Kampf gegen den Klimawandel: Warum Verzicht keine Lösung ist

Felix Eggersglüß29. November 2019
Um dem Klimawandel zu begegnen, predigen viele den Verzicht. Das ist fatal, denn mit der Verzichtslogik ist keine sozial-ökologische Transformation zu machen. Was wir brauchen, ist ein echtes Zukunftsprojekt.

Die Dürresommer der vergangenen Jahre, sichtbare Klimafolgen und das große Engagement der Fridays for Future-Bewegung haben die Notwendigkeit der Energiewende endlich ganz oben auf die politische Agenda gesetz. Doch der teilweise um sich greifende Ruf nach Verzicht könnte die Energiewende vor die Wand fahren: Denn wir brauchen nichts dringender als massive Zukunftsinvestitionen für einen gesellschaftlichen Umbau nie gekannten Ausmaßes! Die Verzichtslogik ist damit nicht vereinbar – genauso wenig wie sie zu Demokratie, den Zielen der Aufklärung und einem modernen Leben passt. Stattdessen brauchen wir endlich ein neues Fortschrittsprojekt.

Der blinde Fleck der Fridays for Future

Die Fridays for Future-Bewegung hat geschafft, woran die Klimapolitikerinnen und Experten bisher Jahren gescheitert sind: Sie hat den Kampf gegen den Klimawandel als entscheidende Menschheitsfrage ganz nach vorn gebracht. Daran sollten wir jetzt alle gemeinsam anknüpfen. Aus einer distanzierteren soziologischen Sicht muss es auch erlaubt sein, auf die „blinden Flecke“ dieser bahnbrechenden Bewegung hinzuweisen: Als Protestsystem sind FFF auf eine eher kritisierende bzw. fordernde Rolle beschränkt. Und aus ihrer gesellschaftlichen Situation als junge Menschen, die noch nicht von Erwerbsarbeit abhängig sind, haben sie häufig einen durchaus befreiten Blick von der Seitenlinie.

Das führt zu vielen allgemein richtigen Forderungen (z.B. Priorität der Energiewende, Ende aller klimaschädlichen Subventionen, Kritik am industriellen Landwirtschaftskomplex etc.). Auch der konkrete Ruf nach „Verzicht“ ist an vielen Stellen absolut berechtigt (auf Plastik, Inlandsflüge, Billigfleisch, Glyphosat etc.). An einigen Stellen erhält damit jedoch eine fatale Verzichtslogik Auftrieb.

Die Verzichtslogik führt in die Irre

Wohin die Ideologie des Verzichts führen kann, lässt sich bei dem Ökonomen und Wachstumskritiker Niko Paech sehen: Er fordert, dass die Menschen sich auf ein CO2-armes Leben im Kleinen beschränken sollten. Bei Paech geht dies u.a. einher mit merkwürdigen Vorstellungen von erstrebenswerter kultureller Reinheit. Diese würde wieder aufleben, wenn örtliche Communities nicht mehr von „Fremden“ besucht und beeinflusst würden, argumentier er. Mit viel Moralin stellt er sich gegen alle anderen Modelle und Vorstellungen. Denn Paech sieht fortschrittliche und technische Lösungen für den ökologischen Umbau bereits als gescheitert an. Man könnte ihn mit Fug und Recht als „Chefideologen“ der Verzichtslogik bezeichnen.

Doch was wäre, wenn die Verzichtslogik das politische Handeln bestimmen würde? Die Folgen wären klar: Viele gesellschaftliche Ziele, die wir dank politischer Ideen der Aufklärung, Arbeiterbewegung und Emanzipation angenommen haben, müssten schnell über Bord geworfen werden. Dazu gehören der Anspruch auf ein gutes Leben und gute Arbeit für alle, das Ziel wachsender demokratischer wie wirtschaftlicher Teilhabe und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten z.B. durch Mobilität. Gegen Angriffe auf diese Grundpfeiler des Fortschritts sollte sich die Fridays for Future-Bewegung wappnen. Denn Paech und seine Verzichtslogik wollen eine Energiewende unter dem Motto „Zurück in die Höhle“.

Die Vorherrschaft des Verzichts würde ganz praktisch bedeuten, dass Armut und Hunger weltweit wieder stärker anwachsen müssten. Mit der Verzichtslogik müssten sich nicht nur westliche, sondern auch asiatische Staaten einer Radikalkur verschreiben, um ihren Lebensstandard abzusenken. Und spätestens damit wäre das Verzichtsprojekt zum Scheitern verurteilt. Zumindest dann, wenn der Anspruch auf ein gutes Leben und demokratische Selbstbestimmung entschieden verteidigt werden.

Die sozial-ökologische Transformation ist das Gegenteil von Verzicht

Dabei liegten die Blaupausen, wie die Energiewende gelingen kann, liegen seit Jahren auf dem Tisch. Im Kern geht es dabei um das Gegenteil von Verzicht, nämlich darum, noch eine Schippe drauf zu legen! Anders wird sich die industrielle sozial-ökologische Transformation nicht bewerkstelligen lassen. Denn sie kann qua Definition kein Verzichtsmodell sein, sondern nur ein riesiges Wachstumsmodell – gesellschaftlich wie wirtschaftlich.

Wenn wir das Leben in der digitalen Moderne CO2-neutral gestalten wollen, brauchen wir einen enormen Strukturausbau – in Stromtrassen, Schienennetze, E-Ladestationen, Mischwaldaufforstung, Gebäudedämmung, Windparks, Solaranlagen u.v.m. Genauso dringend notwendig sind nie gekannte Mengen an elektrischem Strom – und zwar aus Erneuerbaren Energien. Allein der Umstieg auf E-Autos wird gigantische Energiemengen verschlingen.

Fortschritt mit klimapositivem Wachstum, guten Arbeitsbedingungen, Massenwohlstand und demokratischer Selbstbestimmung: Gesamtgesellschaftlich gesehen, kann nur das der Weg der Energiewende sein. Zumindest aus sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Sicht. Dieser Fortschritt hat einen hohen Preis. Nicht nur finanziell – auch gesellschaftlich wird in vielen Bereichen kein Stein mehr auf dem anderen bleiben können.

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