Baden-Württemberg

Mission Rotwald: Aus dem Schwarzwald in den Bundestag

Derya Türk-Nachbaur04. März 2021
Im Schwarzwald mussten SPD-Mitglieder jahrzehntelang ihr Parteibuch verstecken. Derya Türk-Nachbaur hat sich vorgenommen, das zu ändern. Mit ihrer „Mission Rotwald“ will sie für den Schwarzwald-Baar-Kreis in den Bundestag.

Dieses „Mission Rotwald“ kam mir zum ersten Mal bei einem Grußwort in einem ganz kleinen Ortsverein im tiefschwarzen Schwarzwald über die Lippen. An dem Abend galt es, einen verdienten Genossen zu ehren. Voller Bewunderung für den Mut und die Ausdauer des alten Mannes, der sich als Sozialdemokrat im stockkonservativen ländlichen Raum über viele Jahrzehnte hinweg zu behaupten wusste und sein rotes Parteibuch stets stolz in die Höhe hielt, hielt ich inne.

Im Schwarzwald das Parteibuch verstecken

Er hatte sich in keiner Sekunde seines über 90 jährigen Lebens davon abbringen lassen, für die Werte der Sozialdemokratie einzustehen. Sein Vater tat es auch schon. Im Krieg gegen die Nazis.

Viele andere Genoss*innen erzählten mir an diesem Abend, dass sie im tiefen Schwarzwald ihr Parteibuch verstecken mussten und nach wie vor Probleme haben, sich als SPD-Parteimitglieder im Schwarzwald zu erkennen zu geben. Einer erzählte mir von Auftragsverlusten, als sein Auftraggeber erfuhr, dass er Genosse war. So wunderschön die Gegend hier auch ist, es muss sich am „Schwarz-Wald“ etwas ändern. Das ist amtlich.

„Diskriminierung“ von Sozialdemokrat*innen

Ich konnte und wollte den ‚schwarz-Wald‘ nicht tatenlos hinnehmen. Meine „Mission“ stand an diesem Abend fest: Wir mussten gemeinsam diesen Schwarzwald röter färben. Es konnte nicht sein, dass aufrechte, ehrliche Menschen aufgrund der Parteizugehörigkeit zur ältesten und stolzesten Partei Deutschlands ‚diskriminiert‘ wurden.

Mit Diskriminierungen kenne ich mich bestens aus, daher spornen mich solche Erfahrungsberichte relativ schnell an. Diese Genoss*innen in dem kleinen Ortsverein gehören einer Minderheit an, obwohl sie mit ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihrer Kultur der Mehrheitsgesellschaft angehören. Das hat mich umgehauen. Und ‚Mission Rotwald‘ ward geboren.

In NRW geprägt durch Feste und volle Hallen

Falls Ihr Euch fragt, warum ich in meinem eigenen Kreisverband, der jetzt nun auch mein Wahlkreis ist, so erstaunt über die vorherrschenden Verhältnisse war: Ich bin nicht von hier. Geboren und aufgewachsen in NRW hatte ich ein ganz anderes Bild von einer SPD-Mitgliedschaft. Mich haben die Feste, die Maikundgebungen, die Ostermärsche und gefüllte Hallen geprägt.

Dass die politische Arbeit als SPD Mitglied hier im Schwarzwald-Baar Kreis nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig ist, habe ich in den letzten Jahren meiner Tätigkeit als Stadträtin und Fraktionssprecherin natürlich auch selber hautnah erleben dürfen. Als SPD durften wir bei der Kommunalwahl in meinem Städtchen mit einem höheren einstelligen Prozentergebnis Erfolge feiern. Wir konnten zumindest unsere zwei Sitze im Gemeinderat halten. Wir haben hier lernen müssen, genügsam zu sein. An den Wahlkampfinfoständen erinnere ich mich an zahlreiche Gespräche wie:

„Die SPD kann ich nicht wählen. Ich bin doch katholisch.“

„Sie machen so tolle und mutige Arbeit, Frau Türk-Nachbaur. Sie haben eine klare Haltung und mischen den verstaubten Laden auf. Vor allem für die Familien hier in der Stadt haben Sie soooo viel bewirkt. Machen Sie weiter so!“

„Danke, Frau XY, dann darf ich ja sicher auf Ihre Stimme zählen…?“

„Ähm, nein. Die SPD kann ich nicht wählen. Ich bin doch katholisch!“

Echt passiert. Kein Witz.

Viele unserer Anträge scheinen im Gemeinderat per se abgelehnt zu werden, um gefühlt im nächsten Jahr dann von irgendwelchen anderen Fraktionen oder der Verwaltung mit einem umgeschriebenen Satz in Begleitung von Tusch und Konfetti angenommen und anschließend gefeiert zu werden.

Ja, es ist frustrierend.

„Ich jammere nicht. Ich will es ändern.“

Nein, ich jammere nicht. Ich will es ändern.

Ich weiß, dass ich es auch ändern kann.

Von diesen suboptimalen Voraussetzungen erzähle ich euch, damit ihr wisst, auf was für ein Abenteuer ich mich eingelassen habe, bei dem ihr mich hoffentlich in den nächsten Wochen und Monaten begleiten werdet.

Diese ausbaufähigen Startvoraussetzungen halten weder mich noch meine engagierten Genoss*innen in meinem Kreisvorstand davon ab, unsere Leidenschaft und die Begeisterung für echte sozialdemokratische Politik den Menschen näher zu bringen. Wir wissen, dass wir Game Changer im tiefsten Südwesten der Republik sein können. Ich weiß, dass meine Begeisterung ansteckend ist.

Mit ansteckender Begeisterung

Also habe ich meinen Hut in den Ring geworfen, um als Bundestagskandidatin für den Wahlkreis 286 eine starke, soziale Stimme in Berlin zu sein. Im Dezember durfte ich mich bei meiner Nominierungsveranstaltung über ein Ergebnis von 100 Prozent freuen, das mir hoffentlich ein bisschen mehr Glück bringt als unserem Genossen Martin Schulz.

Seither laufen die Vorbereitungen für den Bundestagswahlkampf aber nur auf kleinerer Flamme, da wir mitten im Landtagswahlkampf stecken. Erst machen wir am 14. März die Regierungsbeteiligung der SPD im Land klar und dann hoffentlich im September im Bund…

Habt ihr Lust, mir während meines Wahlkampfs ein wenig Gesellschaft zu leisten?

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