Flüchtlingsschicksale

Wenn es mitten im Wahlkampf plötzlich still wird

Robert von Olberg15. Juni 2017
Wahlkampf ist oft schnell, bunt und laut. Für intensive Gespräche bleibt wenig Zeit. Das war vor kurzem anders als ich mich mit drei afghanischen Flüchtlingen und ihren Betreuern getroffen habe. Auf einmal wurde es ganz still.

Wahlkampfzeiten sind für Kandidierende ein einziger Termin-Marathon. Eine Veranstaltung jagt die nächste. Eben noch in der Schulaula mit den anderen Parteien um Stimmen der Jungwählerinnen und -wähler geworben, geht´s danach schon weiter zum Stand am Stadtteilmarkt, bevor dann das Gespräch mit dem Wohlfahrtsverband ansteht. Und am Abend klingt der Tag auch mal mit einer Filmvorführung im Kino und anschließendem Publikumsgespräch aus.

Keine Ruhe für längere Gespräche

Man spricht laufend mit Menschen, die man besser oder schlechter kennt, lernt neue Gesichter kennen, schüttelt Hände und tauscht Visitenkarten aus. Für ein längeres, intensives Gespräch bleibt nicht bei jeder Gelegenheit die Zeit und Ruhe.

Das findet auch die Ehrenamtliche, die sich in ihrem Stadtteil im Netzwerk für Geflüchtete engagiert. Wenige Tage nach einer Kinoveranstaltung meldet sie sich deshalb noch einmal bei unseren Landtagsabgeordneten und mir und bittet um ein Gespräch. Dazu wolle sie auch Geflüchtete mitbringen, um die sie sich kümmert und die uns ihre persönliche Geschichte erzählen wollten.

Schicksalsgeschichten bei Kaffee und Kuchen

Bis es mit dem Termin dann tatsächlich klappt, gehen ein paar Wochen ins Land. Doch dann sitzen wir da zu acht in unserem Parteibüro bei Wasser und Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, den einer der Geflüchteten mitgebracht hat. Mitgebracht hat die ehrenamtlich Engagierte auch einen weiteren Ehrenamtlichen aus ihrem Freiwilligennetzwerk und eben drei Geflüchtete, die gerade noch im Deutschkurs saßen und uns nun ihre Geschichten erzählen.

Das anfänglich fröhliche Plaudern über den mitgebrachten Kuchen, die vollen Busse in unserer Stadt und die Tücken der deutschen Sprache geht bald in einen ernsteren Tonfall über. Unseren beiden Landtagsabgeordneten und mir ist schnell klar, dass wir nun echte Schicksalsgeschichten hören werden. Von Gewalt und Angst, Flucht und Sorge um die Familie. Und so kommt es auch.

WhatsApp-Nachrichten aus der Heimat

Aus Afghanistan kommen die drei Geflüchteten. Einer von ihnen ist nur knapp den Kugeln von Angreifern auf einem Motorrad entkommen. Der Cousin des anderen wurde durch Tritte von Eindringlingen in das Haus seiner Familie schwer verletzt. Die Dritte hat mit ihren Äußerungen über die Rechte von Mädchen und Frauen so sehr den Zorn der religiösen Fundamentalisten auf sich gezogen, dass sie eines Tages ihren Friseursalon überfielen und verwüsteten. Nun sitzen die drei uns gegenüber.

Die drei sprechen sehr gut Deutsch angesichts der Tatsache, dass sie alle erst wenige Monate in Deutschland sind. Sie erzählen, wie sie bei jeder Nachricht über eine Bombenexplosion in Afghanistan über WhatsApp versuchen, Kontakt zu ihren in Afghanistan gebliebenen Familien aufzunehmen, um zu hören, ob es ihnen gut geht, dass sie nicht selbst verletzt wurden bei dem Anschlag. Und sie erzählen von ihren Plänen, die sie hier in Deutschland haben. Sie wollen eine Ausbildung machen, jobben als Servicekraft in einer Kneipe und lernen über Online-Kurse mit dem Smartphone Deutsch.

Politiker sollten Fluchtgeschichten kennen

Die Ehrenamtlichen, die sie begleiten, erzählen von den Verfahren bei den Ämtern, die über die Asylanträge und den Aufenthaltsstatus entscheiden. Konnte der Dolmetscher wirklich den richtigen Dialekt? Wieso geht das Verfahren für den einen so aus und für die andere ganz anders, obwohl ihre Geschichten ähnliche sind? Die Widerspruchsfrist gegen einen Bescheid ist gerade verstrichen. Welche rechtlichen Wege bleiben dennoch, um eine anderslautende Entscheidung zu ermöglichen? Aber vor allem, das machen die Ehrenamtlichen ganz deutlich, geht es ihnen um eins: Wer Politik macht und dabei zwangsläufig auch über Geflüchtete, ihre Rechte und Pflichten entscheiden muss, der soll auch ihre persönlichen Geschichten und Schicksale kennen. Aus erster Hand erfahren, welche Gründe hinter einer Flucht stecken, welche Sorgen vor der Zukunft da sind, wie sich die Unsicherheit anfühlt, solange über einen Antrag noch nicht entschieden ist.

Das bringt dieser Nachmittag auf jeden Fall mit sich. Die persönlichen Geschichten berühren, machen traurig und nachdenklich. Auch deshalb, weil die eigenen Möglichkeiten der Hilfe begrenzt sind. Wir geben Hinweise auf Beratungsangebote in rechtlichen Frage, raten zu, diese in Anspruch zu nehmen, wenn Zweifel an der Richtigkeit von Verfahren bestehen. Wir erläutern aber auch, warum nicht jeder Geflüchtete sofort Platz in einem Deutschkurs kriegen kann, dass die Kapazitäten begrenzt sind, auch weil es nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer gibt. Vor allem aber nehmen wir die Geschichten der Menschen mit, die uns gegenüber sitzen. Für einen Moment ist es ganz still geworden im sonst so hektischen Wahlkampf-Alltag. Keine Diskussion über Geflüchtete wird es mehr geben, in der wir nicht an diese drei Menschen und ihre Geschichten denken werden.

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