Industrie 4.0

Was kann ein Mensch besser als ein Roboter?

Doris Aschenbrenner10. Oktober 2016
„Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“, versuchte der „Spiegel“ im September zu erklären. Tatsächlich wird die Industrie 4.0 bestimmte Arbeitsplätze wohl überflüssig machen. Vieles, was uns Menschen auszeichnet, werden Maschinen aber nie ersetzen können.

Viele Artikel beschäftigen sich aktuell mit der Frage, welche Dinge Computer, Algorithmen oder eben Roboter besser können als Menschen. Sie fragen, welche Arbeitsplätze zukünftig verdrängt werden. So behauptete eine amerikanische Studie (1) im Jahr 2013, dass jeder zweite amerikanische Arbeitsplatz innerhalb der kommenden 20 Jahre dem Risiko ausgesetzt sei, durch Automatisierung und Digitalisierung „ersetzt“ zu werden oder sich strukturell stark zu wandeln.

Die Ergebnisse lassen sich ähnlich auch auf Europa übertragen (2). Für Deutschland gibt es in 42 Prozent der Berufe „technisches Automatisierungspotential“ – dies bezieht sich aber vor allem auf die Tätigkeiten und nicht auf die Berufe an sich. Klar ist: Die „einfachen“, sich wiederholenden, stark an einem Muster ausgerichteten Tätigkeiten werden wegfallen – über alle Berufsfelder hinweg.

„Kollege Roboter“ ist zehnmal günstiger als der Mensch

Das macht den „Kollege Roboter“ zu einer Bedrohung, denn er arbeitet mit einer „Bezahlung“ von drei bis sechs Euro pro Stunde etwa zehnmal günstiger als sein nach Metalltarif bezahlter menschlicher Kollege. Auch das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) teilt die Ansicht und prognostiziert (3) einen Arbeitsplatzabbau durch Industrie 4.0 von 60.000 Stellen, genauer gesagt werden über 490.000 bisher bestehende Arbeitsplätze bis 2025 verloren gehen, jedoch gleichzeitig auch 430.000 neue entstehen. Die längerfristige Perspektive ist bislang noch nicht eindeutig zu beantworten – haben doch die industriellen Revolutionen eins bis drei trotz aller Verwerfungen letztlich zu mehr Beschäftigung geführt.

Doch was können Computer besser als wir? Sie können besser Schach spielen, sie erkennen besser Gesichter und fahren vermutlich auch demnächst besser Auto als wir – eine notwendige Vorbedingung des „fahrerlosen Autos“. Maschinen können schon seit langem Dinge besser als wir Menschen – um genauer zu sein können sie meist eine spezielle Tätigkeit schneller oder präziser als wir ausüben. Ein gutes Beispiel ist das ABS, das Anti-Blockier-System bei Autos – es bremst besser als wir, wir fühlen uns aber eigentlich dadurch nicht bedroht.

Wird der Mensch von der Maschine abgehängt?

Der Computer ist jetzt allerdings nicht nur in einer Sache, sondern in vielen Dingen „besser“ als wir Menschen. Der digitale Wandel hat die gesamte Gesellschaft umfasst, beschleunigt sich immer weiter und wir haben das Gefühl, abgehängt zu werden. Irgendwie glaubt man, dass „sie“ irgendwann auch „alles“ besser können und echte Intelligenz besitzen, die der menschlichen überlegen ist. Dieses Gefühl wird natürlich durch Science-Fiction-Filme unterstützt, in denen Roboter immer realistischer erscheinen. Doch auch Medienberichte und Marketingstrategien zielen in diese Richtung. Gill. A. Pratt, der ehemalige Leiter des Roboter-Programm im amerikanischen Militärforschungszentrum „Darpa“, (4)  sieht es anders und warnt vor der „künstlichen Intelligenz“. „Tesla“-Gründer Elon Musk hat jetzt mit „Open AI“ ein gemeinnütziges Unternehmen ins Leben gerufen, damit die Roboter nicht die Weltherrschaft übernehmen.

Dabei ist „künstliche Intelligenz“ zuerst eine nicht ganz zutreffende Übersetzung aus dem Englischen, die mit „artificial intelligence“ eher die „künstliche Datenverarbeitung“ meint. Denn genau das können Computer besser als wir: wesentlich mehr Daten in wesentlich kürzerer Zeit verarbeiten. Und vielleicht gehört es zum Zeitgeist dazu, sich auf genau dies zu reduzieren – auf einen sehr leistungsfähigen Computer im Kopf. Aber sind wir das auch, ist das alles?

