Keine Energie fürs Private: Wenn die Arbeit zur Last wird

Alice Greschkow23. November 2017
Viele Menschen kommen völlig erschöpft von der Arbeit nach Hause, zeigt eine aktuelle Studie. Ihnen bleibt kaum Zeit für Freunde und Familie. Nicht nur Vollzeit-Beschäftigte sind betroffen, auch Menschen in Teilzeit spüren den Stress. Frauen sind häufig doppelt belastet.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat den „DGB-Index Gute Arbeit 2017“ vorgestellt – mit durchwachsenen Ergebnissen: Lediglich 13 Prozent der knapp 5.000 Befragten bewerten die eigene Arbeit als gut, jedoch sehen 37 Prozent ihre Beschäftigung im oberen Mittelfeld. Bei dem Index, der insgesamt elf Kriterien wie „Sinn der Arbeit“, „Einkommen“ und „Beschäftigungssicherheit“ erhebt, hat sich seit der vorangegangen Erhebung vor drei Jahren wenig getan. Ein Punkt fällt aber besonders auf: 41 Prozent der Befragten geben an, nach Feierabend zu erschöpft fürs Private zu sein – Familie und Freunde bleiben auf der Strecke.

Teilzeit bedeutet nicht mehr Entspannung

Entgegen des weitverbreiteten Glaubens, dass Teilzeitbeschäftigte weniger Stress ausgesetzt seien, zeigt die Studie des DGB, dass Teilzeitbeschäftigte nicht weniger erschöpft sind von der Arbeit. Der Grund: die emotionalen Faktoren erschöpfen Arbeitnehmer am meisten. Dazu gehören herablassendes Verhalten am Arbeitsplatz, Konflikte mit Kunden oder die Sorge vor dem Verlust der Stelle. 43 Prozent der Vollzeitbeschäftigten geben daher an, nach der Arbeit sehr häufig oder häufig zu erschöpft für Privates zu sein, bei den Teilzeitbeschäftigten sind es 39 Prozent.

Frauen berichten zudem häufiger als Männer von der Erschöpfung und dem Gefühl, dem Privatleben nicht ausreichend Zeit widmen zu können. Das hängt auch mit der Kindererziehung zusammen: Mütter in Vollzeit geben an, im Schnitt 39 Stunden pro Woche für die Betreuung der Sprösslinge aufzuwenden, Väter in Vollzeit 13 Stunden weniger. Das Muster ist ähnlich bei den Teilzeitbeschäftigten: Frauen geben an, im Schnitt 40 Stunden auf die Kinderbetreuung aufzuwenden, Männer 29 Stunden.

Konservative Arbeitszeitmodelle gewünscht

Neben der emotionalen Belastung kritisieren Arbeitnehmer auch Beschäftigungsverhältnisse bei denen sie mehr als 45 Stunden pro Woche arbeiten und ständige Erreichbarkeit erwartet wird: Die Ablenkung durch die Einsatzbereitschaft beinträchtige das Privatleben, so die Befragten. Diese Aussagen decken sich mit den Ergebnissen einer Studie des Forschungsinstituts Civey, bei der wie vom DGB ebenfalls 5.000 Menschen interviewt wurden. Knapp 68 Prozent der Befragten möchten am Acht-Stunden-Tag festhalten und sprechen sich gegen eine Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle aus. Lediglich bei Studenten und Selbstständigen ist der Anteil der Befürworter der flexiblen Arbeitszeiten höher.

Obwohl Work-Life-Balance in den vergangenen Jahren ein Trendthema gewesen ist, scheint die Umsetzung des Ausgleichs zwischen Arbeit und dem Privatleben bei vielen Beschäftigten nicht angekommen zu sein. Dabei ist mittlerweile klar, dass stabile soziale Beziehungen zu Freunden und Verwandten gesund und glücklich machen – sie senken das Stressniveau und heben die Stimmung. Wenn Schuldgefühle der Unzulänglichkeit jedoch das Privatleben überschatten hat dies jedoch nur eines zur Folge: noch mehr Stress und Unzufriedenheit.

Politik muss Balance zwischen Freiraum und Arbeitnehmerschutz gewähren

Nachdem Christoph Schmidt, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen, mit seiner Aussage, der Acht-Stunden-Tag sei veraltet, für Furore sorgte, dürfen sich politische Entscheider nicht von solchen Analysen beirren lassen. Sie zeigen nämlich nur eine Seite der Medaille: die Flexibilisierung ist einerseits durch Zeitkonten oder Vertrauensarbeitszeit für viele Arbeitnehmer Realität geworden, andererseits bedeutet dies nicht, dass dies auch für die breite Masse richtig ist.

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