Der Kniefall bleibt eine Mahnung zu dauerhafter Friedenspolitik

Christian Wolff04. Dezember 2020
Als ich 1970 die Bilder von Willy Brandts Kniefall im Fernsehen sag, verspürte ich einen innigen Stolz. Auch 50 Jahre später sind die Ereignisse in Warschau eine bleibende Mahnung zu einer dauerhaften Friedenspolitik und zur europäischen Einigung.

Egon Bahr (1922 bis 2015), engster Mitarbeiter von Willy Brandt (1913 bis 1992), konnte ihn damals nicht sehen, den Kniefall von Warschau vor 50 Jahren. In seinen Erinnerungen (Egon Bahr, „Das musst du erzählen“. Erinnerungen an Willy Brandt, Berlin 2013) notiert er: „… vor uns eine Wand von Journalisten, als es plötzlich still wurde. Auf die Frage, was denn los sei, zischte einer: ‚Er kniet.‘“ (Seite 105)

Ich verspürte einen stillen, innigen Stolz

Dieser 7. Dezember 1970 ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Gerade 21 Jahre alt, voller Euphorie der SPD beigetreten, an der Universität Heidelberg studierend und engagiert in der Studentenbewegung verspürte ich, als ich am Abend des 7. Dezembers die Bilder im Fernsehen sah, einen stillen, innigen Stolz: Dieser Willy Brandt, endlich Bundeskanzler, endlich einer, der nicht in die Naziherrschaft verstrickt war und mit dem ich mich identifizieren konnte, hat sich stellvertretend für Deutschland zur unermessliche Schuld seines Volkes bekannt.

Er ist vor dem Warschauer Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos auf die Knie gegangen und verharrte einige Momente in dieser Pose. Damit hat Willy Brandt nicht nur den Weg bereitet für die Aussöhnung mit dem polnischen Volk (damals war es der erste Besuch eines Bundeskanzlers in Polen nach 1945). Er hat mit seiner Geste den mühevollen Weg zur europäischen Einigung geebnet. Brandt hat dies in einer Weise getan, die in dem Moment des Kniefalls keinen hämischen Zwischenruf, keine Beifallskundgebung, keinen einschränkenden, relativierenden Nebensatz zuließ und sich abseits aller protokollarischen Üblichkeiten bewegte. Er selbst sagte:

Der Kniefall von Warschau, den man in der ganzen Welt zur Kenntnis nahm, war nicht geplant. Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.

Brandt verband Politik und Moral

Mit Recht wird dieser Kniefall als Jahrhundertereignis gewertet. Denn Brandt hat (nicht nur hier) glaubwürdig miteinander verbunden, was leider viel zu oft auseinanderfällt: Politik und Moral. Historische Entwicklungen zu mehr Frieden, zu mehr Menschenwürde, zu mehr Demokratie können nur aus dieser Verbindung erwachsen.

Das Ganze geschah in der Anfangszeit der aus SPD und FDP bestehenden sozialliberalen Koalition. Sie war gerade ein Jahr im Amt, verfügte nur über eine knappe Mehrheit im Bundestag und sah sich einem Trommelfeuer der politischen Rechten und konservativer Medien vor allem der Springer-Presse ausgesetzt. Brandt war für viele ein Vaterlandsverräter, fünftes Rad am Wagen der Sowjetunion, „Willy Brandt an die Wand“ war ein Slogan der Rechtsextremisten.

Die Zeit war reif für die neue Ostpolitik

Aber Willy Brandt und sein engster Mitarbeiter Egon Bahr hatten ein Gespür dafür, dass 25 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus die Zeit reif war für die neue Ostpolitik, für eine – damals heiß umstrittene – Anerkennung der sogenannten Oder-Neiße-Linie, also der nach 1945 Polen überlassenen Gebiete des „Deutschen Reiches“. Dennoch war die Bevölkerung in Westdeutschland, heute würde man sagen: tief gespalten. Laut einer im „Spiegel“ im Dezember 1970 veröffentlichten Allensbach-Umfrage hielten 41 Prozent der Bevölkerung den Kniefall für angemessen, 48 Prozent meinten, diese Geste sei übertrieben.

Der damalige Chefredakteur der BILD-Zeitung und spätere Regierungssprecher unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Peter Boenisch kommentierte den Kniefall Brandts in der BILD am Sonntag am 13. Dezember 1970: „Dieses katholische Volk weiß, dass man nur vor Gott kniet. Und da kommt ein vermutlich aus der Kirche ausgetretener Sozialist aus dem Westen und beugt die Knie. Das rührt das Volk. Aber rührt es auch die Opfer des Stalinismus?“ Abgesehen von der BILD eigenen Perfidie dieses Kommentars – offensichtlich ahnte auch ein Boenisch, dass Brandt mit seiner eindringlichen Geste die Deutschen in West und Ost tief berührt, ergriffen hat und – wie sich später zeigte – mit seiner Aussöhnungspolitik überzeugen konnte, aller Propaganda der BILD-Zeitung zum Trotz.

Der Kniefall ist eine bleibende Mahnung

In einer Zeit, in der wieder die Relativierer der deutschen Schuld unterwegs sind und die politische Rechte vom „Kriegsschuldkult“ sprechen, ist es wichtig, dass wir an dieses Ereignis vor 50 Jahren erinnern: nicht um einer historischen Reminiszenz willen; vielmehr ist dieser Kniefall eine bleibende Mahnung zu einer dauerhaften Friedenspolitik, zum unbedingten Verzicht auf kriegerische Gewalt, zur europäischen Einigung. Der Schriftsteller Navid Kermani sagte in seiner großen Rede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes am 23. Mai 2014 im Deutschen Bundestag:

Denn wann und wodurch hat Deutschland, das für seinen Militarismus schon im 19. Jahrhundert beargwöhnte und mit der Ermordung von 6 Millionen Juden vollständig entehrt scheinende Deutschland, wann und wodurch hat es seine Würde wiedergefunden? Wenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort ‚Würde‘ angezeigt scheint, dann war es … der Kniefall von Warschau.

Es sollte nicht nur für die Sozialdemokratie täglicher Ansporn sein, in diesem Geist auch heute die Außen- und Friedenspolitik zu gestalten und den Zusammenhang von Politik und Moral nie aus den Augen zu verlieren.

Der Text erschien zuerst im Blog des Autors.

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Kommentare

Was füpr eine Zeit ?

Tatsächlich kriegstreibende Politik und Propaganda hat der werte Autor offenbar nicht auf dem Schirm, wenn es um die Mahnung zum Frieden geht.

Natürlich kann man das Augenmerk allein auf unglaubhafte Einlassungen durch "Rechte" und "Ewiggestrige" lenken, dringender wahrzunehmen ist jedoch die aktuelle Aggressionspolitik, die mit teils vollkommen unlogischen Erzählungen aus der Nowitchok-Kiste Handelskriegsmaßnahmen und "Stärke zeigende" Manöver an der russischen Grenze "begründet".

Wandel durch Annäherung usw... mal weggelassen, "der böse Russe" war während des gesamten "kalten Kriegs" ein zuverlässiger Handelspartner und Lieferant, diese sicherlich unzureichende gemeinsame Interessenbasis wird gerade absichtlich zerstört.

Es ist ja auch so viel friedensfördernder wenn man den "guten alten" Kalten Krieg wieder aus dem Mülleimer holt und wieder die Mär des "guten" gegen den "bösen" monolithischen Machtblock erzählt....