Arbeitsleben

Sind junge Arbeitskräfte ängstlich, aber anspruchsvoll?

Alice Greschkow12. Oktober 2017
Immer wieder klagen Unternehmer: Junge Arbeitnehmer seien heutzutage verwöhnt und arbeitsscheu. Doch stimmt das? Und woran könnte das liegen? Eine These: Der Trend zur Work-Life-Balance ist das Resultat vergangener Krisen sowie der Verschulung des Bildungssystems.

Ich höre immer wieder von Unternehmern aus der Hauptstadt und anderen Regionen: Die jungen Menschen taugen einfach zu nichts! Zu anspruchsvoll bei den Gehaltsvorstellungen, zu fordernd bei den Arbeitsbedingungen, dafür aber zu bequem, um härter zu arbeiten und über sich hinauszuwachsen. Ich – selbst erst Ende 20 und seit zwei Jahren im Berufsleben – wundere mich: Ist diese Generation wirklich so verkorkst?

Angst beflügelt Ansprüche

Kürzlich erzählte mir ein Unternehmer, er könne keine Ingenieure finden, die er für drei Monate nach China auf eine Baustelle schicken könne. Lebenspartner und Familie hätten Priorität. Ein Anderer berichtete, wie ein Bewerber bereits im Kennenlerngespräch fragte, ob ein Sabbatjahr bereits nach 24 Monaten möglich wäre. „Sowas hätte ich mich früher nicht getraut“, sagte er. Ein Dritter erklärte, dass eine Berufseinsteigerin bereits seit einem Jahr in Teilzeit arbeite – ohne Anstalten zu machen aufzustocken. So habe sie genug Zeit für Reisen und ihre Freunde. Es scheint bei solchen Geschichten, als wären junge Arbeitnehmer verwöhnt und arbeitsscheu.

Meine These: Menschen, die sich in ihren Zwanzigern befinden, hatten in den wichtigen Jahren des Erwachsenwerdens mit einem gefühlten Abriss von Sicherheit zu kämpfen und befinden sich seitdem im Angst-Modus. In den 1990er-Jahren, als die heutigen Berufseinsteiger Kinder waren, schienen globalen Krisen fern zu sein. Es soll eine Zeit des Hedonismus und des Aufbruchs nach dem Ende des Kalten Krieges gewesen sein. Dann: 11. September, Terrorismus, Immobilienkrise, EU-Krise, unsichere Arbeitsplätze. Die Welt wurde von einem Ort der Sicherheit zu einem Ort des Chaos, in dem nur die Familien Stabilität brachten. Arbeitsmodelle, die auf einmal fragil und sinnlos wirkten, wurden infrage gestellt. Der Trend zur Work-Life-Balance entwickelte sich.

Bildungssystem wie ein Korsett

Hinzu kommt, dass sich während dieser Krisen das deutsche Bildungs- und Qualifikationssystem drastisch geändert hat. Stichwort: Bologna-Reform. Die Verschulung der Hochschulbildung führte zu weniger Freiräumen, um selbstständig zu denken. Anwesenheitspflicht und striktere Stundenpläne raubten die Zeit für Ehrenamt und Nebenjobs. Prüfungsleistungen wie Hausarbeiten müssen mittlerweile kreativlos nach Schema F angefertigt werden. Daran schloss sich auch die Entwicklung an, dass für viele Berufe, für die früher eine Berufsausbildung gereicht hätte, ein Hochschulabschluss notwendig ist – der Bachelor.

Kaum Reifezeit, wenig Akzeptanz fürs Scheitern und der Druck im Hinterkopf, dass man wegen der Wirtschaftskrise nur leisten und abarbeiten muss, raubten möglicherweise so manch einem die Eigeninitiative, den Mut, die Selbstständigkeit. Es kann schließlich kein Zufall sein, dass auf dieser Generation von vielen Seiten wegen ähnlicher Probleme herumgehackt wird. Fakt ist, dass laut dem Institut für Arbeits- und Berufsforschung die Deutschen im ersten Quartal 2017 so viele Stunden gearbeitet haben wie seit 25 Jahren nicht mehr, aber dass die Produktivität trotzdem nicht wächst.

Vergangenheit fördert Frust

Natürlich spielen das Bildungssystem und der Zeitgeist eine entscheidende Rolle dafür, dass die Prioritäten sich scheinbar in Richtung Work-Life-Balance verlagert haben, aber ich befürchte, dass insgeheim auch sehr viel Frust mitspielt. Unabhängig davon, ob Unternehmer heutzutage schlicht härter mit der Bewertung und den Anforderungen an ihre Arbeitnehmer sind, wird der Sinn der Arbeit infrage gestellt, da früher vermeintlich alles besser war. Man kennt die Aufstiegsgeschichten wohlmöglich aus der eigenen Familie, in der es mit dem Gehalt eines Alleinverdieners möglich war, die Angehörigen zu ernähren und ein Haus zu bauen. Dies ist für viele junge Menschen nicht mehr möglich – wozu dann noch die Mühe?

Wenn Unternehmer tatsächlich ihr Personal fördern möchten und wohlmöglich aus einer anderen Generation kommen, müssen sie geduldiger sein, sofern sie ihr Personal langfristig halten und aufbauen möchten. Mut zu Eigeninitiative oder langen Geschäftsreisen kommt nicht von allein.

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