Arbeitswelt

Ohne Hamsterrad: Warum wir solide Arbeit mehr wertschätzen sollten

Oliver Czulo16. November 2021
Erwerbsarbeit zwischen ständigem Leistungsdruck und großer Sinnsuche: Gibt es da nicht noch einen anderen Weg? Wenn solide Arbeit wieder mehr wertgeschätzt würde, gäbe es weniger Druck auf der Suche nach dem richtigen Job und im Arbeitsalltag.

Das Wort „Leistung“ ist ein sehr vielseitiges: Wir wollen Lebensleistungen wertschätzen, sollen etwas leisten und können uns, nachdem wir etwas geleistet haben, mal so richtig was leisten. Leistung im engeren Sinne von „Leistung erbringen“ ist ein Konzept, das nicht nur auf die Welt der Erwerbsarbeit ausstrahlt, sondern inzwischen derart dominant ist, dass es auch andere Lebensbereiche erfasst hat; im Blick steht in diesem Beitrag allerdings nur die Erwerbsarbeit. Leistung ist an sich nicht falsch, was aber kritisch beleuchtet werden soll, ist ein beinahe verabsolutiertes Leistungsnarrativ, das in dieser Form zerstörerische Wirkung entfalten kann.

Worin liegt dieses „Zerstörerische“ eines starken Leistungsnarrativs? Viel ist schon gesagt worden über Arbeitsverdichtung oder Erreichbarkeit auch außerhalb der Arbeitszeiten. Das aktuelle Leistungsnarrativ ist allerdings diffus bezüglich seiner Zwecke: Ist viel Geld verdient oder eingeworben, sind viele Stunden geleistet und wurde viel Papier beschrieben, mag man das als Leistung bezeichnen; die Frage nach dem Ergebnis ist damit allerdings noch lange nicht beantwortet. Möglicherweise deshalb beobachten wir wohl daher aktuell immer wieder die Sinnsuche gerade jüngerer Beschäftigter mit Blick auf ihre Erwerbsarbeit.

Im Job die Welt retten?

Diese Sinnsuche kann aber schnell zur Enttäuschung führen: Wenn es am Ende doch „nur“ für eine Stelle mit internen Routinetätigkeiten gereicht hat, kann dies vielleicht zu Schrammen im Selbstbild führen. Darüber hinaus könnte die Sinnsuche auch in einen neuen, unangenehmen Wettbewerb führen: Wer hat die sinnvollste Stelle? Wer hat heute schon mehr Menschen geholfen? Wer hat eben mal schnell die Welt gerettet? Es gibt schon genug Projekte wie die aktivistische Dokumentations- und Übersetzungsplattform „Mozilla Support“, die mit einem ironischen Augenzwinkern wirbt: „Rette die Welt vom bequemen Sofa aus“.

Mit dieser Kritik sollen auch die kleinen Bemühungen um mehr Sinn bei der Erwerbsarbeit nicht abgewertet werden: Schon wer sich am Arbeitsplatz zum Beispiel dafür einsetzt, Müll im Betrieb zu vermeiden oder ein gutes Arbeitsklima im eigenen Umfeld zu schaffen, verdient Anerkennung. Aber wenn die Sinnsuche darüber hinaus in der in der Erwerbsarbeit kaum einlösbar ist, was wollen wir dann von uns und von anderen verlangen?

Solide Arbeit

Neben der Ergebnisfrage ist ein Problem des aktuellen Leistungsnarrativs die Tendenz zum „Hamsterrad“: Wenn „Leistung erbringen“ vor allem bedeutet „ständig etwas zu tun“, gibt es nie so richtig ein Ende. Dabei kann die getätigte Arbeit bereits ein solides, zufriedenstellendes Ergebnis erbracht haben. Und darum sollte es uns meiner Ansicht nach prinzipiell gehen: solide Arbeit.

Dabei lässt sich nicht exakt festlegen, was genau solide Arbeit ist. Je nach Kontext, Möglichkeiten und Beteiligten wird dies sicher variieren, wird sie unterschiedlich ausgehandelt werden (müssen). Eine erbrachte oder fertiggestellte solide Arbeit sollte aber bei den Beteiligten eine gewisse Zufriedenheit hinterlassen, und nicht das Gefühl, „immer noch eine Schippe drauflegen zu müssen“. Ist etwas soweit „festgeklopft“, kann man das entsprechende „Werkzeug“ auch mal beiseitelegen und sich an den Früchten der Arbeit erfreuen. Labora et frui – arbeite und genieße.