Maschinen werden niemals empathisch sein

Computer und Roboter können – bis auf weiteres – nicht wirklich „denken“, nicht emotional reagieren und sie besitzen keine Kreativität. Es sind mal wieder die „Soft Skills“ die uns unterscheiden – und die werden in Zukunft dadurch eine noch größere Rolle als aktuell spielen. Können Sie sich ein Computerprogramm vorstellen, das Einfühlungsvermögen besitzt, und dem man auch vertrauen kann?

Die Fähigkeit einen komplexen Zusammenhang herunter zu brechen, anstatt sich in Details zu verlieren zeichnet die menschliche analytische Kompetenz aus. Wir haben eine „Intuition“ die Computer bislang überlegen ist. Genau die „anstrengenden Dinge“, wie einen Konsens im Team herzustellen oder die unvermeidlichen Konflikte eines jeden Arbeitslebens zu lösen, werden uns in Zukunft von der Maschine abheben, die die „einfachen Dinge“ eben besser kann als wir, die „schwierigen“ aber bis auf lange Zeit noch nicht.

 

(1) Frey, Carl Benedikt, and Michael A. Osborne. "The future of employment: how susceptible are jobs to computerisation." Retrieved September 7 (2013): 2013.

(2) Bonin, Holger, Terry Gregory, and Ulrich Zierahn. "Übertragung der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland." ZEW Expertises 57 (2015).

(3) Wolter, Marc Ingo, et al. "Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft." Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations-und Berufsfeldprojektionen. IAB-Forschungsbericht 8 (2015): 2015.

(4) Pratt, Gill A.. 2015. "Is a Cambrian Explosion Coming for Robotics?" Journal of Economic Perspectives, 29(3): 51-60. DOI: 10.1257/jep.29.3.51

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Kommentare

Grundeinkommen als Plan B

Es geht am eigentlichen Problem vorbei, wenn wir uns gegenseitig damit beruhigen, was der Mensch (derzeit) besser als die Maschine kann. Wer auf den Übergang ins "Zweite Maschinenzeitalter" (Brynjolfsson & McAfee) angemessen reagieren will, sollte vor allem 3 Dinge zur Kenntnis nehmen:
1. Seriöse Voraussagen über die technische Entwicklung im ITK- und digitalisierbaren Bereich über einen Zeitraum von mehr als 5 Jahren sind nicht möglich.
2. Die explosionsartige Dynamik exponentieller Entwicklung wird regelmäßig unterschätzt, weil sie nicht auffällt, solange die Zahlen klein sind. In immer mehr Schlüsselbereichen unserer Wirtschaft beginnt sie uns nun über den Kopf zu wachsen.
3. Die Studie aus Oxford zeigt, dass im Schnitt ca. 50% aller beruflichen Tätigkeiten beim heutigen Stand der Technik automatisierbar sind. D.h. nicht, dass 50% der Berufe verschwinden, sondern nur halb so viele Menschen benötigt werden. Und es werden auch neue Jobs entstehen: Je einer für 20 wegautomatisierte!
Der prognostizierte Verlust von 18 Mio. Jobs in den nächsten Jahren in D ist nicht sicher, aber möglich. Daher sollten wir für diesen Fall einen Plan B haben: z. B. das Grundeinkommen.

Automation verdrängt immer menschliche Arbeit

Die Arbeitslosenzahlen und die der Unterbeschäftigung belegen das eindeutig. Wenn Arbeitnehmer sich nicht stetig fortbilden können und Arbeitslose nicht fortgebildet werden, hat man ein grosses Problem.

Mit der Automation will man die wirtschaftliche Tätigkeit ausweiten, was erst Arbeitsplätzte schaffen kann, aber nicht muss.

Die durch Automation entstehende Arbeitslosigkeit des eigenen Landes wird aber dann lediglich exportiert, wenn Hersteller in anderen Ländern nicht ebenfalls automatisieren.

Je einförmiger Gesellschaften durch Erziehung und Konditionierung gemacht werden, und das ist in einer Massengesellschaft zwangsläufig, sonst wäre sie keine solche, desto einfacher lassen sich menschliche Tätigkeiten automatisieren.

Die Übertragung menschlicher Erfahrung aus Arbeitsprozessen in mechanisierte, maschinisierte und automatisierte Form ist grundsätzlich nicht begrenzt.

Die Debatte um "künstliche Intelligenz" bleibt fruchtlos, solange man nicht festlegen kann, was den natürliche Intelligenz sei.

Menschliche Verhaltensweisen konnten bereits mit einfachen Programmen nachgeahmt werden, wie Joseph Weizenbaum mit seinem 1966 entwickelten Programm ELIZA vorführte.