches Handeln mit demokratischen Mitteln entziehen.
Die SPD-Vorderen haben einem "Bundesausgrenzungsminister" Seehofer und Orban-Unterstützer den Weg geebnet !
Was die Studentenbewegung betrifft: In einem überwiegend auf wirtschaftliche und technokratische Belange ausgerichteten Bildungssystem, dass mehr und mehr von Drittmitteln aus der Wirtschaft lebt und zusätzlich noch mehr und mehr gestrafft wird, bleibt für die Jugend und die Gelehrten kaum Platz mehr für demokratischen, politischen Diskurs ! Ein Umstand der die Demokratie gefährdet. Die Demokratie lebt nicht vom aalglatten einseitigen irrlichternden neoliberalen Mainstream sondern von der fairen politischen Auseinandersetzung im Alltag.. Dafür braucht sie Raum und Zeit !!!
Ein Initiative die es auch deswegen zu unterstützen lohnt, ist die aus SPD-Initiative entstandene, überparteiliche "Progressive soziale Plattform" die für ihr erstes Ziel 5.000 Untersschreiber benötigt !
https://www.plattform.pro/