Ist solide Arbeit ein leistungsfeindliches Konzept? Nein, denn solide Arbeit zu erbringen, ist ebenfalls eine Leistung. Hier zeigt sich wieder die Vielschichtigkeit des Leistungsbegriffs und die Frage, wie er verstanden werden soll: Wird die Leistung einer soliden Arbeit entsprechend wertgeschätzt, ergibt sich nicht der Zwang, durch immer neue Aufgaben sinnlose hektische Geschäftigkeit zu erzeugen und ständig nach weiterer Maximierung (wovon?) zu streben.

Damit dies gilt, muss natürlich von Beginn an mit einem solchen Narrativ verknüpft sein, dass es nicht von vorneherein unmöglich ist, Anforderungen an Solidität zu erreichen. Dies hindert wiederum niemanden daran, bei günstigen oder notwendigen Bedingungen mehr zu erbringen, als man üblicherweise erwarten würde.

Die andere Seite der Medaille?

Potenziell haben alle Konzepte zwei (oder mehr) Seiten, wobei man diese oft erst über die Zeit genauer kennenlernt. Was könnte die weniger erwünschte Seite des Narrativs der soliden Arbeit sein? Nun, Solidität, also Festigkeit, soll nicht mit Starre gleichgesetzt werden. Ein solides Werk kann bei Bedarf lange halten, das heißt aber nicht, dass damit die Überlegungen, wie man etwas vielleicht noch besser machen kann, ein für alle Mal enden. Ein Konzept ist nie eindimensional und steht nicht für sich allein: Solidität und Beweglichkeit können durchaus Hand in Hand gehen. Bewegung aber nur um der Bewegung Willen ist ebenso wenig wie Starre wünschenswert.

Das Formen und Abklopfen eines neuen Narrativs „solide Arbeit“ würde selbst zu einer längerfristigen Aufgabe. Vielleicht könnten wir aber irgendwann die Früchte eines solchen neuen Narrativs genießen und Erwerbsarbeit ohne Hamsterrad und ohne überzogene Maximierungsforderungen wieder mehr wertschätzen.

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Kommentare

Etwas weltfremd... Nur der Profit zählt heutzutage

Das vielfach vergewaltigte Wort "Respekt" müßte wieder mehr bedeuten, wollte man "Arbeit" überhaupt wertschätzen.

Das funktioniert aber bestenfalls im Handwerk oder vergleichbaren Situationen wo die (Zwischen)Vorgesetzten direkten Kontakt zum Mitarbeiter und seiner Arbeit haben sowie die Fachkompetenz, beide beurteilen zu können.

Schon die völlig absurde ISO9000 ff zeigt aber klar, das es hier erhebliche Defizite gibt, die die Einführung der zusätzlichen Kostenstelle "Zertifizierung" im Weltbild der Entscheider offenbar "nötig" machte.
Zwar können die Zertifizierer auch nur nach Aktenlage "bewerten", eine direkte Beurteilung der tatsächlichen Arbeit findet also auch hier nicht statt, aber immerhin kann ein Unternehmen dann eine Zertifizierung vorweisen - auch wenn die nichts mit der tatsächlichen Produktqualität zu tun haben kann.

Bleibt also quid pro quo und damit direkt erlebbare Wertschätzung wie die Lohngestaltung oder die Rentenhöhe. Das hier keine erkennbare "Wertschätzung" gewollt ist, sieht man deutlich. Im Falle Lohn weil ein angemessener Lohn die Profite schmälert, im Falle Rente weil die Regierung keinen Respekt vor den Bürgern hat.

Antwort auf: Etwas weltfremd... Nur der Profit zählt heutzutage

Danke für die Einschätzung, aber ich denke schon, dass man sich in eine Richtung wie von mir vorgeschlagen bewegen kann. Dazu gehört zB, dass man aufhört, an den Genie-, Superleister- oder Überflieger-Mythos zu glauben und diejenigen wertschätzt, die an verschiedenen Stellen die Kärrnerarbeit machen, wie etwa die Arbeitenden in der Pflege, der sog. "Mittelbau" in der Wissenschaft etc. Dazu gehört natürlich, dass das mit entsprechend Geld belohnt wird, aber auch eine bessere Selbst- wie Außenwertschätzung. In der Diskussion sind wir gesellschaftlich glaube ich bereits; jetzt gilt es aus meiner Sicht, die mit guten Konzepten zu unterfüttern.