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Kinderarmut zum Wahlkampfthema machen!

Wolfgang Gründinger24. Juli 2017
Die wachsende Kinderarmut wird oft vergessen – auch im Wahlkampf. Stattdessen redet alle Welt wieder einmal über Altersarmut. Das ist die falsche Priorität.

Rente, Sicherheit, Flüchtlinge – das sind die Wahlkampf-Schlager des Jahres. CSU-Chef Seehofer möchte gerne ein zweites Mütterrenten-Paket, und die SPD schlägt einen höheren Rentenzuschuss aus der Steuerkasse vor.

Ein Déjà-Vue-Erlebnis: Schon nach der letzten Wahl 2103 verabschiedete die Regierung im Hauruck-Verfahren außerplanmäßige Rentenerhöhungen von zehn Milliarden Euro pro Jahr, die allerdings nur den Rentnern bis etwa 2030 zugute kommen. Dazu kam 2016 die Angleichung der Ost-West-Rente, durch die junge Ostdeutsche aber netto benachteiligt werden (für sie bedeutet die scheinbare Wohltat nämlich geringere Renten, wenn sie selbst mal alt sind).

Dies alles waren Maßnahmen, die gegen Altersarmut gar nicht wirkten und auch gar nicht wirken sollten. Sie halfen nahezu allein der Mittelschicht. Auch die Stabilisierung des Rentenniveaus, wie es nun gefordert wird, ist kein Instrument im Kampf gegen Altersarmut. Die wirklich Bedürftigen haben davon wenig bis nichts.

Kinderarmut: das unterschätzte Problem

Das ist die falsche Priorität. Denn: Altersarmut wird überschätzt, aber Kinderarmut wird unterschätzt. Altersarmut ist bei weitem nicht so verbreitet, wie bisweilen behauptet wird. Horror-Meldungen, denen zufolge bald jeder Zweite in Altersarmut leben werde, sind falsch und entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Im Jahr 2015 waren 3,0 Prozent der Älteren auf Grundsicherung angewiesen. Bis zum Jahr 2030 wird diese Zahl auf rund 5,4 Prozent steigen, wie das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik berechnet – fast eine Verdopplung, aber immer noch auf relativ niedrigem Niveau.

Zum Vergleich: 14,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen leben in Familien mit „Hartz-IV“-Bezug. Und ihre Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen: 2011 waren es noch 14,4 Prozent.

Kinderarmut ist ein wesentlich gravierendes Problem als Altersarmut. Diskutiert wird darüber nicht. In einer Auswertung von 200 Talkshows stellte der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow fest: Über Altersarmut und Rente wird öfters diskutiert, über Kinderarmut aber sage und schreibe exakt null (!) Mal.

Wenig Hoffnung für arme Kinder

Die Bundesregierung macht momentan wenig Hoffnung auf Verbesserung. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht deutet lediglich an, man könne ja mal das missglückte Bildungspaket für Familien mit Hartz-IV-Leistungen prüfen. Unterdessen wurde das geplante Kita-Qualitätsprogramm auf Eis gelegt.

Dabei müsste genau hier die Sozialpolitik ansetzen: Denn die armen Kinder von heute sind die armen Rentner von morgen. Wir brauchen Elite-Kitas und Luxus-Schulen für alle – statt nur für die oberen Zehntausend; und wir brauchen eine Familienpolitik, die sich endlich auf die Bedürftigen konzentriert.

Das heißt nicht, zum Krieg der Generationen zu blasen. Sondern: Wenn heute mehr Kinder und Jugendliche von staatlichen Sozialleistungen abhängig sind als Rentner, dann müssen wir dringend unseren Fokus auf die wirklich Bedürftigen legen. Hoffentlich wird auch Kinderarmut im Wahlkampf in den Talkshows, auf Plakaten und im TV-Duell vorkommen. Den Kindern und ihren Familien wäre es zu wünschen.

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